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25.11.2019

Wirtschaftsethik

Adam Smiths Ökologie der Moral

Adam Smiths wissenschaftliches Ansehen basiert auf seinem Buch „Wohlstand der Nationen“. Weniger bekannt ist seine Ethik: „The Theory of Moral Sentiments“. Diese Arbeit ist schon deshalb sehr interessant, da sie eine Verhaltenslehre präsentiert, die auf einem realistischen Blick des Menschen basiert und nicht ethische Regeln propagiert, die den Menschen schlichtweg überfordern. Nachfolgend die wesentlichsten Säulen seiner Ethik.

Adam Smiths Ökologie der Moral

von Otto-Peter Obermeier

1. Unsere Bedürfnisse, Neigungen und Emotionen sind die Basis menschlichen Handelns

Adam Smith war Anhänger einer sogenannten reflektierten Gefühlsethik oder, wie man das auch ausdrückt, er war ethischer „Sentimentalist“ (sentiments = Gefühle). Die überaus einflussreichen theologischen Gebotsethiken (Beispiel: die Gebote, welche Gott Moses und seinen Stämmen in der Wüste Sinai verkündete) führen ihren Ursprung auf göttliche Autorität zurück, die ebenso bedeutsamen rationalistischen Ethiken auf die Herrschaft und die Einsicht der – angeblich – ewigen, gleichbleibenden und überall gültigen Vernunft (Beispiel: Kants Ethik). 

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Dagegen behaupteten die „sentimentalists“, dass wir Menschen primär von unseren Trieben, Bedürfnissen, Neigungen und unseren Gefühlen zum Handeln getrieben werden. Zwar konnten sich diese, am realen Menschen und seinen Bedürfnissen orientierten Ethiken, weder mit göttlichen Federn noch mit ewigen, gleichbleibenden Gesetzen der Vernunft schmücken. Sie haben jedoch zwei Vorteile vorzuweisen: Erstens akzeptieren sie, dass der Mensch aus Haut, Fleisch und Knochen besteht und eine Mischung ist aus verschiedenen Neigungen, Leidenschaften und Bedürfnissen und dass es „dieser“ Mensch ist, der einer Ethik bedarf. Eine Unzahl von moralischen Regeln, die für religiöse und/oder geistige Highflyer bestimmt sind, zielen allzu häufig an dem vorbei, was der Mensch tatsächlich leben kann. Das Resultat: Heuchelei wird die wichtigste Maske des Menschen. Zweitens erlassen diese Ethiken keine Gebote, ohne sich darum zu kümmern – wie Freud das ausdrückte – ob diese so verordneten moralischen Regeln vom Menschen überhaupt eingehalten werden können und seinen psychischen Möglichkeiten, seinen konstitutionellen Neigungen angemessen sind (Beispiel: Zölibat). Was nun die Bedeutung der Vernunft im Kontext menschlicher Handlungen anbelangt, so wird diese keinesfalls geleugnet, sie kann jedoch nur die Mittel zur Verwirklichung der aus unserem Gefühlshaushalt stammenden Ziele bereitstellen.

2. Zwei wesentliche Gefühlsklassen bestimmen unser Handeln, unsere Egoismen und unsere sozialen Gefühle

Eine fundamentale Smith´sche Einsicht besteht darin, dass sich, erstens, jeder erwachsene und gesunde Mensch primär und grundsätzlich um seine eigenen Belange kümmern soll und muss und dass, zweitens, der Mensch normalerweise vor allem an seine Interessen denkt und dann erst an die seiner Mitmenschen (vergleiche TMS , p. 82, 219,272). Smith präsentiert damit zwei grundlegende Annahmen über die Natur des Menschen. Zum einen besitzt der Mensch sehr wohl ausgeprägte, egoistische Neigungen, zum anderen ist er, gerade wegen dieser Ichzentriertheit, primär für sich selbst und seine Belange verantwortlich und nicht die Mitmenschen oder der Staat. So gesehen ist ein bedeutsamer Gefühlskomplex im Menschen auf seine eigenen Belange und Interessen fokussiert. Dieser „konstitutionelle Egoismus des Menschen“, dieser im Wesen des Menschen verankerte Egoismus, wird jedoch ergänzt durch altruistische, soziale Gefühle: „Wie egoistisch wir die Natur des Menschen auch immer annehmen, es gibt Grundzüge in seinem Wesen, welche ihn am Schicksal anderer teilnehmen lassen. Diese Gefühle legen uns das Glück anderer Menschen zwingend ans Herz, obgleich wir davon nicht mehr haben, als uns am Glück der anderen zu freuen“ (TMS, p. 9).

