22.11.2019
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06.09.2019

Klimawandel

Fake News über „Fake“ News

Dass der aktuelle Klimawandel menschengemacht ist, steht aus wissenschaftlicher Sicht außer Frage. Hier herrscht ein allgemeiner Konsens. Dennoch behaupten zahlreiche Klimaleugner und -skeptiker das Gegenteil. Sie geben der Sonne die Schuld, nennen CO2 unschädlich, sogar hilfreich, und halten die Klimadebatte für Panikmache. Viele Medienberichte zeigen: Diese Klimaskeptiker-Szene ist organisiert und zudem noch schwer aufzuhalten.

Fake News über „Fake“ News

„Ja. Es ist warm. Sehr sogar. Aber dieses hysterische #Klimakrisen-Gekreische der Klimanazis ist wirklich unerträglich.“ So lautete ein Tweet von Beatrix von Storch während der Hitzewelle im Sommer 2018. Mit ihrer Meinung ist die AfD-Politikerin nicht alleine. Schon seit einigen Jahren kann man eine zum Teil hitzig geführte Debatte um den Klimawandel beobachten. Dabei herrscht in der Klimawissenschaft eigentlich ein Konsens: „Es ist wissenschaftlich gesichert und gut belegt, dass der Mensch Hauptverursacher der bereits laufenden globalen Erwärmung ist“, informiert die Plattform klimafakten.de. Laut einer Studie liegt diese Einigkeit sogar bei 97 Prozent, heißt es bei Sceptical Science. Nur: Die Klimaskeptiker sind weiterhin skeptisch.

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„Gezielte Desinformation“

Das Leugnen des (menschengemachten) Klimawandels hat – so scheint es zumindest –System. Mehreren Medienberichten zufolge hat die organisierte Klimaskepsis schon Anfang der neunziger Jahre begonnen. Redakteure der Zeit sprechen sogar von einer „Desinformationskampagne“ einiger Energiekonzerne und konservativer Medien: „Es ist ein Krieg, der sich gegen die liberale Öffentlichkeit wendet und eiskalt deren Schwäche ausnutzt: den Glauben an die Gültigkeit des besseren Arguments.“ Als Beispiel führt die Zeitschrift den Ölkonzern Exxon (später ExxonMobil) an. Dieser wisse eigentlich, aufgrund konzerninterner Untersuchungen, bereits seit Anfang der 80er-Jahre, dass der vermehrte CO2-Ausstoß auch zu einem globalen Temperaturanstieg führe. Trotzdem habe das Unternehmen gemeinsam mit anderen Akteuren der Ölindustrie mehrere Milliarden Dollar in politische Kampagnen investiert – mit dem Ziel, den Konsens in der Bevölkerung über den menschengemachten Klimawandel zu zerstreuen.

Dazu kommt außerdem der Aufbau der Global Climate Coalitionwie die Zeit weiter berichtet. Dieser „Zusammenschluss von Lobbyisten“, unter anderem finanziert und aufgebaut von Exxon, habe „klimaskeptische Desinformation“ betrieben. Ähnlich verhält es sich mit sogenannten Thinktanks, wie dem bekannten Heartland Institute. Laut der Publikation „Und sie erwärmt sich doch“ vom Umweltbundesamt erhielt die Organisation ebenfalls Gelder von ExxonMobil. Sie streute, auch mit Hilfe von Blogs, Zweifel am menschengemachten Klimawandel. In Deutschland gilt der Verein „Europäisches Institut für Klima und Energie (EIKE)“ als eine der zentralen Lobbyorganisationen, die nicht an den anthropogenen Klimawandel glauben und dies auch medial verbreiten. „EIKE lehnt folglich jegliche ‚Klimapolitik‘ als einen Vorwand ab, Wirtschaft und Bevölkerung zu bevormunden und das Volk durch Abgaben zu belasten“, erklärt der Verein auf seiner Website.

„Wissenschaft wurde als Nebelwand missbraucht“

Die Desinformationsstrategie der Klimaskeptiker ist nicht neu. Eine ähnlich organisierte Vorgehensweise kennt man bereits aus der Tabakindustrie. „Wissenschaft wurde als Nebelwand missbraucht“, erklärt Naomi Oreskes, Geologin und Wissenschaftshistorikerin an der Harvard University, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Schon damals hätten Tabakfirmen einzelne Wissenschaftler beauftragt und Thinktanks gegründet, um Zweifel an der Forschung zu säen: „Dieser Strategie folgen Unternehmen seit 60 Jahren.“ Belege dafür gäbe es an der Universität San Francisco, in Form einer Sammlung interner Dokumente aus der Tabakindustrie.

