Wirtschaft

Wird Interface bald CO2-negativ?

Klimaneutral? Das reicht Interface längst nicht mehr. Während die Baubranche noch über CO2-Kompensationen diskutiert, geht der Bodenbelagshersteller einen radikalen Schritt weiter: Interface will bis 2040 CO2-negativ werden, ganz ohne Ausgleichszahlungen. Wie realistisch ist diese Vision? Im Gespräch mit Gritli Heitbrink, Sustainability Manager DACH bei Interface.

10.02.2026

Wird Interface bald CO2-negativ?

UmweltDialog: Hallo und herzlich willkommen Frau Heitbrink! Interface beschäftigt sich schon lange mit Klimafragen und gilt in der Branche als Vorreiter. Jetzt wollen Sie CO2-negativ werden. Das müssen Sie uns erläutern: Was bedeutet das? 

Gritli Heitbrink: Konkret haben wir uns als Unternehmen das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2040 eine CO2-negative Bilanz zu erreichen. Das bedeutet, dass wir über unsere gesamte Wertschöpfungskette hinweg mehr Kohlenstoff speichern wollen, als wir tatsächlich emittieren.

In einigen unserer Produkte haben wir diesen Meilenstein bereits heute teilweise realisiert, was die Machbarkeit unseres Ansatzes unterstreicht. Dennoch ist uns bewusst, dass bis 2040 noch ein weiter Weg vor uns liegt und wir noch vor erheblichen Aufgaben stehen, um dieses Ziel flächendeckend umzusetzen.

Das ist ja jetzt zunächst einmal ein bilanzieller Wert. Jetzt wird der eine oder andere sagen: Die pflanzen bloß ein paar Bäume irgendwo und machen aber ansonsten „business as usual“. Interface geht einen anderen Weg. Können Sie uns diesen näher beschreiben?

Heitbrink: Bis 2024 haben wir Emissionsminderungszertifikate erworben, um unvermeidbare Emissionen auszugleichen und so den gesamten Fußabdruck des Unternehmens – von Scope 1 bis Scope 3 – zu kompensieren. Letztes Jahr haben wir jedoch offiziell kommuniziert, diesen Weg nicht weiterzuverfolgen.

Stattdessen haben wir unsere neue Strategie unter dem Motto ‚All In‘ gestartet. Ziel dieser Kampagne ist es, unsere eigene Lieferkette direkt anzugehen und Emissionen dort konsequent zu reduzieren oder Kohlenstoff unmittelbar zu speichern. Wir sind davon überzeugt, so unsere Ziele schneller erreichen zu können. Praktisch bedeutet das: Die Budgets, die wir bisher für externe Kompensationsprojekte aufgewendet haben, investieren wir nun in interne Innovationsprojekte. Dazu gehört beispielsweise die Weiterentwicklung von Rohstoffen, die aktiv Kohlenstoff speichern oder die Freisetzung von CO2 von vornherein vermeiden.

‚All In‘ ist hierbei ein passendes Stichwort, da wir damit bewusst ein gewisses Risiko eingehen. Die Herausforderung besteht darin, zeitnah und in ausreichendem Maße die entsprechenden Materialien zu entwickeln, zu beschaffen und in die Produktionsprozesse zu integrieren , um diesen ambitionierten Weg erfolgreich zu beschreiten.

Mehr zur Nachhaltigkeitsstrategie von Interface erfahren Sie im UmweltDialog-Beitrag„Impact Report 2024: Interface geht ‚All in‘“.

Gritli Heitbrink, Sustainability Manager DACH bei Interface
Gritli Heitbrink, Sustainability Manager DACH bei Interface

„All In“ klingt tatsächlich riskant. Welche Rolle spielen biobasierte Materialien und recycelte Stoffe? Und wie zuverlässig sind dafür Ihre Lieferketten? 

Heitbrink: Die Auswahl der Materialien ist von entscheidender Bedeutung und bildet die Grundvoraussetzung für das Erreichen unserer Nachhaltigkeitsziele. Wie bereits erwähnt, arbeiten wir intensiv mit biobasierten und recycelten Stoffen. Seit letztem Jahr setzen wir zusätzlich auf Materialien mit gebundenem Kohlenstoff.

Biobasierte Materialien sind natürliche Ressourcen, die Kohlenstoff bereits während ihres Wachstums mittels Photosynthese binden und somit dauerhaft in unseren Produkten speichern. Der Einsatz von recycelten Materialien hingegen verhindert die Notwendigkeit der Neuproduktion von Rohstoffen und vermeidet so zusätzliche Emissionen. Im Gegensatz zum natürlichen Prozess der Photosynthese handelt es sich beim gebundenen Kohlenstoff um ein chemisches Verfahren. Hierbei wird CO2, das normalerweise während eines Produktionsprozesses in die Atmosphäre entweichen würde, gezielt abgeschieden, gereinigt und in einen bestehenden Rohstoff reintegriert, den wir seit vielen Jahren verwenden. Durch den Einsatz dieser kohlenstoffspeichernden Materialien ist es uns möglich, einen außergewöhnlich niedrigen CO2-Fußabdruck zu erzielen.