Der Mensch ist daher schlicht und ergreifend sehr wohl egoistisch, sprich „selfish“, daran ist nicht zu rütteln. Er ist aber auch, und daran gibt es ebenfalls nichts zu deuteln, altruistisch, sprich am Wohl anderer Menschen interessiert. Denken wir nur an unsere Kinder, Freunde, Bekannten. Wie weit dieses Interesse an anderen reicht oder reichen sollte, ob es über die eigene Nation hinausgeht, ob es sich auf die ganze Menschheit oder gar auf alle Lebewesen erstrecken soll, bleibt wohl immer eine Frage der Einsicht und unserer Möglichkeiten. Der Mensch ist also ein emotionaler Mischling mit zwei bedeutsamen Gefühlskomplexen. Zum einen wird er von seinen Egoismen beherrscht, etwa Ehrgeiz, Hab-, Erfolgs- und Reputationssucht und zum anderen von einer Vielzahl an sozialen Gefühlen, etwa der Liebe zu anderen Menschen, die man antiquiert mit Wohlwollen und Wohltun oder Nächstenliebe umschreiben kann. Mischlinge sind leider weder bei den Philosophen noch in der realen Welt allzu beliebt. Wir lieben das Reine, die Philosophen die reine Moral, die Theologen den reinen Glauben und, trotz alledem: In uns herrscht die „unreine“ Wirklichkeit unserer Bedürfnisse, Neigungen und Gefühle. 

3. Moral oder Unmoral? Smiths Akzeptanz und Verwerfungsschema der Moral

Smith glaubt auch ein „feeling“ nennen zu können, das für unsere Anteilnahme an anderen Menschen steht, nämlich Sympathie. Sympathie bedeutet Mitfühlen, Mitfreuen, Mitleiden, schlicht: der Versuch die Gefühlswelt des Mitmenschen zu „erfühlen und zu verstehen“. Denn, dass die Welt von Egoisten bevölkert wurde und wird, die rücksichtslos ihren Interessen nachjagen, war für Smith und die nicht an Realitätsverlust leidenden Zeitgenossen eine ausgemachte Sache. Die Smith'sche Sympathie spielt daher eine zentrale Rolle bei unseren ethischen Urteilen. 

Wenn wir das Verhalten oder Handeln von Mitmenschen als angemessen oder unangemessen, in klassischer Ausdrucksweise, als gut oder böse, beurteilen, ist erstens, die Situation, also der Rahmen in dem die Handlung stattfand, zu beschreiben und festzulegen. Dazu bedarf es, zweitens, der situativ-imaginativen Sympathie und der Vernunft. Der Beurteilende fühlt sich in die Situation des zu Beurteilenden hinein, er versucht quasi einen emotionalen Rollentausch. Er vergleicht diese Situation und Handlung mit seinen eigenen Erfahrungen und den damit verbundenen Gefühlen. Kann er die Gefühlswelt des anderen als der Situation angemessen identifizieren, fällt sein Urteil positiv aus, empfindet er Widerwillen oder gar Ekel, etwa bei einem grässlichen Kindsmord, dann war diese Handlung selbstredend unangemessen. Der Beurteilende hat jedoch, drittens, auch die Pflicht zu Distanz und Engagement. Er muss sich als distanzierter und wohlinformierter Zuschauer – Smiths berühmte Figur des „impartial spectator“ – sowohl in die Situation, die Motivlage und die Folgen der zu beurteilenden Handlung „hineinphantasieren“ und einfühlen: das ist sein Engagement. Er hat aber auch die Handlung des anderen ohne Parteilichkeit zu betrachten: das ist seine Pflicht zur Distanz. Erst dann fällt er das Urteil, ob diese Handlung angemessen oder unangemessen war, für die entsprechende Situation passte („fit“) oder sich als unpassend erwiesen hat („unfit“). Dass hierbei auch die Folgen zu berücksichtigen sind, war für Smith klar. Wobei er bei seinem moralischen Urteil die Betonung auf die Motive der Handelnden legte. Smith erkennt jedoch an, dass die Welt vor allem nach den Folgen und besonders nach den „Erfolgen“ moralisch urteilt. Kurz: Auch von miesen Motiven angetriebene Handlungen, falls sie für den Handelnden und seine Anhänger positive Folgen zeitigen, werden häufig moralisch positiv beurteilt. 

