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08.12.2016

Unternehmenskultur

Noch in diesem Leben! Woher nehmen wir immer wieder die Motivation?

„Viel Zeit haben wir nicht mehr, aber ein wenig schon noch.“ In welchem Kontext mag dieser Satz, den man auf S. 110 der SPIEGEL-Ausgabe 39/2016 lesen kann, gestanden haben? Für das Publikum eines Nachhaltigkeitskongresses ist es klar: Es geht um unsere Chancen, den Klimawandel zu stoppen und das Erdzeitalter des Anthropozän zum Zeitalter der Nachhaltigkeit und der Rettung der Erde zu machen. Tatsächlich stammt er von einem der bekanntesten Vertreter der Anthropozän-Deklaration in Deutschland, dem Geologen Reinhold Leinfelder.

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„Viel Zeit haben wir nicht mehr, aber ein wenig schon noch.“ Auf verblüffende Weise gilt dieser Satz und galt er seit Menschengedenken für jeden von uns. Angesichts des Todes, auf den wir alle irgendwie und irgendwann, aber definitiv zugehen, ist dies die zentrale Wahrheit unseres Lebens: „Viel Zeit haben wir nicht mehr, aber ein wenig schon noch.“

Dieser Satz ist das prägende Muster unseres individuellen Daseins. Er unterscheidet uns vom Rest der Natur, die uns umgibt, die uns hervorgebracht hat und die vor unserem zerstörerischen Zugriff zu retten wir uns anschicken. Wir wissen, dass wir existieren – und dass diese Existenz ein Ende haben wird. Und das macht uns Angst. Auch Tiere haben Angst, wenn sie die Gefahr spüren, und sich retten wollen. Aber nur Menschen können, dank ihres cerebralen Systems, also der Möglichkeiten ihres hochentwickelten Großhirns, diese Angst vor dem Tod auch dann empfinden, wenn gar keine tödliche Gefahr in der Nähe ist. Die unausweichliche Tatsache, sterblich zu sein, ist immer in unserer Nähe – und sie versetzt uns, wie der New Yorker Professor für Sozialpsychologie Sheldon Solomon formuliert, in „einen dauerhaften Zustand existenzieller Angst“.

Wie gehen wir damit um? Lassen wir Solomon selbst zu Wort kommen: "Menschen sind darauf aus", sagt er im Interview des Dokumentarfilms "Gier - ein verhängnisvolles Verlangen", "viel Zeugs zu haben. Denn psychologisch betrachtet gibt es ihnen das Gefühl, ewig zu leben."

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Wer von uns könnte sagen: „Ich will nicht mehr mehr?“ Okay, auf einem Nachhaltigkeitskongress werden sich jetzt einige melden. Schon ein paar Tage vor dem Netzwerk 21Kongress 2016 in Dortmund wurde kommuniziert, dass besonderes Interesse an der Diskussion um Suffizienz-Ansätze auf kommunaler Ebene bestand. Die Psychologie hat auch darauf eine Antwort. „Wird die äußere Realität als unsicher wahrgenommen“, schreibt der Ökonom und Psychiater Stefan Brunnhuber in seinem Buch „Die Kunst der Transformation“, „ist das Bestreben nach Stabilität und Verlustvermeidung starker als das nach Veränderung, Innovation und Neugierverhalten. Der menschliche Geist ist konservativ organisiert.“ Menschen mit einem starken Balance-, also Sicherheitsmotiv haben mehr Angst vor Verlusten also vor verpassten Gewinnen.

Die meisten von uns haben aber noch ein anderes Problem: Das innere Bild, was wir von der Wirklichkeit haben und die reale Welt fallen immer weiter auseinander. Wir leben im Wohlstand und kümmern uns um unseren Seelenfrieden als Konsumenten, aber draußen geht es weiter mit dem Klimawandel, der Terrorgefahr, der Ausbeutung, Kinderarbeit, Bürgerkrieg und dem Völker- und Massenmord. Dieses Problem nennen Psychologen „kognitive Dissonanz“. Wir leben mit unvereinbaren Kognitionen. Wie lösen wir dieses Problem?