So können Sie CO2, was noch gestern ein Schadstoff war, jetzt zum Nützling machen. Was antworten Sie Kritikern, die das als Verzögerungstechnologie bezeichnen, weil wir ja eigentlich CO2 vermeiden sollten?

Heitbrink: Das ist völlig richtig. Oberste Priorität muss zweifellos die Vermeidung von CO2-Emissionen haben. Neue Technologien dürfen keinesfalls als Alibi dienen, um an anderer Stelle weiterhin unvermindert CO2 freizusetzen.

Dennoch fungieren ergänzende Maßnahmen als wichtiger Beschleuniger. Es ist entscheidend, dass wir schnell handeln und bereits heute jede verfügbare Möglichkeit zur Emissionsminderung nutzen. Da sich CO2 über Jahrzehnte in der Atmosphäre anreichert, zählt faktisch jeder Tag. Sollten wir untätig bleiben, werden künftig weit drastischere Maßnahmen erforderlich sein. Daher erachte ich jede gegenwärtige Option, CO2 wirksam zu binden und zu speichern, als wertvoll. Idealerweise erfolgt dies parallel zu unserem kontinuierlichen Bestreben, CO2-Emissionen an der Quelle grundsätzlich zu verhindern.

Wie Interface CO2 in seinen Produkten speichert, lesen Sie im UmweltDialog-Interview „Ressource statt Klimarisiko: Interface setzt auf gebundenes CO2“.

Wenn man sich handelsübliche Teppiche anschaut, dann ist die Verbindung zwischen Garn und Rücken ein Problem. Der besteht meist aus Bitumen und ist bei Herstellung und Entsorgung problematisch. Interface hat hier eine ökologischere Lösung gefunden? 

Heitbrink: Seit dem Jahr 2020 setzen wir mit CQuest™Bio eine Rückenkonstruktion ein, die konsequent auf biobasierten Materialien und recycelten Füllstoffen basiert. Damit ist es uns gelungen, Bitumen vollständig aus unseren Rückenkonstruktionen zu eliminieren.

Die Rückenkonstruktion CQuestBioX enthält CO2-negative Materialien.
Die Rückenkonstruktion CQuestBioX enthält CO2-negative Materialien.

Dieser Schritt ist von entscheidender Bedeutung, da Bitumen nur sehr schwer recycelbar und letztlich nicht kreislauffähig ist. Da diese neue Konstruktion mittlerweile standardmäßig für unser gesamtes Portfolio verwendet wird, sind alle unsere Produkte kreislauffähig und können dem Recyclingprozess zugeführt werden. In unserer europäischen Produktionsstätte in Scherpenzeel betreiben wir eine unabhängig geprüfteRecyclinganlage. Diese ist in der Lage, das Garn und die Rückenkonstruktion sauber voneinander zu trennen. Dadurch kann das Material der Rückenkonstruktion direkt in die Herstellung neuer Produkte zurückfließen. Die Einführung dieser innovativen Rückenkonstruktionen war somit ein wesentlicher Meilenstein auf unserem Weg zur zirkulären Wertschöpfung.

Sie sind international tätig. Ticken die Märkte alle gleich, oder wie integrieren Sie unterschiedliche Erwartungshaltungen in Ihr Nachhaltigkeitsmanagement? 

Heitbrink: Die Märkte agieren tatsächlich sehr unterschiedlich. Wir sind bei Interface international so aufgestellt, dass wir in verschiedensten Regionen tätig sind. Während meine Verantwortung in der DACH-Region liegt, betreuen meine Kollegen Gebiete wie das Vereinigte Königreich, den Mittleren Osten und Afrika, die Benelux-Staaten, Skandinavien oder die USA und Australien. Es ist äußerst aufschlussreich, sich mit den internationalen Kollegen über die variierenden Anforderungen auszutauschen und zu verstehen, welche Trends und Forderungen Kunden beispielsweise im Bereich der Umweltproduktdeklarationen stellen.

Das Positive daran ist, dass wir uns konsequent an den weltweit höchsten Standards orientieren müssen, um zukunftsfähige Lösungen anzubieten. Letztendlich verfolgen wir eine klare globale Unternehmensstrategie. Auch wenn der Weg, den wir einschlagen, eine globale Ausrichtung hat, müssen wir dennoch flexibel und differenziert auf die spezifischen Anforderungen der einzelnen Länder reagieren.

