15.11.2019
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12.09.2019

Messen & Konferenzen

Life Cycle-Workshop 2019: Können Ökobilanzen grüne Lügen aufdecken?

Wer eine Ökobilanz erstellt, der weiß, es werden große Datenmengen im Unternehmen gesammelt. Aber sind diese auch für die Analyse relevant, verfügbar und entsprechend aufbereitet? Und wie lässt sich Nachhaltigkeit überhaupt entlang des Produktlebenszyklus messen? Diese Fragen diskutierten mehr als 50 Teilnehmer beim zweiten Life Cycle-Workshop des Instituts für Umweltinformatik Hamburg GmbH (ifu Hamburg) in der Stadthalle Reutlingen.

Life Cycle-Workshop 2019: Können Ökobilanzen grüne Lügen aufdecken?

Der Klimawandel ist eine globale Bedrohung. Notwendige Gegenmaßnahmen sind hingegen manchmal erstaunlich regional. In Japan stößt beispielsweise der Ratschlag auf Unverständnis, seine Wäsche einfach mal bei 40 statt bei 60 Grad zu waschen und damit wertvolle Energie zu sparen. Im Land der aufgehenden Sonne wäscht man nämlich seit jeher mit kaltem Wasser.

Martina Prox, Expertin für Nachhaltigkeitsstrategie bei ifu Hamburg, das zur iPoint Group gehört, veranschaulichte mit Beispielen wie diesem, wie wichtig es für die Aussagekraft von Lebenszyklusanalysen (LCAs) ist, alle relevanten Einflussfaktoren zu beachten. Das Vortrags- und Diskussionsprogramm des Workshops gab praktische Einblicke in LCA-Projekte aus den Bereichen Automobil- und Luftfahrtindustrie, Telekommunikation und Logistik.

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LCAs liefern selten glasklare und eindeutige Ergebnisse

Um die Komplexität von LCAs ging es ifu-Experte Marten Stock in seinem Vortrag über „Grüne Lügen“. Mit vier Beispielen veranschaulichte er, dass manche Produkte nur auf den ersten Blick besonders nachhaltig wirken. LCAs können solche Falschannahmen enttarnen, sie können aber auch falsche Nachhaltigkeitsversprechen erzeugen. Denn, so schreibt Stock im Blog von iPoint Systems: „Life Cycle Assessments basieren auf komplexen Methodiken und liefern selten glasklare Ergebnisse.” Zu viele Einflussfaktoren seien im Spiel, weswegen ein Funktionsshirt aus recyceltem PET trotz der eingesparten Primärrohstoffe schlechter in der Lebenszyklusanalyse abschneiden könne als ein Modell aus Neumaterial, wenn das Recyclingshirt mit hohem Energieverbrauch produziert wurde.

Oder wer würde beispielsweise annehmen, dass Einwegwindeln eine bessere Ökobilanz aufweisen als Stoffwindeln? In einer „Cradle to Grave“-Perspektive schlägt bei Stoffwindeln nämlich der Energieverbrauch in der Nutzungsphase stark zu Buche. Eltern spülen die Baumwolleinlagen in warmem Wasser und kochen die Windeln in der Waschmaschine. Tatsächlich aber, so schränkte Stock ein, könne der Energieverbrauch an dieser Stelle nicht exakt berechnet werden. Weder Häufigkeit und Länge der individuellen Spülvorgänge noch die Temperatur des Spülwassers seien bekannt.
Grundsätzlich riet Marten Stock dazu, bei LCAs genau hinzuschauen. 

Marten Stock beim ifu-Life-Cycle-Workshop 2019
Marten Stock beim ifu-Life-Cycle-Workshop 2019

Herstellerbetriebe interessierten sich nämlich oft nur für die Ökobilanz ihrer Produkte bis zu dem Punkt, an dem sie die Fabrik verlassen. Entsprechend untersuchten sie nur die „Cradle to Gate“-Gesichtspunkte. In dieser Sichtweise erscheint eine Kosmetiktube wegen ihres leichteren Gewichts und des geringeren Kunststoffverbrauchs als die ressourcenschonendere Alternative zu schwereren Verpackungen mit integrierter Dosiereinheit. Betrachte man die beiden Produkte allerdings bis zum „End of life“, schneide die Dosierverpackung besser ab. Sie könne nämlich wesentlich besser geleert werden. In Tuben bleibe dagegen viel Inhalt ungenutzt zurück. Der Gewichts- und Materialersparnis steht also die Verschwendung aufwendig produzierter Tubeninhalte gegenüber.

Und schließlich seien Lebenszyklusanalysen auch noch „blind“ für bestimmte Umweltwirkungen. Noch fehle es beispielsweise an Methoden, um das Mikroplastikproblem angemessen zu repräsentieren. Wenn also heute ein Kunststoffprodukt in Vergleichen mit besser recycelbaren Materialien wie Glas in LCAs besser abschneidet, dann sagt das eben nichts über die Wirkung von Mikroplastik in Flüssen und Meeren sowie im menschlichen Organismus aus.

Ganzheitlichere Betrachtungsweise wäre sinnvoll 

Die Lebenszyklusperspektive lässt, das zeigten viele der während des Life Cycle-Workshops präsentierten Beispiele, Optimierungspotenziale während der Produktion und Nutzung von Produkten sichtbar werden. Auf dem Weg hin zu einer Circular Economy ist sie somit ein hilfreiches Instrument. Darüber waren sich die Mitwirkenden an der abschließenden Panel-Diskussion einig. 

Dr. Karin Ostertag vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) wie auch Andreas Kröhling von der Deutschen Telekom bemängelten aber, dass sich LCAs zu sehr auf den CO2-Fußabdruck konzentrieren. Zudem finde die Analyse oft in zu engen Grenzen statt. 

Vor allem Dr. Ostertag warb für eine grundsätzlichere Diskussion. Eine Ökobilanz könne zwar Hinweise geben, ob ein T-Shirt aus Recycling- oder neuem PET besser sei oder der Verzehr von neuseeländischen Äpfeln dem Genuss deutscher Früchte, die monatelang im Kühlhaus gelagert wurden, vorzuziehen sei. Sie beantworte aber nicht die Frage, ob der T-Shirt-Kauf überhaupt nötig sei oder ob bestimmtes Obst und Gemüse wirklich zu jeder Zeit verfügbar sein müsse.

Erfahren Sie in der kommenden Woche in unserem zweiten Beitrag über den Life Cycle-Workshop des ifu Hamburg, welche Besonderheiten bei der Lebenszyklusanalyse in der Automobilproduktion zu beachten sind.

Quelle: UmweltDialog
 

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