Wirtschaft

Recycelte Kochfelder: Wann wird’s wirtschaftlich?

Technisch funktioniert das Recycling von Glaskeramik längst, doch der Weg zur echten Kreislaufwirtschaft ist noch lang. „Das Ziel muss sein, irgendwann wirtschaftlich zu arbeiten“, meint Dr. Jörn Besinger. Im UmweltDialog-Interview erklärt der Projektleiter Kreislaufwirtschaft und Director Productmanagement CERAN bei SCHOTT, welche Schritte der Technologiekonzern unternimmt, um aus dem Pilotprojekt einen großflächig nutzbaren Kreislauf zu machen.

05.05.2026

Recycelte Kochfelder: Wann wird’s wirtschaftlich?
Dr. Jörn Besinger, Projektleiter Kreislaufwirtschaft und Director Productmanagement CERAN bei SCHOTT & New Business Development.

UmweltDialog: Herr Dr. Besinger, letzte Woche haben wir darüber gesprochen, wie komplex das Recycling von Glaskeramik ist. Ein Punkt blieb dabei noch offen: Bei Papier und Kunststoff verliert das Material mit jedem Recyclingdurchlauf an Qualität. Wie ist das bei Glaskeramik?

Dr. Jörn Besinger: Bei Glas gilt grundsätzlich: Solange die Rohstoffe die richtigen Eigenschaften haben, bleibt die Qualität gleich. Und das ist auch unser Anspruch. Wir machen keine Kompromisse beim Endprodukt. Auch wenn wir recycelte Rohstoffe verwenden, muss das fertige Glas am Ende unseren Anforderungen entsprechen. Theoretisch könnte man Glaskeramik also immer wieder einschmelzen und neu verwenden, ohne dass die Qualität leidet – solange die Bedingungen gleich bleiben.

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Wie schneidet das Recycling von Glaskeramik aus ökobilanzieller Sicht im Vergleich zur Neuproduktion ab?

Besinger: Wenn wir Glaskeramik recyceln, müssen wir keine neuen Rohstoffe gewinnen – das spart schon mal CO2. Zumal sie oft aus weiter entfernten Regionen stammen und auch der Transport entsprechend aufwendig ist. Außerdem haben Glasscherben geringere Schmelztemperaturen als die Ausgangsstoffe wie etwa Quarzsand. Auch das spart Energie und CO2. Ich muss aber ehrlich sagen: Exakt berechnet haben wir das noch nicht. Es hängt auch davon ab, aus welchen Regionen wir die Glasscherben bekommen und was der Aufbereitungsprozess letztlich erfordert. Ich würde sagen, die Bilanz ist positiv – wie hoch die Einsparungen konkret sind, ist noch zu früh zu sagen.

Das Potenzial ist also da. War das der entscheidende Impuls, das Projekt anzustoßen?

Besinger: Die Idee, so etwas zu tun, gab es schon länger. Wir wissen, wie viel wir verkaufen und wie groß der Markt insgesamt ist. Und wenn man sieht, dass das alles auf der Deponie oder im Straßenbau landet, ist das einfach eine enorme Ressourcenverschwendung. Zudem hatten wir bei SCHOTT in der Vergangenheit bereits einen Recyclingprozess für Fernsehglas etabliert. Da war es naheliegend, dasselbe für die Glaskeramik anzugehen. Also haben wir das Thema vor einigen Jahren wieder aufgegriffen, Kontakte in der Entsorgungswirtschaft geknüpft und unsere Ideen vorgestellt. Manche sagten: zu aufwendig, lohnt sich nicht, dauert zu lange. Aber es gab andere, die man dafür begeistern konnte.

Diejenigen, die abgelehnt haben, sagten es lohnt sich nicht – das Projekt ist also noch nicht wirtschaftlich?

