Wirtschaft

Die Plantage als Klassenzimmer, der Farmer als Lehrer

Jahrelang liefen Nachhaltigkeitsprogramme für Kaffee in Vietnam nach demselben Schema: Overheadprojektor, zwei Stunden Vortrag, Kalender zum Mitnehmen – und dann passierte nichts. Tchibo hat das bewusst aufgebrochen. Programmmanagerin Fanny Börner erklärt, wie ein neuer Ansatz entstand, der Kaffeebauern nicht als Empfänger behandelt, sondern als Experten ihrer eigenen Felder.

26.05.2026

Es ist November, als Fanny Börner den Workshopraum betritt. Zwei Tage Workshop, alle Trainer angereist. Dieselben Gesichter wie ein Jahr zuvor. Aber etwas hat sich verändert. Einer der Farmer-Trainer erzählt Börner: „Letztes Jahr hätte ich hier noch gezittert vor Nervosität. Heute sitze ich völlig selbstverständlich mit euch am Tisch.“ Für die Managerin des Tchibo Kaffeeprogramms in Vietnam ist das einer der Momente, auf die sie die ganze Reise gewartet hat.
Fanny Börner leitet das Vietnam Programm von Hamburg aus.zoom

Aus ihrem Büro in Hamburg koordiniert Börner das Kaffeeprogramm mit dem Ziel, die Lebenssituation kleiner Kaffeebauern im Zentralen Hochland zu verbessern: durch höhere Einkommen, gesunde Böden, mehr Resilienz gegenüber dem Klimawandel. Einmal im Jahr ist sie vor Ort (mehr dazu im ersten Teil der Reportage).

Das Ende des Overheadprojektors 

Um zu verstehen, warum dieser Moment so viel bedeutet, muss man wissen, wie es vorher war: Ein Saal, 60 Farmer, ein Overheadprojektor, zwei Stunden Vortrag, ein Kalender zum Mitnehmen und das war’s. Tchibo war dabei keine Ausnahme. „Alle machten ungefähr dasselbe“, sagt Börner. Irgendwann stellte sie ihrem Vorgesetzten die Frage: Was macht uns eigentlich besonders? Die Antwort war ernüchternd ehrlich: Überleg dir was.

Börner fing an zu recherchieren. Was sie fand, war eine Erkenntnis, die eigentlich nicht neu ist, in der Praxis aber selten konsequent umgesetzt wird: Wissen, das von außen kommt, bleibt nicht haften. Börner erinnerte sich an ihre eigene Schulzeit: „Was ich wirklich behalten habe, waren die Momente, wo ich mitmachen konnte, wo mir kluge Fragen gestellt wurden, wo ich selbst nachgedacht habe.“

Eine Kollegin brachte den entscheidenden Impuls. Sie hatte Erfahrung mit dem WE-Programm, das langjährige Menschenrechtsprogramm von Tchibo im Non-Food-Bereich, wo partizipatives Arbeiten auf Augenhöhe bereits erprobt worden war. „Vietnam war klar unser schwierigster Markt“, sagt Börner – wegen der Sprachbarrieren, der fehlenden organisierten Strukturen und einer Projektmüdigkeit, die sich über Jahre aufgebaut hatte. „Vietnam war deshalb die erste Testregion für den neuen Ansatz“, sagt Börner. „Wenn es hier klappt, ist es übertragbar.“

Das Prinzip klingt einfach, ist in der Umsetzung aber alles andere als selbstverständlich: Bis auf wenige Ausnahmen bei den Workshops gibt es im Lernalltag keine Stuhlreihen, kein Projektor, kein Referent, der weiß wo’s langgeht. Man trifft sich auf der Plantage, schaut gemeinsam was wächst und was nicht, stellt offene Fragen, hört zu. Der Farmer ist der Experte für sein eigenes Feld. „Wir können nicht Top-down managen und dann plötzlich auf Augenhöhe mit dem Farmer sein“, sagt Börner. Der Widerspruch würde sofort spürbar werden.

