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Wenn „klimaneutral“ nicht mehr reicht: minus CO2

Führende Wissenschaftler sind sich einig, dass die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad bis 2100 beschränkt werden muss, um eine unaufhaltsame Kettenreaktion zu vermeiden. Will man dieses Ziel erreichen, wird es nicht genügen, den menschgemachten Ausstoß von Klimagasen nur zu reduzieren. Die carbonauten GmbH, ein mehrfach preisgekröntes Start-up aus Baden-Württemberg, hat daher ein System entwickelt, das der Atmosphäre CO2 entzieht und es dauerhaft in Produkten speichern, die weitere Klimagase vermeiden.

04.08.2021

Wenn „klimaneutral“ nicht mehr reicht: minus CO2

Von Torsten Becker

1960 lag der weltweite CO2-Ausstoß bei 9,3 Milliarden Tonnen, 2019 hat er sich mit 36,4 Milliarden Tonnen vervierfacht. Zwar ist der Anstieg der CO2-Emissionen seit 2010 langsamer geworden, unter anderem verursacht durch immer ambitioniertere Klimaziele vieler Länder. Dennoch werden die CO2-Emissionen bis 2050 laut einer Prognose auf 43 Milliarden Tonnen ansteigen – vorausgesetzt, die Reduktion des menschgemachten CO2-Ausstoßes bleibt das einzige Mittel zur Erreichung des Ziels. Der Sonderbericht „1,5 °C globale Erwärmung“ des Weltklimarats IPCC aus dem Jahr 2018 geht davon aus, dass darüber hinaus jedoch negative Emissionen, also Technologien zur Rückholung von CO2 aus der Atmosphäre, in signifikantem Ausmaß erforderlich sein werden. Kurz gesagt: Das Prinzip „Minus CO2 statt weniger CO2“ wird zu einem Schlüsselfaktor des langfristigen Überlebens der Menschheit.

„Minus CO2“ ist auch das erklärte Motto der carbonauten, einem Start-up mit Hauptsitz in Giengen an der Brenz. Ihr Erfolgsrezept liegt dabei sowohl in der entwickelten Technologie wie auch in dem innovativen Geschäftsmodell, das stark auf Kooperation und gegenseitigen Nutzen setzt, begründet.

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Je mehr Produktion, desto weniger CO2?

Bisher gilt: Je mehr Unternehmen produzieren, desto mehr CO2 sowie andere klimaschädliche Gase werden in die Atmosphäre abgegeben – weil auch heute noch Energie zumeist aus fossilen Quellen und Rohstoffe für Produkte durch den energieintensiven Abbau von Naturprodukten gewonnen werden. Wirtschaftliches Wachstum steht so im direkten Widerspruch zum Erreichen der Klimaziele. Das System der carbonauten basiert dagegen auf dem Prinzip: Je mehr man produziert, desto mehr tut man fürs Klima. Der Schlüssel dazu ist die pyrolytische Karbonisierung: Aus Biomasseresten wie Schadholz, Lebensmittelpressresten oder Landschaftspflegematerial, aber auch störstoffhaltigen Abfällen und Kunststoffen wie Span- und MDF-Platten entstehen durch das Verfahren Biokohlenstoffe. Jede Tonne Biokohlenstoff speichert dabei dauerhaft das Äquivalent von bis zu 3,3 Tonnen CO2.

Darüber hinaus fällt bei der pyrolytischen Karbonisierung eine große Menge überschüssiger, grundlastfähiger erneuerbarer Energie an, die ihrerseits ebenfalls den Verbrauch fossiler Rohstoffe mindert oder ersetzt. So entsteht überall dort, wo Anlagen der carbonauten installiert sind, eine lokale Kreislaufwirtschaft, durch die Unternehmen ihre CO2-Bilanz verbessern, klimaneutrale Energie erzeugen und dabei durch die Produktion von Biokohlenstoffen Gewinn erwirtschaften können. Dadurch bieten die carbonauten der Industrie einen Ausweg aus dem eingangs geschilderten Dilemma: Je mehr Unternehmen mit dem System der carbonauten produzieren, desto näher kommen sie an die Erreichung ihrer Klimaziele heran.

Kooperation und gegenseitiger Nutzen als Geschäftsgrundlage

Bei der Umsetzung ihres technologischen Konzepts setzen die carbonauten stark auf Kooperation und gegenseitiges Profitieren. Die lokalen Standorte mit den carbonauten Anlagen können in Form eines Beteiligungsmodell gemeinsam betrieben werden. Das ist besonders sinnvoll bei Partnern wie energieintensiven Unternehmen, Stadtwerken oder Abfallwirtschaftsbetrieben. Dort können Synergien geschaffen werden, indem eine gemeinsame, symbiotische Standortgesellschaft gegründet wird. Die Unternehmen bzw. Organisationen können ihren Abfall verwerten und erhalten grundlastfähige Energie beziehungsweise profitieren mit von deren Verkauf, die carbonauten betreiben und warten die Anlagen, nehmen die Biokohlenstoffe zu festen Abnahmepreisen ab. Die Vorteile liegen auf der Hand: Das (geringe) wirtschaftliche Risiko wird geteilt, Investition und ein störungsfreier Betrieb sind nachhaltig gesichert. Bei Unternehmen, die die Energie aus den Anlagen oder Biokohlenstoffe sowie CO2-Zertifikate benötigen, kann der Standort direkt auf dem Fabrikgelände errichtet werden, mit oder ohne Beteiligung des Unternehmens.

Dass dieses System funktioniert, beweisen die carbonauten am Pilotstandort Eberswalde, der im Herbst 2021 seinen Betrieb aufnimmt, zusammen mit dem strategischen Gesellschafter ForestFinance Capital, einem Anbieter für nachhaltige Investments in Wald-, Umwelt-, Energie- sowie Klima- und Landwirtschaftsprojekte. Auch das Land Brandenburg fördert den Standort mit Mitteln aus der GRW-Förderung. Darüber hinaus sind weitere Standorte in Panama und Kolumbien bereits in Planung. Und die carbonauten sind ständig auf der Suche nach neuen Partnern, die sich der Mission Minus CO2 anschließen. Je mehr, desto besser – für das Klima und die Geschäftsbilanz aller Beteiligten.

Über den Autor

Torsten Becker hat 2017 zusammen mit Christoph Hiemer die carbonauten gegründet. Der diplomierte Produktdesigner und Vater von fünf Kindern leitete zuvor 25 Jahre seine eigene Agentur. Heute verwirklicht er seinen Traum, zukünftigen Generationen eine bessere Welt zu hinterlassen – zum Beispiel durch die Reduzierung von Klimagasen und die Entwicklung neuer Materialien für nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum.

Quelle: UD
 

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