Die Klimaskeptiker greifen auch gezielt einzelne Forscher an. Als „Climategate“ bekannt wurde ein Hackerangriff Ende 2009 auf das Klimaforschungszentrum der University of East Anglia. Unbekannte Hacker stahlen Klimaforschern E-Mails und veröffentlichten sie zum Teil im Internet. Daraus entwickelte sich ein Skandal, über den viele Medien berichteten. Der Vorwurf: Die Forscher hätten Daten manipuliert und „Untersuchungsergebnisse unterdrückt“, erklärt die Zeit. Viele sahen darin den Beweis, dass der Klimawandel eine Verschwörungstheorie sei, wie es in der Veröffentlichung des Umweltbundesamts heißt. Die Beschuldigungen gingen vor allem an die US-Klimaforscher Michael Mann und Phil Jones. Als Beleg für die Vorwürfe sollten Zitate in den E-Mails dienen. Diese rissen die Klimaskeptiker allerdings aus dem fachlichen Kontext. Mehrere unabhängige Untersuchungen fanden schließlich keine Hinweise auf eine vorsätzliche Manipulation seitens der Wissenschaftler: „Kritisch angemerkt wurde lediglich ein falscher Umgang mit Anträgen zur Offenlegung von Daten“, schreibt das Umweltbundesamt.

Globus

Medien als Meinungsmacher 

Dass solche Falschinformationen von Klimaskeptikern in der Öffentlichkeit so präsent sind, ist auch die Schuld der Medien, meinen Redakteure der Zeit. Besonders konservative Medien, wie das Wall Street Journal von Rupert Murdoch und Fox News, würden oft Klimaleugner einladen. Die Autoren des Zeit-Artikels sprechen von einer medial vermittelten Scheinrealität.“ Auch in liberalen Medien, die ausgewogen berichten wollen, kämen die Klimaleugner ausführlich und oft zu Wort. „Das Ergebnis ist eine katastrophale Verzerrung.“ Denn: Naomi Oreskes untersuchte diverse Publikationen in Fachzeitschriften zur globalen Klimaerwärmung, die 1993 bis 2003 erschienen sind. Sie fand nicht eine Veröffentlichung, die den menschengemachten Klimawandel verneinte. In den Medien hingegen waren fast die Hälfte der Beiträge klimaskeptisch eingestellt.

Heutzutage verbreiten sich insbesondere dank Blogs und Social Media klimaskeptische
Positionen sehr schnell. Empfänger würden so auch wiederum zu Sendern werden: „Auf diese Weise erreichen Fake-News und Schmierkampagnen im Internet heute ungefiltert mehr Menschen, als es etablierte Printmedien je getan haben“, mahnen die Redakteure der Zeit an.

Rechts im Kampf gegen das Klima? 

In der Poliik ist die Klimaskeptiker-Szene ebenfalls schon längst angekommen. Wie der Tagesspiegel berichtet, hat auch zum Beispiel der Verein EIKE Verbindungen zur AfD. Michael Limburg, Vizepräsident des Instituts, habe sogar am Programm der Partei mitgearbeitet. Außerdem sitze er in deren Bundesfachausschuss Energie. Das kommt nicht von ungefähr. Eine aktuelle Studie des Forschungs- und Beratungsinstituts adelphi zeigt, dass rechtspopulistische Parteien häufig Klimaleugner sind. „Sieben der 21 stärksten rechtspopulistischen Parteien in Europa bestreiten, dass es ein Problem gibt“, beschreibt ntv die Studie. Elf der Parteien würden die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Klimaforschung zwar nicht bestreiten, eine explizite Klimapolitik stehe aber nicht auf deren Agenda. Die AfD sei dabei einer der stärksten Klimawandelleugner. „Das Märchen vom menschengemachten Klimawandel glauben
wir nicht,“ zitiert ntv den AfD-Chef Alexander Gauland.

Wie leugnet man den anthropogenen Klimawandel?

Die Argumente der Klimawandelskeptiker sind aber wissenschaftlich nicht haltbar. 2017 behauptete Beatrix von Storch in einem Interview mit dem Journalisten Tilo Jung  (Jung & naiv), dass die Sonne schuld an der Erderwärmung sei. Unstrittig ist, dass sie einen Einfluss auf das Klima hat. Die globale Erwärmung verursacht die Sonne aber nicht. Tatsächlich zeigen verschiedene Messungen, dass ihre Aktivität seit ihrem Hoch in den 60er Jahren sogar wieder abnimmt: „In den letzten 30 bis 40 Jahren haben sich Temperatur und Sonnenaktivität also in unterschiedliche Richtungen entwickelt“, informiert Sceptical Science. Daraus ließe sich schließen, dass es einen anderen Grund für die Klimaerwärmung geben müsse. 