Besinger: Wirtschaftlichkeit hat immer auch mit Skalierung zu tun. Im Moment ist alles noch auf einem relativ kleinen Maßstab, es gibt noch keine automatisierten Prozesse. Aber das Ziel muss sein, irgendwann wirtschaftlich zu arbeiten. Ansonsten lässt sich das nicht dauerhaft im großen Maßstab betreiben.

Intern bei SCHOTT werden alle Produktionsscherben ja schon seit Jahrzehnten in größerem Maßstab wiederverwertet. Warum hat es trotzdem so lange gedauert, das Modell auf ausgediente Kochfelder auszuweiten?

Besinger: Intern haben wir hundertprozentige Kontrolle über das Material. Wir wissen genau, welche Glaszusammensetzungen anfallen, trennen sie sehr streng und können die Scherben eins zu eins in der entsprechenden Schmelzkampagne erneut einsetzen.
Bei Glaskeramik, die nicht aus unserer eigenen Produktion stammt, fehlte uns der Überblick über die genaue Materialzusammensetzung. Das hat den Einsatz von ausgedienten Kochfeldern lange blockiert. Im Rahmen des Projekts haben wir nun Wege gefunden, mit einem Materialmix umzugehen. Das war letztlich der Schlüssel.

Schon seit Jahrzehnten nutzt SCHOTT Glasscherben aus der eigenen Produktion als wertvollen Rohstoff für interne Kreisläufe.
Schon seit Jahrzehnten nutzt SCHOTT Glasscherben aus der eigenen Produktion als wertvollen Rohstoff für interne Kreisläufe.

Neben dem Recycling von Glaskeramik läuft bei SCHOTT parallel auch ein Projekt für Pharmaverpackungen aus Spezialglas. Was verbindet die beiden – und wo liegen die Unterschiede?

Besinger: Die technischen Anforderungen, etwa was Reinheit und Qualität angeht, sind ähnlich hoch wie bei der Glaskeramik. Bei Pharmaglas kommt aber noch eine besondere Hürde hinzu: Es ist ein stark regulierter Markt, in dem Verpackung und Medikament gemeinsam zugelassen werden müssen. Das macht es noch mal deutlich schwieriger, gebrauchte Spritzen oder Fläschchen aufzubereiten und das Glas zurück in die Schmelze zu führen. Dazu kommen ähnliche praktische Herausforderungen. Eine Spritze besteht ja auch aus verschiedenen Komponenten wie Spritzkörper, Nadel, Klebstoffe und Beschichtungen, die alle vom Glas getrennt werden müssen. Und bei der Sammlung gelten noch einmal ganz andere Regeln – wie etwa die strengen Entsorgungsvorschriften in Krankenhäusern.

Technisch funktioniert das Recycling von Glaskeramik schon. Was plant SCHOTT als nächstes, damit aus dem Pilotprojekt echte Kreislaufwirtschaft wird und woran wird man messen, ob das gelungen ist?

Besinger: Der erste Schritt ist, das Ganze in einen kontinuierlichen Betrieb zu überführen, auch wenn der Maßstab zunächst noch klein bleibt. Außerdem wollen wir mehr Glaskeramikscherben sammeln. Je mehr wir zusammenbekommen, desto besser. Wir arbeiten daran, an verschiedenen Stellen gesonderte Sammlungen zu etablieren. Die Idee ist zum Beispiel, dass Verbraucher ihr altes Kochfeld auf dem Wertstoffhof künftig nicht mehr in einen großen Container werfen, sondern es in eine separate Gitterbox legen können. Die holen wir dann über unsere Partner gezielt ab. An den gesammelten Mengen bemisst sich am Ende auch unser Erfolg. Und wir denken dabei nicht nur an Deutschland. Wir haben bereits Kontakte ins europäische Ausland geknüpft und kleinere Piloten laufen dort auch schon. Es geht langsam voran, aber stetig.
Vielen Dank für das Gespräch!

Quelle: UmweltDialog
 

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