Glaskeramik-Recycling: Alles andere als Altglas
Glas recyceln kennt jeder – aber Kochfelder? Das ist eine ganz andere Welt. Warum das Recycling von Glaskeramik so herausfordernd ist und wie es SCHOTT trotzdem gelang, erklärt Dr. Jörn Besinger, Projektleiter Kreislaufwirtschaft und Director Productmanagement CERAN bei SCHOTT & New Business Development, im UmweltDialog-Interview.
28.04.2026
UmweltDialog: Dr. Besinger, SCHOTT hat einen Erfolg beim Recycling von Glaskeramik-Kochfeldern verkündet. Für viele klingt das unspektakulär – Glas recyceln kennt man doch vom Altglascontainer?
Dr. Jörn Besinger: Ja, das denken viele. Aber beim Altglas haben wir es im Vergleich zur Glaskeramik mit ganz anderen Mengen zu tun. Allein in Deutschland werden jährlich rund 2,5 Millionen Tonnen Behälterglas recycelt, immense Mengen, die ein etabliertes Sammelsystem seit Jahrzehnten rechtfertigen. Es gibt Sammelcontainer in jedem Straßenzug, wo Verbraucher ihr Altglas bereits nach Farben getrennt einwerfen. Von dort wird es abgeholt und in spezialisierte Aufbereitungsanlagen gebracht, die Kontaminationen wie Metalldeckel oder Kunststoffe aussortieren und Fremdgläser herausfiltern. Borosilikatgläser etwa – wie die Kanne einer Kaffeemaschine – dürfen nicht ins normale Altglas, weil sie einen zu hohen Schmelzpunkt haben. Am Ende kommt bei den klassischen Flaschen und Glasverpackungen ein hochwertiger Rohstoff für die Behälterglasindustrie heraus, der maschinell weiterverarbeitet werden kann. Hier funktionieren Sammelsystem und Transportlogistik also schon.
Und bei Glaskeramik ist das anders?
Besinger: Völlig anders. In Deutschland fallen jährlich rund 1,3 Millionen ausgediente Kochfelder an, das entspricht etwa 4.000 Tonnen Glaskeramik. Anders als beim Behälterglas gibt es kein eigenes Sammelsystem. Stattdessen landen die Kochfelder und Herde gemeinsam mit Waschmaschinen und Spülmaschinen in großen Containern auf Wertstoffhöfen. Spätestens wenn der Container angehoben wird, verrutscht alles und die Glaskeramik geht zu Bruch. Große Anlagen schreddern die Geräte dann und sortieren sie nach Wertstoffen. Die Glaskeramik fällt dabei als Restfraktion ganz am Schluss an und landet häufig auf Deponien oder im Straßenbau. Kurz gesagt: Bevor wir überhaupt ans Recycling denken können, brauchen wir erst Zugriff auf die Glaskeramik, und das in ausreichenden Mengen.
Was müsste sich also ändern, damit das Material nicht länger verloren geht?
Besinger: Was uns wirklich weiterhelfen würde, wäre eine getrennte und zerstörungsfreie Sammlung von Kochfeldern. Aus unserer Sicht, die ist zugegebenermaßen etwas subjektiv, ist das kein allzu großer Aufwand. Wir haben bereits an die Politik appelliert, hier zu unterstützen. In einem Kochfeld stecken neben der Glaskeramik auch noch weitere wertvolle Komponenten wie Induktionsspulen, Leistungselektronik oder Heizkörper von Strahlungskochfeldern. Und die lassen sich ebenfalls wiederverwerten.
Gibt es denn da politisch schon Bewegung?
Besinger: Ehrlich gesagt: relativ wenig. Es gibt verschiedene Initiativen auf EU-Ebene, etwa den Critical Raw Materials Act. Das Gesetz soll die Versorgung Europas mit kritischen Rohstoffen sichern, und einige davon kommen auch in Glaskeramik vor. Aber politische Räder drehen langsam. Auf Gesetze zu warten können wir uns nicht leisten. Wir planen selbst Mittel und Wege zu finden, an die Kochfelder ranzukommen.
Und wenn Sie genügend Kochfelder haben, wie läuft die Aufbereitung der Scherben dann ab?
Besinger: Die Zerlegung und Aufbereitung hin zu einem verwertbaren Rohstoff ist tatsächlich eine große Herausforderung, denn es gibt bisher dafür keine automatisierten Prozesse. Das heißt konkret, die Kochfelder werden zunächst von Hand zerlegt und die Scherben sorgfältig getrennt, denn Silikonklebstoffe, Rahmenteile und Clips haften noch daran. Das sind alles Verunreinigungen, die nicht ins Recyclingmaterial dürfen. Dann homogenisieren und analysieren wir die Scherben, um sicherzustellen, dass keine Fremdstoffe drin sind. Die Toleranzen sind dabei extrem gering. Wir reden bei metallischen Einträgen beispielsweise von Spuren im ppm-Bereich pro Tonne. Erst wenn alles passt, können wir das Material verwenden.
Glaskeramik ist also deutlich anspruchsvoller als normales Flaschenglas. Wo liegen die technischen Grenzen beim Recycling und was kann dabei schiefgehen?
Besinger: Glaskeramik ist ein Spezialglas, das extrem hohe Anforderungen an Reinheit und Qualität stellt. Das gilt ohne Abstriche auch für den Sekundärrohstoff. Kommen Kontaminationen ins Gemenge, also die Schmelzmasse, können wir das recycelte Material nur in sehr geringen Mengen verarbeiten.
Dazu kommt eine weitere Herausforderung: Kochfelder haben eine Lebensdauer von zehn bis fünfundzwanzig Jahren. In dieser Zeit haben sich die Glaskeramikzusammensetzungen verändert. Früher wurden beispielsweise Arsen und Antimon als Läutermittel eingesetzt, bei uns seit 2010 jedoch nicht mehr. Ältere Geräte bringen diese Stoffe aber noch mit. Außerdem stammen die Scherben von verschiedenen Herstellern und unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung. Wir haben also immer einen Materialmix, den wir analysieren müssen.
Die Schmelzwannen arbeiten bei Glaskeramik mit sehr hohen Temperaturen. Kommen Kontaminationen hinein, kann das die Anlage ernsthaft beschädigen bis hin zu den Heizelementen der Wanne selbst. All das muss sorgfältig geprüft werden.
Danke für das Gespräch!
Lesen Sie nächste Woche im zweiten Teil des Interviews, wie SCHOTT mit dem Pilotprojekt den Weg zur Kreislaufwirtschaft bereiten will.