Klimapopulisten an der Macht 

Zurzeit sind einige Politiker an der Macht, die den anthropogenen Anteil am Klimawandel leugnen und Klimaschutzmaßnahmen torpedieren. Der bekannteste ist wohl US-Präsident Donald Trump. Er stieg aus dem Pariser Klimavertrag aus, verharmlost die globale Erwärmung und macht sich darüber sogar noch lustig: „Was zur Hölle ist mit der Erderwärmung los? Bitte komm schnell zurück, wir brauchen dich!“, twitterte Trump Anfang des Jahres als Kommentar zu der Kältewelle im Westen der USA. Berichten der Tagesschau zufolge herrschten dort teilweise bis zu minus 35 Grad. Trumps neuester Streich ist die Einrichtung einer Klimakommission. Sie soll die Bedrohung für die USA durch den Klimawandel untersuchen, weiß der Stern. Den Vorsitz soll ausgerechnet William Happer, Angehöriger des Nationalen Sicherheitsrates (NSC), übernehmen, der den Klimawandel schon mehrfach vehement bestritt.

Als „Tropen-Trump“ bekannt ist Jair Bolsonaro, der seit diesem Januar Präsident von Brasilien ist. Seine Wahl ist eine schlechte Nachricht für die Umwelt, findet die Deutsche Welle (DW). Die Brasilianer hätten sich damit gegen Umweltschutz entschieden. Schon vor seiner Wahl hatte Bolsonaro angekündigt, Regierungsagenturen, die für den Schutz der Regenwälder verantwortlich sind, zu schließen. Auch die indigenen Völker Brasiliens stehen bei ihm nicht gerade hoch im Kurs: „Seine Feindseligkeit bezüglich der Landrechte von indigenen und traditionellen Gemeinschaften und seine Verachtung für den Umweltschutz könnten weite Teile von Waldschutzgebieten gefährden, die dann rücksichtslosen Projekten der Agrarindustrie oder dem Bergbau zum Opfer fallen könnten“, gibt Christian Poirier, Programmdirektor von Amazon Watch, im Interview mit der DW zu bedenken.

Oft hört und liest man auch das Argument, der vom Menschen gemachte CO2-Anteil sei ja viel zu gering, um relevant zu sein. Und überhaupt sei CO2 ja sogar gut für das Pflanzenwachstum. Das Magazin Geo klärt auf: Die Menschen setzten zwar jährlich zirka 25 Milliarden Tonnen CO2 (durch Verbrennung fossiler Stoffe und Entwaldung)
frei, während die gesamte Biosphäre für die Freisetzung von etwa 550 Milliarden CO2 verantwortlich wäre. Bloß: Das CO2, das auf natürlichem Weg entsteht, werde auch auf natürliche Weise, zum Beispiel durch das Meer oder durch Einlagerungen im Holz, wieder gebunden. „Die Verbrennung von Kohle, Gas und Öl dagegen setzt über Jahrmillionen gelagertes CO2 aus solchen Speichern frei – es bringt deshalb die eigentlich ausgeglichene Kohlenstoff-Bilanz der Atmosphäre durcheinander“, weiß Geo. Laut klimafakten.de ergaben zwar Studien, dass CO2 die Photosynthese von Pflanzen anrege. Solche Effekte seien aber sehr gering und hätten nur kurzzeitig eine Wirkung. Zudem sei das Wachstum von Pflanzen stark abhängig vom Klima: „Im Freiland werden die negativen Effekte (zum Beispiel von wahrscheinlich zunehmenden Hitzewellen und Trockenheit) überwiegen“, informiert die Website.

Wie kommt man dagegen an?

Erfahrungsgemäß kommt man mit solchen wissenschaftlichen Argumenten bei Klimaskeptikern leider oft nicht weit. Was ist also zu tun? Die Autoren der Zeit fordern ein Umdenken. Zunächst einmal wäre es wichtig, die „Dramatik der Situation“ zu erkennen. Und zwar auch von politischer Seite. Man müsse zudem Aufklärung betreiben, damit die Bürger zukünftig Fake News besser erkennen würden. Außerdem sollten Facebook, Twitter und Co. mehr Verantwortung übernehmen. „Sie müssten sich zu einem journalistischen Ethos bekennen und redaktionelle Standards implementieren“, finden die Autoren. Am wichtigsten sei schließlich die weltweite Energiewende: „Sie dreht der fossilen Industrie, den Rechtsnationalisten und Klimaleugnern den Geldhahn zu.“

Dieser Artikel ist im Original im Magazin "UmweltDialog" zum Thema "Dekarbonisierung" erschienen.

UmweltDialog Die Greta-Frage Heft 11
Quelle: UmweltDialog
 

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