Wirtschaft & Strategie

„Wenn ich in eine EPD schaue, lese ich darin Geschichten“

Für viele sind Umwelt-Produktdeklarationen (EPDs) vor allem technische Datensammlungen. Die neue IBU-Geschäftsführerin Dr. Martina Bender sieht jedoch, was dahinter steckt, und will das auch anderen zugänglicher machen. „Die Kunst ist, etwas so Komplexes pragmatisch abzubilden, ohne an Substanz, Qualität und Glaubwürdigkeit zu verlieren“, sagt sie im UmweltDialog-Interview und erklärt, welche Rolle dabei die neue IBU Akademie spielt.

07.07.2026

Frau Dr. Bender, Sie sind beim Institut Bauen und Umwelt e.V. (IBU) kein neues Gesicht: Zuletzt waren Sie als unabhängige Verifiziererin für die IBU Verify GmbH tätig. Was hat Sie von dort in die Geschäftsführung geführt?

Dr. Martina Bender: Es war nicht langfristig geplant. Ich hatte zum 1. Juli 2025 als eine der ersten festangestellten Verifiziererinnen bei der IBU Verify GmbH begonnen. Die Ausbildung ist aufwendig: Man durchläuft erst eine Ausbildungssphase unter Supervision, bevor man eigenständig arbeiten darf. Eigentlich braucht man dafür drei EPDs, ich hatte in dieser Zeit vierundzwanzig begleitet. Ich komme eher aus der Holzbranche, da wollte ich natürlich alle anderen Materialien auch mal sehen. Kurz vor Weihnachten bekam ich dann meine Zulassung durch den Sachverständigenrat des IBUs. Und in genau diesen Zeitraum fiel die Ankündigung des Geschäftsführerwechsels. So kurz nach der Zulassung wieder aufzuhören war nicht ganz einfach, aber rückblickend war es kein Bruch, sondern eine konsequente Weiterführung, die der Position auch sehr guttut.

Dr. Martina Bender, Geschäftsführerin Institut Bauen und Umwelt e.V.
Dr. Martina Bender, Geschäftsführerin Institut Bauen und Umwelt e.V.

Was nehmen Sie aus dieser Rolle mit? Welche Erfahrungen prägen Ihren Blick auf die neue Aufgabe besonders?

Bender: Als Verifiziererin bekommt man einen Blick in den Maschinenraum: Wie entsteht eine EPD genau? Wo funktionieren die Prozesse schon gut? Wo entstehen Reibungsverluste? Wo sind Schnittstellen noch zu kompliziert? Und wo können wir Prozesse so verbessern, dass Qualität und Geschwindigkeit besser zusammenpassen? Ich bringe die fachliche Tiefe mit, die praktische Anwendungserfahrung und das Vertrauen der Marktanwender. Dazu komme ich ja auch schon aus der Industrie, aus sehr vielen Blickwinkeln: aus dem Umweltmanagement auf Werksebene, dann als Produktnachhaltigkeitsmanagerin, dann noch übergeordnet auf Corporate-Ebene in Richtung Klimastrategie. Das gibt mir einen 360-Grad-Blick.

Sie haben also schon alle Seiten kennengelernt?

Bender: Ja, genau. Ich weiß, wo die Daten herkommen, was die Menschen in den Betrieben brauchen, um so etwas überhaupt abliefern zu können. Die Datenerhebung für ein EPD-Projekt klingt zunächst wahnsinnig banal, so nach dem Motto: tragt jetzt einfach eure Zahlen in diesen Zettel ein und schwupps ist das fertig. Oh, pro m² deklariertes Produkt? Wieviel Strom wird im Betrieb eigentlich für die Produktion dieses Artikels aufgewendet? Sehen Sie, da fängt das Problem erst an. Ich sehe mich vor allem als Übersetzerin und Brückenbauerin zwischen all diesen Themen. Die Kunst ist, etwas so Komplexes pragmatisch abzubilden, ohne an Substanz, Qualität und Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Stichwort „kompliziert“: Für viele Menschen wirken EPDs und Ökobilanzen sehr technisch und abstrakt. Was begeistert Sie an diesem Thema?

Bender: Mich fasziniert, was hier sichtbar gemacht wird. Etwas, das lange Zeit schlicht nicht greifbar war. Wenn man in die siebziger, achtziger Jahre zurückschaut, wurden Produkte einfach als „umweltfreundlich" beworben. Und wenn man nachgehakt hat, warum, kamen die wildesten Begründungen: weil der Rohstoff nachwächst oder weil es irgendwie grün wirkt. Das waren Narrative, keine belastbaren Informationen. Das ist im weitesten Sinne so ähnlich wie bei Nährwertangaben auf Lebensmitteln: heute absolut selbstverständlich, historisch alles andere als das. Die Ökobilanzierung macht die Umweltwirkung von Produkten in ihrer gesamten Vielfalt systematisch sichtbar, berechenbar und vergleichbar. EPDs machen aus vagen Nachhaltigkeitsversprechen belastbare Informationen und helfen dabei, Greenwashing zu vermeiden. Und für mich persönlich sind sie mehr als Tabellen: Wenn ich in eine EPD schaue, lese ich darin Geschichten, über Rohstoffe, Lieferketten, Energieflüsse, Entscheidungen und Verbesserungspotenziale.