Es gibt grundsätzlich drei Optionen (nach Wikipedia):

  • Das zugrundeliegende Problem wird gelöst. Nun, wir wissen alle genau, dass in der Zeitspanne des vor uns liegenden Lebens die Probleme des Klimawandels, des Raubbaus an den Ressourcen und der ständigen Menschenrechtsverletzungen nicht gelöst werden. Diese Option scheidet also aus.
  • Die Wünsche, Absichten oder Einstellungen werden aufgegeben oder auf ein erreichbares und somit konfliktärmeres Maß gebracht. Sprichwörtlich ist die Fabel vom Fuchs und den angeblich zu sauren Trauben – oder das Sprichwort vom „Spatz in der Hand“. Also übersetzt: „Den Klimawandel kann ich eh nicht aufhalten, und wer weiß, wie die nächsten Generationen leben wollen? Aber was ich tun kann, tue ich. Ich bin Vegetarier und kaufe meistens bio.“ Das ist der LOHAS-Ausweg.
  • Die physiologische Erregung wird gedämpft, z.B. durch Sport, durch ausgleichende Aktivitäten, durch Ruhe, Vermeidung von vermeidbarem Stress, durch Meditation, aber auch durch Alkoholkonsum, Beruhigungsmittel, Tabak oder andere Drogen. Eine gute Möglichkeit ist auch Naturkontakt, Bergsteigen, Gartenarbeit. Das relativiert das Selbst und erhöht die Demut.

Was ebenfalls als Möglichkeit zur Reduzierung der kognitiven Dissonanz dienen kann, ist ein Befund, den wir in einer jüngsten Umfrage unter knapp 300 eher nachhaltigkeitsaffinen Menschen aus unserer Adressdatenbank erhoben haben. Wir wollten dabei den Stand der moralisch-ethischen Entwicklung in Deutschland erfragen und stellten fest: Das nahe Umfeld wird als ethischer als das weiter entfernte wahrgenommen. Die Umfrage stützte sich auf Lawrence Kohlbergs Modell der ethischen Evolution.

Während bezogen auf Deutschland allgemein nur zehn Prozent der Bevölkerung unterstellt wird, die Verantwortung gegenüber dem System oder gegenüber universellen Werten als moralisch handlungsleitend zu betrachten, sind es im eigenen beruflichen Umfeld 46 Prozent! Das heißt, man selbst lebt in einem ethisch viel höherstehenden Mikrokosmos als die umgebende Gesellschaft. Auch bei der Frage nach den Lebensbereichen mit dem jeweils ethisch fortgeschrittensten oder rückständigsten Niveau bildet sich diese Differenz ab. Die bei weitem moralischste Einrichtung ist die Familie, der moralisch am tiefsten stehende Sektor die Politik.

Diese Umfrage ist natürlich nicht repräsentativ und sie überschätzt das allgemeine moralische Niveau wahrscheinlich. Es sind nicht zehn Prozent der Bevölkerung, die sich auf einem hohen Moralniveau befinden, das wir eigentlich auch mit Nachhaltigkeit verbinden, sondern allenfalls halb so viel. Stefan Brunnhuber sagt: „Nachhaltigkeit als Fairness hat aus psychologischer Sicht eine evolutionäre Struktur und ist das Ergebnis einer sich entwickelnden, expansiven Introspektionsfähigkeit jedes Einzelnen (…). Empirisch haben ca. drei bis fünf Prozent der Bevölkerung einen globalen Bewusstseinsschwerpunkt, mehr leider nicht.“

Aber zurück zu der Frage, warum wir das ethische Niveau in unserem eigenen Umfeld höher einschätzen als in der Gesamtgesellschaft, in der wir leben. Oder warum die Teilnehmer von Nachhaltigkeitskongressen sich vermutlich als deutlich moralischer einschätzen als die Welt „da draußen“.

