05.04.2020
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14.01.2020

Produktion

Wie viel Umweltauswirkung steckt im Baumaterial?

Wer heute baut, muss nicht nur genau auf die Kosten schauen, sondern auch auf die Umweltauswirkungen. Ökobilanzen und Umweltprodukt-Deklarationen helfen bei der Kalkulation. Was man dabei alles richtig und falsch machen kann, sagt uns Dr. Alexander Röder, Geschäftsführer des Instituts Bauen und Umwelt.

Wie viel Umweltauswirkung steckt im Baumaterial?

UmweltDialog: Ökobilanzen und Produktdeklarationen helfen uns dabei, den ökologischen Fußabdruck eines Gebäudes besser zu verstehen. Wie spielt das alles zusammen, und welche Rolle spielt das IBU dabei?

Dr. Alexander Röder: Bei der Ökobilanz eines Gebäudes möchte man ja, wie gesagt, sämtliche Umweltauswirkungen über den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes erfassen. Dazu gehört alles von der Extraktion der Rohmaterialien, der Herstellung und dem Transport der Materialien, über den Einbau ins Gebäude und die Nutzungsphase, bis hin zum Rückbau, der Wiederverwertung oder Deponierung beziehungsweise anderweitigen Entsorgung. 

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Um das genau messen zu können, muss man im Prinzip hingehen und sich jedes einzelne Material genau ansehen: Wo kommt es her? Welche Umweltauswirkungen fallen in den einzelnen Lebenszyklusphasen an? Wie viel Kilogramm CO2 -Äquivalent oder welche anderen Umweltwirkungen ergibt das in Summe pro Kubikmeter, Tonne oder Stück von diesem und jenem Material? 

Wenn man das bei jedem einzelnen Gebäude für jedes einzelne Material von neuem macht, ist das extrem aufwändig. Deshalb wurden bereits in den 90er-Jahren Datenbanken gebildet, in denen Informationen über bestimmte Materialien zusammengefasst zur Verfügung gestellt wurden. Die Umweltproduktdeklarationen, EPDs, waren der konsequente nächste Schritt in dieser Entwicklung zu mehr Transparenz und Datenverfügbarkeit. Durch das Schaffen eines gemeinsamen Rahmens mit einheitlichen Rechen- und Bilanzierungsregeln, wurde sichergestellt, dass die Daten, die aus unterschiedlichen Datenbanken kommen, auch weitgehend vergleichbar sind. 

Wer heute als Bauherr oder Planer eine Ökobilanz seines Gebäudes erstellt, braucht im Prinzip einfach nur die EPDs der einzelnen Materialien aufzusummieren und dann noch die Umweltauswirkungen aus der Energiebereitstellung in der Nutzungsphase sowie Wartung oder Austausch - also für Heizung, Kühlung, elektrische Geräte - hinzuzuaddieren. Schon hat man die Ökobilanz des Gebäudes. 

Wir als IBU unterstützen diesen Prozess in dem wir EPDs für eine Vielzahl von Bauprodukten veröffentlichen. Externe Experten, die die EPDs verifizieren sichern Transparenz und Neutralität, ein unabhängiger, hochkarätiger Sachverständigenrat überprüft außerdem ständig unsere Programmregeln. Die Verlässlichkeit in dieser Vorgehensweise hat uns zum größten EPD-Programmhalter in Europa gemacht. 

Das klingt einfach. Kann man da was falsch machen? Was sind mögliche Fehlerquellen bei der Arbeit mit EPDs?

Dr. Röder: Ökobilanzen und EPDs sind sehr machtvolle Werkzeuge für die Bewertung von Nachhaltigkeit. Allerdings muss man sich darüber im Klaren sein, dass diese Bewertung im Allgemeinen nur auf der Ebene des einzelnen Gebäudes sinnvoll ist.
Wenn man Materialien direkt durch Nebeneinanderstellen der EPDs miteinander vergleicht, verliert man den so wichtigen Gebäudekontext. Nur in Ausnahmefällen sind zwei Materialien vollkommen funktional äquivalent, und nur dann ist ein solcher Vergleich zielführend. In den meisten Fällen hat der Einsatz unterschiedlicher Materialien weitere Konsequenzen, die sich nur im Rahmen einer Gebäude-Ökobilanz sauber analysieren lassen.