4. Über intakte und pervertierte Gefühle

Es liegt auf der Hand: Wenn unsere Gefühlsbasis die eigentliche Quelle des moralischen Urteils darstellt, wenn Sympathie und Phantasie in die Gefühlswelt des anderen Menschen führt, wenn der unparteiische Zuschauer über die Rekonstruktion der zu beurteilenden Situation sehr wohl auf die Vernunft, hier als Lieferant des Sachwissens und der logischen Vorgehensweise verstanden, zurückgreifen muss, dann erhält auch die Vernunft ihren gebührenden Platz bei unserem moralischen Urteil. Smiths „moral sentimentalism“ ist kein Konzept der reinen Gefühlsduselei, sondern eine reflektierte, gefühlsbasierte Ethik. 

Es ist aber ebenfalls offenbar: Wenn unsere Gefühlsbasis von fanatischen Ideologien beherrscht wird, seien diese religiös, politisch oder ökonomisch gefärbt, wenn diese „Wahnvorstellungen“ zu „artificial lives of manners“, zu überaus gestörten und sehr zurechtkonstruierten Verhaltensmustern führen, dann ist diese Gefühlsbasis nicht nur verstümmelt und schwer beschädigt, sondern auch das daraus resultierende moralische Urteil. Die berühmt-berüchtigten Heiligen, die fanatischen, politischen Welt- und Systemverbesserer, die von Erfolg und Selbstbereicherung getriebenen Manager, sie alle können nach der Smith´schen Auffassung kaum ein korrektes, moralisches Urteil fällen. Kurz: Eine pervertierte Gefühlsbasis erzwingt pervertierte moralische Urteile.

5. Ethik benötigt eine Ökologie der Gefühle

Schon deshalb ist, nach Smith, ein ausgeglichener, nachhaltig strukturierter Gefühlshaushalt, eine Ökologie der Gefühle, für moralisch angemessenes Handeln und Urteilen notwendig. Das gilt sowohl für den Einzelnen als auch für die ganze Gesellschaft. Die daher etwas überraschende Kernbotschaft der Smith´schen Ethik lautet: Nicht das Erfinden immer neuer, moralinsaurer Regeln und Vorschriften ist das Wesentliche der Moral, sondern die Arbeit an einem individuell und gesellschaftlich ausgeglichenen Gefühlshaushalt. Das würde uns vielleicht auch davor bewahren alle paar Wochen hysterisch-kreischend ein neues Thema durchs Land zu treiben. Nicht nur Engagement ist gefragt, sondern auch Distanz

Moralisch fühlen, gierig Handeln

Markt und Moral – ein Dilemma?

Spätestens seit der Finanzkrise ist verantwortungsvolles Handeln in Wirtschaftskreisen aktuell und eine Wirtschaftsethik unverzichtbar. Bedürfnisse und Wünsche sind der Motor menschlichen Handelns, stellte der schottische Moralphilosoph Adam Smith (1723-1790) fest. Er gilt als ein genialer lllustrator menschlicher Gefühle, ihrer Stärken und ihrer Schwächen. Wie wirklichkeitsnah, nützlich und menschlich ist Adam Smiths Ethik der moralischen Gefühle? Fundiert und unterhaltsam beleuchtet Otto-Peter Obermeier diese Aspekte in Moralisch fühlen, gierig handeln? Zur Aktualität von Adam Smiths "Theorie der moralischen Gefühle". Darin stellt er Adam Smiths Ethik umfassend und kritisch auch im Kontext seiner Zeit und der dazugehörigen Kritik vor, knüpft Bezüge zu aktuellen Fragen und überrascht mit neuen Aspekten der Smith'schen Ethik. So diskutiert der ausgewiesene Smith-Kenner die vielen individuellen und gesellschaftlichen Paradoxa in dessen Werk, zum Beispiel die Unvereinbarkeit von menschlichem Unendlichkeitswahn und Wachstumsstreben mit unserer Sterblichkeit und beschränkten Ressourcen.

Adam Smiths Theorie der ethischen Gefühle ist eine Fundgrube nicht nur für individualpsychologische, sondern auch sozialpsychologische und politische Einsichten. Klar formuliert und aufgebaut, führt das Buch erklärend in das Denken des im deutschen Sprachraum vernachlässigten Philosophen ein. Eine Pflichtlektüre für alle, die sich für die Rolle von Ethik in der Ökonomie und für die Theorie des menschlichen Zusammenlebens interessieren.

Quelle: UmweltDialog
 

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