18.03.2019

08.02.2017

Wirtschaftsethik

Können wir Nachhaltigkeit lernen?

Von Dennis Meadows, dem Autor der legendären „Grenzen des Wachstums“-Studie von 1972 stammt eine Wirtschaftssimulation, die wir bis heute in Führungstrainings, Nachwuchs-Workshops und in der politischen Bildung einsetzen. Bei dem computergestützten Simulationsspiel geht es um die Befischung verschiedener Meeresgebiete, die Mitspieler bilden konkurrierende Unternehmensteams. Die Aufgabe ist, wirtschaftlich erfolgreich zu agieren, ohne die ökologischen Grundlagen des eigenen Wirtschaftens zu ruinieren.

Können wir Nachhaltigkeit lernen?

Obwohl Meadows Fortschrittspessimist ist, ist „Fish Banks“ nicht vor dem Hintergrund einer Katastrophenpädagogik konstruiert, sondern basiert auf seriösen Populationsdynamiken von Fischbeständen der Hochsee und küstennaher Fanggründe. Die Katastrophen erzeugen fast regelmäßig die Teilnehmer der Simulations-Workshops.

Spiel oder Ernst? Immer, wenn wir mit dem Führungs- und Unternehmernachwuchs einen "Fish Banks"-Workshop veranstalten, wird aus dem Simulationsspiel schnell eine ernste Situation: Schaffen es die konkurrierenden Fischereiunternehmen zu einer nachhaltigen Fangstrategie zu kommen? Oder ist das Meer dann doch nach einigen Jahren (Spielrunden) leer gefischt? Klappt ein zweiter Versuch besser? Die Dynamiken, die hier am Werk sind, machen hinterher sehr nachdenklich. Sind wir für Nachhaltigkeit doch nicht geschaffen?

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Die beiden folgenden Grafiken zeigen ein durchaus repräsentatives Bild der Spielverläufe. Der erste Versuch (linkes Diagramm) zeigt ein Scheitern, also die totale Überfischung aller Fanggebiete, nach fünf Jahren (= Spielrunden). Das Geschehen war hier getrieben von einem der sechs Teams, das sehr expansiv auftrat, seine Flotte rasch vergrößerte und das Geschehen beherrschte. Nur in zwei der Teams, die aus jeweils vier bis fünf Mitgliedern bestanden, machte man sich die Mühe, aufgrund der Daten der jeweiligen Fangjahre Berechnungen anzustellen, um die Entwicklung der Erträge pro Schiff zu berechnen. Bezeichnenderweise waren dies Teams, in denen nicht die Männer den Ton angaben, sondern mehrere Frauen waren. Allerdings trauten diese sich nicht, ihre Erkenntnisse in „Politik“ umzusetzen. Sie zogen zwar für ihr eigenes Unternehmen die richtigen Schlüsse, aber ließen die anderen Firmen mit ihrer expansiven und stark kompetitiven Strategie gewähren.

Im Text beschriebene Grafiken zu Spielverläufen des Spiels Fish Banks.zoom

Im zweiten Durchgang, als die Teams also bereits einmal auf die Nase gefallen waren und die Risiken besser einzuschätzen wussten, lagen dann auch auf allen Tischen Smartphones als Taschenrechner. Auch wurde der Versuch gemacht, im Fischerei-„Verband“, in den alle Teams ein Mitglied entsandten, Absprachen zu treffen und durchzusetzen. Das erwies sich jedoch als schwierig und am Ende unmöglich, weil die Unternehmensstrategien der verschiedenen Teams doch sehr unterschiedlich waren und die stärker auf Wettbewerb und Expansion ausgerichteten Teams im Grunde bei ihrer Strategie blieben. Trotz der Taschenrechner schafften es die Mitspieler, die Hochsee in sechs Fangjahren wieder an den Rand des Ruins zu bringen. Man hatte nicht darauf geachtet, die unterschiedlichen Bedingungen in den Fanggebieten zu berücksichtigen, sonst hätte man sich von den Fängen an der Küste nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass die Hochsee bald wieder fischleer sein würde.

Was sich aus solchen Erlebnissen und Spielerfahrungen lernen oder auf die Wirklichkeit übertragen lässt, hängt davon ab, aus welcher Lebenswelt die Mitspieler jeweils kommen. Vor kurzem haben wir „Fish Banks“ mit dem politisch interessierten Nachwuchs aus der Landwirtschaft gespielt. Dabei zeichneten sich am Ende zwei Reaktionen auf die aufwühlenden Spielerfahrungen ab. Die einen versuchten, durch Firmenfusionen und -aufkäufe die schwierigen Abstimmungs- und Entscheidungskämpfe in der Branche zu minimieren, andere Gruppen gaben auf mit der Begründung: „Wir wollen nicht in einem Bereich wirtschaften, in dem wir natürliche Ressourcen nur ausbeuten, aber nichts aktiv dazu beitragen können, dass etwas nachwächst. Wir verkaufen die Fischereifirma und investieren wieder in Landwirtschaft.“ Dass man auf den Weltmeeren nicht säen muss, um zu ernten, war diesen jungen Meinungsführern aus der Landwirtschaft ein Problem, dem sie entgehen zu können glauben, wenn sie statt auf bewegten Meeren auf der festen Scholle agieren.

Dass das ein Trugschluss ein könnte, zeigen die jüngsten Äußerungen des Präsidenten der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), Carl-Albrecht Bartmer. Dieser nämlich wies darauf hin, dass zu enge Fruchtfolgen und ein zu hoher Chemikalieneinsatz in der Landwirtschaft inzwischen zu sinkenden Ernteerträgen führen. Immer mehr Pflanzenschädlinge und Krankheitserreger in der Tierhaltung entwickelten Resistenzen gegen die eingesetzten Mittel. Am Denken in ökologischen Systemen führt nichts vorbei, rein lineare Wachstumsstrategien funktionieren nirgends.

Quelle: UD
 

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