Erfahren Sie mehr über die IBU Verify GmbH im UmweltDialog-Interview „IBU Verify GmbH: Ökobilanzen auf dem Prüfstand“.

Florian Pronold hat das IBU wirtschaftlich stabilisiert und stark wachsen lassen. Was ist jetzt Ihre Agenda?

Bender: Die allererste Aufgabe ist, diesen Wachstumsimpuls aufzunehmen und das IBU skalierungsfähig zu machen. Konkret heißt das: Wenn die Nachfrage nach EPDs weiter steigt, müssen Qualität, Geschwindigkeit und Verlässlichkeit mitskalieren. Aktuell dauert ein EPD-Projekt von der ersten Idee bis zur Veröffentlichung sehr lang – da wollen wir weg. Oft liegt das an der Prozesskette: Das Unternehmen, der LCA-Dienstleister, die Verifizierung, der Programmhalter, das sind vier Akteure. Wenn an den Schnittstellen Unklarheiten entstehen, kostet das Zeit. Genau dort wollen wir ansetzen. Dazu kommt, dass immer mehr Unternehmen eigene Berechnungstools nutzen, und unsere Prozesse müssen sinnvoll darauf abgestimmt sein. Insgesamt denke ich in drei Schienen: eigene Prozesse digitalisieren und vereinfachen, Qualität im gesamten System stärken, und EPDs besser übersetzen, damit Mitglieder sie nicht nur erstellen, sondern wirklich verstehen und nutzen können.

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Was bedeutet das konkret – was ändert sich für die Mitglieder?

Bender: Die gesetzlichen Anforderungen wachsen, und wir setzen schon jetzt Weiterbildungsmodule auf, damit klar ist, was auf die Mitglieder zukommt. Wenn zum Beispiel die werkseigene Produktionskontrolle durch die neue Bauproduktenverordnung kommt: Unsere Mitglieder haben ja schon EPDs erstellt, für die ist vieles nicht neu. Und wir können ganz praktisch helfen. Oft gibt es in den Unternehmen schon Strukturen, an die man gut anknüpfen kann – etwa im Umwelt- oder Qualitätsmanagement. Entscheidend ist, diese Strukturen gezielt um die neuen Daten- und Dokumentationsanforderungen zu erweitern. Das klingt simpel, aber man muss es erst wissen. Dafür bauen wir auch die IBU Akademie auf, die im frühen Herbst starten soll.

Das klingt spannend. Erklären Sie die Akademie bitte genauer.

Bender: Die Akademie ist ein Qualifizierungsangebot, das hybrid stattfinden soll. Zwei Zielgruppen stehen im Fokus: die Mitgliedsunternehmen, denen wir pragmatische Unterstützung geben wollen. Etwa: Wie lese ich eine EPD? Wie gestalte ich die Datensammlung so, dass es nicht jedes Mal intern ein Riesenprojekt wird? Und auf der anderen Seite die LCA-Ersteller, also die Ökobilanzierer. Da gibt es ein sehr skurriles Henne-Ei-Problem: Die Ökobilanzierer-Community kennt sich seit dreißig Jahren, hat alles erfunden und mitentwickelt. Natürlich kennen die sich aus. Und auf der anderen Seite gibt es viele talentierte Nachwuchskräfte, aber bisher kaum einen klaren Qualifizierungspfad in dieses sehr spezielle Berufsfeld. Wo sollen sie denn ihre Grundlagen herbekommen? Im Moment bilden sich viele sozusagen durch den Verifizierungsprozess selbst aus: In der Praxis findet ein erheblicher Teil des Lernens heute noch über Rückfragen und Korrekturschleifen im Verifizierungsprozess statt. Das ist für alle Beteiligten aufwendig. Mit der Akademie wollen wir Wissen früher vermitteln, damit Hintergrundberichte von Anfang an besser vorbereitet sind.

Und das ist eine Menge Wissen, nehme ich an?

Bender: Stimmt. Das IBU steht für eine sehr sorgfältige und fachlich anspruchsvolle Prüfung. Das ist nicht immer der einfachste Weg, aber es schafft Belastbarkeit. Eine EPD soll ja nicht nur veröffentlicht werden, sondern auch dann tragen, wenn ihre Daten später in Vergabe, Regulierung oder Gebäudeökobilanzen genutzt werden.
Genau deshalb wollen wir Qualität früher im Prozess ermöglichen: durch bessere Vorbereitung, klarere Anforderungen und mehr Qualifizierung. Dann wird auch die Verifizierung schlanker – und die Ergebnisse werden verlässlicher nutzbar.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Quelle: UmweltDialog
 

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