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24.05.2013

Politik & Gesellschaft

Arbeit statt Almosen: Das Konzept der Stiftung Pfennigparade

Spenden, Unterstützung und punktuelle Aufträge sind toll - „damit allein wollen wir uns aber trotzdem nicht zufrieden geben“, sagt Thomas Heymel. Was der Bereich „Arbeit und Beschäftigung“ der Münchener Stiftung Pfennigparade brauche, „sind nachhaltige und fest verankerte Partnerschaften“, weiß der hier für das Corporate Development und damit für den Aufbau von Unternehmens-Kooperationen zuständige Stiftungs-Manager. Er will daher viel lieber weitere und möglichst dauerhafte Kooperationen, über die körperbehinderte Mitarbeiter als akzeptierte und engagierte Dienstleister in ganz normale Jobs Zugang finden.

Die Stiftung Pfennigparade unterstützt körperbehinderte Mitarbeiter als akzeptierte und engagierte Dienstleister, Foto: auremar/Fotolia.com
Die Stiftung Pfennigparade unterstützt körperbehinderte Mitarbeiter als akzeptierte und engagierte Dienstleister, Foto: auremar/Fotolia.com

Die Partner für derlei Zusammenarbeit suchen und finden Thomas Heymel und seine Kollegen in den Chefetagen und Managerzirkeln der Unternehmen, öffentlichen Einrichtungen und Organisationen: Die Akquise scheint allerdings ein Knochenjob. „Nur Gutes tun reicht halt nicht - die potentiellen Partner gilt es, aktiv, sehr sensibel und meist über einen langen Zeitraum zu gewinnen“, weiß Heymel.

Er hört aufmerksam zu. Er nimmt sich Zeit. Er führt durchs Haus, weil er Fremden die Vielfalt in der Einrichtung zeigen will. Nur so ist sie tatsächlich zu erfassen: mal Bürokomplex, mal Werkstätte - ein wenig Kunstatelier, dann Softwareschmiede, auch Buchhalterbüro oder Versandabteilung. Ein echter Mischkonzern. „Im anderen Bauteil“, sagt Thomas Heymel, „liegen unsere integrativen Schulen und wieder einige Türen weiter unsere behindertengerechten Wohneinheiten und medizinischen Dienste.“

Thomas Heymel stellt seine Gäste den Mitarbeitern auf dem Gang vor, moderiert kurze Gespräche in den Büros, plaudert mit den Künstlern im Atelier oder scherzt in Werkstätten und vermittelt so den Eindruck, als nehme er sich für jeden genau die Zeit, die der braucht, um den besten Eindruck mitzunehmen.

Die Sprache der potenziellen Partner sprechen

„Interesse erzeugen ist unser wichtigstes Werkzeug.“ Für den Aufbau von belastbaren Partnerschaften braucht es allerdings Zeit. „Es sind mitunter Monate oder Jahre währende Kontakte notwendig“, so Heymel, dabei muss er vor allem Vertrauen auf- und mitunter Vorurteile abbauen. Vor vier Jahren quittierte er seinen Job bei der EADS, um in sein neues Büro bei der Pfennigparade zu ziehen. Heymel passt eigentlich so gar nicht ins Klischee vom Gutmenschen und Spendensammler. Er nutzt im neuen Job dieselben Tools wie früher. Wir müssen die Herausforderungen unserer Zielgruppen verstehen, sagt der Marketingspezialist. Deshalb tauchen in den Imagebroschüren Begriffe wie „Ergebnis-Qualität“, „Process Outsourcing“, „3rd Level Support“ oder „Release- und Changemanagement“ auf. „Das ist die Sprache unserer potentiellen Partner“, erklärt er.

Mittelständler und große Konzerne, im heimischen München und darüber hinaus, setzen inzwischen auf die Zusammenarbeit mit der Pfennigparade . Die schreibt sich schon seit über 60 Jahren auf die Fahnen, Menschen mit Körperbehinderung drei für Jede und Jeden selbstverständliche Wünsche zu erfüllen: Menschen sollen eine gute Schulausbildung absolvieren, einen möglichst normalen Arbeitsplatz ergattern und auf dieser, dann soliden Basis ein selbst bestimmtes Leben in eigener Umgebung und so weit wie möglich auf eigene Verantwortung führen.

Dieses Konzept erkennen zunehmend mehr Entscheider auch und gerade in Unternehmen als ihre Chance für ihre Betriebe. Stefan Löbbert von der Münchener HypoVereinsbank etwa ist überzeugt: „Die Pfennigparade leistet einen herausragenden Beitrag, Menschen mit Handicap am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilhaben zu lassen.“ Der CSR-Manager der zur italienischen Unicredit Group gehörenden Großbank ist davon so überzeugt, dass er die Zusammenarbeit mit der Pfennigparade vor wenigen Wochen ausweitete. Keineswegs nur aus reiner Menschenliebe. Keineswegs ganz uneigennützig will der Münchener Banker „diese Initiative unterstützen und gleichermaßen davon profitieren“.