Auf der anderen Seite darf man auch nicht den Fehler machen, die Ergebnisse von einzelnen Gebäuden beispielsweise auf ein ganzes Land zu übertragen. Jedes Projekt ist einzigartig, und neben Faktoren wie der Architektur des Gebäudes, seiner Ausrichtung und Verschattung beeinflussen auch das lokale Klima und die lokale Verfügbarkeit beziehungsweise die Transportdistanz zum Bauproduktehersteller die Ökobilanz und damit auch die Vorteilhaftigkeit einzelner Produkte deutlich. Leider sehen wir regelmäßig, dass unterschiedliche Interessengruppen solche unzulässigen Verallgemeinerungen nutzen, um politische Positionen zu stützen.

Globus_Erde_Fußabdruck_Verbrauch_Ressourcen_Überlastung

Politik ist ein gutes Stichwort. Klimaschutz steht ja ganz oben auf der politischen Agenda und damit verbunden ist massive Dekarbonisierung. Hat das auch Auswirkungen auf die EPDs? Gibt es Bestrebungen, nur noch den CO2-Fußabdruck zu berechnen?

Dr. Röder: Es ist uns natürlich bewusst, dass in der gesamten politischen Diskussion das Thema Treibhausgase alles andere überlagert. Die Erderwärmung ist auch eines der gravierendsten Probleme, die wir im Umweltbereich und darüber hinaus haben. Nichts desto trotz darf man nicht vergessen, dass menschliche Aktivitäten auch andere Umweltauswirkungen haben. Ökobilanzen helfen uns zu verstehen, ob Verringerungen von Treibhausgasemissionen durch eine Verschlechterung in anderen Bereichen erkauft werden. Daher ist es uns wichtig, dass EPDs auch in Zukunft Umweltauswirkungen möglichst umfassend abbilden.

Darüber hinaus bietet die Erarbeitung einer EPD unseren Vereinsmitgliedern eine hervorragende Möglichkeit, um besser zu verstehen, wo der ökologische Fußabdruck ihrer Produkte herkommt. Sind das die eigenen Prozesse? Liegen die Ursachen irgendwo in der Vorkette? Liegen sie vielleicht sogar in der Nutzung oder der Wiederverwertung? Wenn ein Unternehmen die Antworten auf diese Fragen kennt, kann ein es seine Umweltwirkungen viel effektiver und effizienter beeinflussen. 

Als eingetragener Verein verstehen wir uns als Informationsbroker und sehen hier auch ein immer weiter wachsendes Interesse an der Arbeit des IBU. So haben wir beispielsweise im Jahr 2019 insgesamt etwa 290.000 Downloads von Umweltprodukt-Deklarationen direkt von unserer Webseite gezählt. Das ist sehr viel mehr als in früheren Jahren und belegt neben dem Interesse auch die Notwendigkeit von Umweltprodukt-Deklarationen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Lesen Sie in Teil 1 des Interviews, warum der Blick auf den Gebäude-Lebenszyklus hilft, die richtige Material-Wahl zu treffen.

Von den Zertifikaten der AUB bis hin zu den aktuellen, durch unabhängige Dritte geprüfte, EPDs des IBU nach internationalen und europäischen Normen hat sich inhaltlich und optisch viel getan.

Über das IBU:

Das Institut Bauen und Umwelt e.V. (IBU) betreibt ein branchenübergreifendes und unabhängiges Informationssystem für Bauprodukte und Baukomponenten und sorgt dafür, dass der ökologische Aspekt in die Nachhaltigkeitsbewertung von Gebäuden einfließen kann. Dabei wird keine Produktbewertung vorgenommen. Das IBU ist international einer der führenden Programmbetreiber für Umwelt-Produktdeklarationen (Environmental Product Declarations – kurz: EPDs) im Bauwesen und europaweit die führende Organisation, die Bauprodukte nach der europäischen Norm EN 15804 deklariert. Dank ihres seit fast 40 Jahren freiwilligen Engagements verfügt das IBU über einen Industriestandard, der sich in allen Bereichen der gesamten Baubranche etabliert hat – von Hochbau- über Tiefbauprodukte bis hin zu Komponenten der technischen Gebäudeausrüstung.

Damit behaupten die Bauproduktehersteller gegenüber anderen Industriezweigen seit vielen Jahren ihre Vorreiterrolle.

Erfahren Sie hier mehr zum Thema EPDs.

Quelle: UmweltDialog
 

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