Wer entscheidet letztendlich über einen Interface-Bodenbelag? Sind das die Architekten mit einem besonderen Nachhaltigkeitsbewusstsein oder der Bauträger, der vielleicht auch schon End-of-Life-Gedanken im Kopf hat?

Heitbrink: Die Marktlage gestaltet sich derzeit sehr differenziert. Besonders bei großen Architekturbüros lässt sich beobachten, dass zunehmend eigene Nachhaltigkeitsteams aufgebaut werden. Diese beschäftigen sich fachübergreifend mit der Thematik, erstellen Materialdatenbanken und fordern von uns detaillierte Umweltproduktdeklarationen ein, um diese tiefgreifend zu analysieren.

Architektur, Planung und Umwelt mit Gebäudemodell für Konstruktion, Nachhaltigkeit und Futurismus.

Parallel dazu legen auch Bauherren und Vermieter verstärkt Wert auf nachhaltige Bauweisen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Nachhaltige Immobilien gelten als zukunftssicherer, erzielen potenziell höhere Marktpreise und ermöglichen durch Zertifizierungen den Zugang zu attraktiven finanziellen Förderungen sowie günstigeren Krediten. All dies sind starke Motivatoren für ökologisches Bauen.

Dennoch gibt es nach wie vor die Situation, dass ambitionierte Ziele zu Beginn eines Projekts am Ende am Budget scheitern. Es kommt vor, dass Bauherren im Projekt schlussendlich auf preisgünstige Alternativen ausweichen - und das manchmal auf Kosten von ökologischen Kriterien. Trotz dieser punktuellen Rückschläge ist jedoch ein klarer Trend hin zu mehr Nachhaltigkeit in der gesamten Branche spürbar.

Was muss politisch flankierend passieren? 

Heitbrink: Hinsichtlich der politischen Ebene bin ich fest davon überzeugt, dass Regulatorik eine große Wirkung entfaltet. Auch wenn es hierzu andere Meinungen gibt, ist es mein Eindruck, dass ein klarer gesetzlicher Rahmen Prozesse beschleunigt und deren Intensität steigert. Daher ist es mein Wunsch, dass die Politik die Dringlichkeit erkennt und zeitnah entsprechende Entscheidungen trifft.

Unsere Meilensteine für 2030, 2040 oder 2050 liegen keineswegs in ferner Zukunft; sie rücken bereits in greifbare Nähe. Versäumnisse oder Verzögerungen in der Gegenwart werden uns künftig vor große Herausforderungen stellen. Sollten wir die Klimaziele erreichen und die globale Erwärmung wirksam eindämmen wollen, müssten die Maßnahmen bei einem späteren Handeln weitaus strenger und drastischer ausfallen. Mein Wunsch ist es daher, dass diese Notwendigkeit anerkannt wird und Taten folgen.

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Wenn wir uns jetzt in ein paar Jahren noch mal verabreden und dann gemeinsam zurückblicken: An was, woran wollen Sie dann gemessen werden? Am Marktanteil, an den eingesparten CO2-Emissionen oder an der Nachahmung durch andere? 

Heitbrink: An allem! Natürlich spielt der Marktanteil eine wichtige Rolle. Wie bereits erwähnt, sind wir ein wachstumsorientiertes Unternehmen, das sich hervorheben und Wettbewerbsvorteile erarbeiten möchte. Ein positiver Marktanteil spiegelt dabei stets die Resonanz unserer Kunden auf unser Handeln wider. Insofern ist er definitiv von großer Bedeutung.

Was die CO2-Emissionen betrifft: Wir haben diese als klares Ziel formuliert. Daran müssen und wollen wir uns messen lassen. Und zum Thema Nachahmung durch andere – was bedeutet das eigentlich? Ein schönes Beispiel hierfür ist unsere Zusammenarbeit mit einem Garnlieferanten im Jahr 2011, um ein recyceltes Garn zu entwickeln. Dieses Garn wird mittlerweile nicht mehr nur von uns, sondern auch von unseren Marktbegleitern sowie in anderen Branchen genutzt – etwa in der Modeindustrie, für Autositze oder Möbel. Dass eine nachhaltige Innovation über die eigene Branche hinaus zum Standard wird, ist genau der richtige Schritt und absolut wünschenswert.

Das war ein wunderschönes Schlusswort! Vielen Dank für das Gespräch.

Das ausführliche, vollständige Gespräch hören Sie in unserem Podcast:

Podcast Sustainability to go Inetrface: Bis 2040 CO2-negativ
Quelle: UmweltDialog
 

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