Stefan Löbbert, CSR-Manager der HVB/UniCredit Group, hat die Zusammenarbeit mit der Stiftung Pfennigparade ausgeweitet, Foto: VfU
Stefan Löbbert, CSR-Manager der HVB/UniCredit Group, hat die Zusammenarbeit mit der Stiftung Pfennigparade ausgeweitet, Foto: VfU

Täglich nutzen 1.500 behinderte Menschen den Service der Pfennigparade

Rund 1.500 Menschen nutzen heute Tag für Tag das Angebot der Stiftung - als Fahrdienst, als Therapieeinrichtung, als Wohnung in behindertengerechten Apartments oder als Modellschulen, in denen Kinder mit und ohne Handicap gemeinsam lernen. Hier können sie bis zum Fachabitur büffeln. Dann sitzen sie in einer Klasse, lernen gemeinsam und voneinander. „Mit nicht behinderten in die Schule zu gehen, ist cool“, sagt etwa die 13jährige Lena, „meine Mitschüler mögen mich. Es macht mich auch ein bisschen stolz, dass ich trotz meiner schweren Behinderung genauso gut bin wie meine nicht behinderten Freunde in der Klasse.“

Die so genannte Inklusion ist seit mehr als 30 Jahren bei der Pfennigparade praktizierte Wirklichkeit. Von der Krippe über den Kindergarten durch die gesamte Schulzeit gilt dieses Konzept als „ideales Sprungbrett in ein gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Leben“.

Die Idee der Pfennigparade bietet ihren Mitarbeitern und Partnerfirmen nach eigenen Worten dabei „in Deutschland einzigartige“ Chancen: Unternehmen wie BMW Group, MunichRe, BayWa AG, Robert Bosch GmbH, Wrigley GmbH, Telefonica /O2 und viele mehr zählen zu den Kunden und Partnern. Und sie sind von der Zusammenarbeit angetan. „Die Mitarbeiter der Pfennigparade begeistern mich mit ihrer ungewöhnlich hohen Arbeitsmotivation“, sagt etwa Solvejg von Saltzwede aus dem HR-Management von Telefónica Germany. Der Grund für dieses Urteil ist eindeutig: „Mit ihrer sehr guten Leistung und dem hohen Maß an Teamfähigkeit ergänzen sie mein Team perfekt“.

Kooperation zum Wohl der Firmenpartner: Die Unternehmen lagern dabei entweder einzelne Arbeits- und Aufgabenfelder in die gemeinnützigen Dienstleistungsunternehmen - den Bereich „Pfennigparade Inhouse“ - der Stiftung aus. Dort sortieren und prüfen sie Rechnungen und Verträge. Sie archivieren oder versenden Dokumente. Viele Mitarbeiter der Pfennigparade sind als kaufmännische oder IT-Experten anerkannt, schulen zum Teil mit ihrem Spezialwissen Mitarbeiter der Partnerfirmen oder Brainstrormen über knifflige neue Lösungen für die Auftraggeber.

Alleinstellungsmerkmal: 300 Menschen der Pfennigparade vor Ort in Betrieben 

Mitarbeiter des Bereichs „Pfennigparade Vor Ort“ arbeiten dagegen gemeinsam mit den regulären Beschäftigten in den Unternehmen. Die Stiftung leiht inzwischen über 300 Arbeitskräfte im Rahmen gemeinnütziger Dienst- und Werkverträge oder über eine gemeinnützige Arbeitnehmerüberlassung an Unternehmen aus. Das nennt Thoms Heymel „ein Alleinstellungsmerkmal“: „Wir kombinieren fundierte, in jahrzehntelanger Erfahrung aus unterschiedlichen Branchen erworbene Fachexpertise mit unserem gemeinnützigen Ziel.“ Damit bieten wir einerseits unseren Mitarbeitern eine Chance im Berufsleben. Andererseits sind wir vor allem ein interessanter Partner für unsere Kunden.“ Heymel weiß: „So lässt sich anspruchsvolles unternehmerisches Denken und soziales Engagement miteinander verknüpfen.“

Die Dokumentation solch sozialen Engagements, das sich die Partner der Pfennigparade ans Revers heften können, ist nur ein Grund für die Kooperationen. Wenn die Mitarbeiter der Stiftung in Büros bei Bosch, BMW oder HypoVereinsbank werkeln, kommen sie ganz selbstverständlich mit den anderen dort Beschäftigten in Kontakt. Dabei tauschen sich die Kolleginnen und Kollegen auch über ein Leben mit einer Behinderung aus. Sie bauen gegenseitige Vorbehalte ab und gemeinsames Vertrauen auf. „In vielen Fällen ein positiver und wertschöpfender Erkenntnisgewinn für Menschen ohne Behinderung“, weiß Thomas Heymel.

Für die Kundenunternehmen der Pfennigparade zählt der Kooperationsentwickler noch weitere Pluspunkte einer Zusammenarbeit auf: „Sicherlich gibt es diverse Einschränkungen und besondere Rahmenbedingungen, insbesondere beim Kundeneinsatz vor Ort, auf die sich ein Auftraggeber einstellen muss, wenn er mit körperbehinderten Menschen arbeitet. Aber das Meiste lässt sich nach kreativer Abstimmung zur echten Zufriedenheit aller lösen.“

Und  die Mitarbeiter der Pfennigparade seien hoch motiviert, es gäbe „im Vergleich zum Wettbewerb deutlich weniger Fluktuation“ und „niedrige Fehlerquoten in der Produktion.“
„Wir stellen auch keinesfalls billige Arbeitskräfte“, unterstreicht Thomas Heymel. Im Gegenteil. Der Manager rückt ein mögliches Vorurteil gerade: „Bei uns zahlen die Auftraggeber Löhne wie bei vergleichbaren Zeitarbeitsfirmen.“

Dafür stellt die Stiftung dann auch nötige Hilfsmittel zur Verfügung, wenn die Behinderung dies erfordert. „Trotz meiner Sehbehinderung stehe ich voll im Beruf“, sagt Bruno W. Er arbeitet im Programmier-Service. „Die Pfennigparade stellt mir die technischen Hilfsmittel zur Verfügung und verschafft mir den richtigen Einsatz am richtigen Platz.“ Bruno W. ist sich sicher: „So zählt meine Leistung, nicht die Behinderung.“

Quelle: UD
 

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