Folgen wir Sheldon Solomon, dann ist auch dies ein Versuch der Bewältigung unserer Todesangst: nämlich das Bestreben, „die Überlegenheit der Gruppe, der wir selbst angehören, über andere Gruppen sicherzustellen“. Solomon schreibt: „Das kulturelle Weltbild, das wir mit anderen teilen – die Glaubenssysteme, die wir schaffen, um uns das Wesen der Wirklichkeit zu erklären –, geben uns ein Gefühl von Sinnhaftigkeit, begründen den Ursprung des Universums, geben uns Orientierung für ein rechtschaffenes Verhalten auf Erden und verheißen Unsterblichkeit.“ Wir brauchen unbedingt „das Gefühl, dass wir Teil von etwas sind, das größer ist als wir selbst und noch lange nach unserem Tod fortdauern wird. Das ist der Grund dafür, dass wir bestrebt sind, Teil von sinnspendenden Gruppen zu sein und dauerhaften Einfluss auf die Welt zu haben (…).“ Könnte man also nicht auf die Idee kommen, die Vorstellung von „Nachhaltigkeit“ sei im Grunde nichts anderes, als eine moderne Weltanschauung, hinter der sich die Sinnsuche todgeweihter und verängstigter Menschen des 21. Jahrhunderts verbirgt?

Wenn wir die Triebkraft von „Nachhaltigkeit“ so verstehen, können wir wahrscheinlich mehr für den Fortschritt auf unserem Planeten tun als durch die zum x-ten Mal wiederholte Diskussion wissenschaftlicher Fakten oder rationaler Berechnungen. Fakten verändern Verhalten nicht. Das hat jüngst wieder ein Experiment der Harvard University und des University-College London gezeigt. Wer den Klimawandel für unbedeutsam hält, lässt sich durch gegenteilige Wissenschaftsberichte nicht beirren, durch Berichte, die seine Meinung unterstützen, aber umso mehr bestärken. Und dasselbe gilt für Menschen, die den Klimawandel ernstnehmen – nur umgekehrt. Wir leben in Glaubensgemeinschaften und rezipieren das, was diese Gemeinschaft jeweils bestätigt.

Jede Fernseh-Talkshow zu den Reizthemen unserer Tage zeigt uns, wie wenig wir in der Lage sind, Komplexität emotional auszuhalten und Ambivalenzen zu ertragen. Zu erkennen, dass es die Bedrohung durch den Klimawandel gibt – und genauso nicht gibt, weil – wie Brunnhuber betont – die Natur keine Moral und keine Katastrophen kennt. Dass der Einzelne sich nachhaltiger verhalten kann – und die Gesellschaft weniger nachhaltig wird. Dass wir eine Energiewende beschließen und dennoch mehr Kohlestrom produzieren müssen.

Vielleicht sollten wir uns weniger auf Nachhaltigkeitskongressen herumtreiben, wo wir nur unseresgleichen finden? Wir kämen damit in eine Situation des, wie Stefan Brunnhuber es nennt, „performativen Selbstwiderspruchs“. Brunnhuber charakterisiert damit den Übergang vom konventionellen in das postkonventionelle Denken. Wie schwer es ist, diesen Übergang wirklich zu schaffen, beweist Brunnhuber selbst im Schlusskapitel seines Buches, wenn er erstaunlicherweise schreibt: „Wir sind wohl die erste Generation, die all diese Probleme vor sich sieht – und wahrscheinlich zugleich die letzte, die die Welt grundlegend ändern kann.“ Eine großartigere Form der Todesangstbewältigung gibt es wohl kaum als die Selbststilisierung zur ultimativen Generation dieses Planeten!

„Viel Zeit haben wir nicht mehr, aber ein wenig schon noch.“ Das ist es, was uns antreibt.

Buchtipp:

Sheldon Solomon, Jeff Greenberg, Tom Pyszczynski
Der Wurm in unserem Herzen
Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst
Aus dem Englischen von Susanne Kuhlmann-Krieg
DVA, München 2016
ISBN: 9783421047250

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Quelle: UD
 

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