Die Farmer lernen direkt auf Modellfarmen.zoom

Wenn der Übersetzer einen Übersetzer braucht 

In Vietnam ist das Umsetzen von Nachhaltigkeitsprogrammen von Außerhalb besonders anspruchsvoll. Organisierte Farmergruppen existieren nicht, das Vereinsrecht lässt das nicht zu. Dafür gibt es starke informelle Gemeinschaftsstrukturen: Gemeindetreffen, enge Nachbarschaftsnetzwerke, Dorfälteste mit hohem Ansehen. „Innerhalb dieser Communities gibt es immer Menschen, die so ein Standing haben, dass die Nachbarn auf sie hören“, sagt Börner. „Deine Plantage sieht gut aus, es scheint dir gut zu gehen. Erzähl mir mal was.“ Genau diese Menschen sucht Tchibo. Bis zu acht verschiedene indigene Sprachen werden in den Projektregionen gesprochen. Wenn Projektmitarbeiter auf Vietnamesisch ankommen, brauchen sie manchmal einen Übersetzer, der seinerseits einen Übersetzer braucht. Auch deshalb setzt das Programm gezielt auf Trainer aus den Communities selbst.

Derzeit sind es etwa 78 Farmer-Trainer, das Ziel sind 100. Tchibo bildet sie aus, nicht als Frontalunterweiser, sondern als Begleiter. Sie zeigen, was auf ihrer eigenen Plantage funktioniert hat – und was nicht. „Das habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt“, sagte ein erfahrener Trainer, der seit 30 Jahren in der Landwirtschaft arbeitet, nach seinem ersten Workshop in diesem Format, erinnert sich Börner. Dass die Trainer beim jährlichen Besuch gleichberechtigt am Tisch sitzen und das nächste Jahr mitgestalten – das sei ihr absolutes Highlight.

Wasser, Dünger, Biokohle 

Die Inhalte sind dabei hochkonkret. Das Forschungsprojekt V-SCOPE mit CIRAD und WASI hat gezeigt, wie viel Wasser Kaffeepflanzen tatsächlich brauchen: deutlich weniger als bislang üblich, ohne Einbußen bei der Ernte. Beim Dünger funktioniert es ähnlich: Das Programm setzt auf Biodünger und hat auf 20 Pilotfarmen außerdem die Nutzung von Pyrolyseöfen zur Herstellung von Biokohle erprobt. Diese wird aus organischen Abfällen, insbesondere Kaffeeschalen und Pflanzenresten hergestellt und ist natürlicher Trägerstoff für Dünger und trägt zur Bodengesundheit bei.

Was auf den Modellfarmen entsteht – Pilotbetrieben, die als Lernorte für die ganze Community dienen –, ist mehr als eine gut geführte Plantage. Es ist ein Lernzentrum. Nachbarn kommen vorbei, schauen, fragen. Das Programm plant 60 solcher Farmen als aktive Ankerpunkte in den Communities. Die Ergebnisse aus den Studien veröffentlicht Tchibo für alle zugänglich, auch für Konkurrenten. „Pre-competitive“, nennt Börner das. Was gut für den Boden und die Farmer ist, ist gut für die gesamte Branche.

Mehr als nur eine gut geführte Plantage

Es geht aber nicht nur um das Wachstum der Kaffeepflanzen. Es geht um persönliches Wachstum. Farmer, die zurückhaltend und schüchtern in das Programm gekommen sind und heute Workshops leiten. Menschen, die nicht mehr nur Empfänger sind, sondern selbst weitergeben. Börner erlebt das bei ihren Besuchen: Farmer, die sichtlich stolzer werden, die plötzlich anfangen, Fragen zu stellen, andere Farmer mitzubringen, ihren Kindern zu erzählen, was sie gelernt haben. „Stell dir vor, du lernst etwas, was dir leuchtende Augen macht“, sagt Börner. „Sobald du es ausprobiert hast und merkst, es funktioniert – dann gehst du ja nicht zurück zu deinen alten Methoden.“ Das Wissen kann sich fortsetzen – in der Community, in den Familien, von Generation zu Generation.

Eine Kaffeefarmerin in Vietnamzoom

Fanny Börner selbst ist da keine Ausnahme. Das Projekt hat auch sie verändert. Sie hat in den letzten Jahren mehr über Bodengesundheit, Dünger und Biodiversität gelernt, als sie je erwartet hatte. In ihrem eigenen Garten kommt kein Kunstdünger mehr hin. Die Biokohle ist zu einem kleinen Hobby geworden. „Vielleicht werde ich noch Agronom“, sagt Börner – und lacht. Ein Kaffeebusch, neu gepflanzt, trägt nach vier Jahren das erste Mal. „Man muss wirklich viel Geduld haben, bis man die ersten Früchte erntet“, sagt sie. „Aber wir ernten sie schon.“

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Quelle: UmweltDialog
 

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