Am Ende der Schotterstraße
Wer in Vietnam die Hauptstraßen entlangfährt, sieht rechts und links gut bewirtschaftete Kaffeeplantagen. Doch nur ein paar Kilometer landeinwärts bewirtschaften Farmer kleinste Parzellen, ohne Geld und Chancen. Dort setzt die Tchibo Programm-Managerin Fanny Börner an und erklärt, warum nachhaltiger Kaffeeanbau genau hier beginnen muss.
20.05.2026
Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, als Fanny Börner in den Kleinbus steigt. Die ersten Stunden verläuft die Fahrt auf asphaltierten Straßen, dann wechselt der Untergrund: Schotter, Schlaglöcher, Schlamm. Bei schlechtem Wetter bleibt das Auto stecken. Die letzten Kilometer legt Börner zu Fuß zurück. Einmal im Jahr macht die Managerin des Tchibo-Kaffeeprogramms „Coffee2Stay“ für Vietnam diesen Weg. Sie besucht Kaffeebauern, die die meisten Nachhaltigkeitsprogramme sonst nie erreichen.
Ein Land, das Kaffee kann und trotzdem arm bleibt
Vietnam ist der zweitgrößte Kaffeeproduzent der Welt und eine Robusta-Hochburg. Die Anbaugebiete liegen im zentralen Hochland, in den Provinzen Dak Lak, Gia Lai, Lam Dong, Dak Nong und Kon Tum. Die Region ist arm: Die Armutsrate ist laut der gemeinnützigen Organisation Enveritas doppelt so hoch wie der vietnamesische Landesdurchschnitt. Zahlen aus dem IUCN-Bericht „Optimizing water use in the Central Highlands“ bestätigen das. Der überwiegende Teil der Produzenten bewirtschaftet weniger als vier Hektar, weiß Börner. Wer einen halben bis ein Hektar hat, verkauft einmal im Jahr seine Ernte zu einem Preis, den kaum jemand steuern kann. Man hofft, dass er stimmt und die Produktionskosten deckt.
In diesem Umfeld setzt das Tchibo Kaffeeprogramm an: Das Ziel ist, die Einkommen der Farmer zu verbessern und damit ihre Lebenssituation zu stabilisieren. Börner koordiniert das Programm von Hamburg aus – sie kennt die Lieferketten, die Partner vor Ort, die Zahlen. Kollegen arbeiten dauerhaft in Vietnam, sind nah dran, wenn sie es nicht sein kann.
Abseits der ausgetretenen Pfade
Bei ihren Fahrten ins Hochland sieht Börner links und rechts gut bewirtschaftete Plantagen – Betriebe, die finanziell stabil aufgestellt sind. Die Managerin des Kaffeeprogramms hat einmal einen Farmer getroffen, der erzählte, er habe sich alles über Kaffeeanbau selbst über YouTube beigebracht. Das Tchibo Programm richtet sich aber bewusst an andere Farmer. „Wir haben uns dazu entschieden, die großen Hauptstraßen zu verlassen“, sagt Börner. Wörtlich, weil 70 Prozent der Farmen, die Tchibo im Blick hat, nur über Schotterpisten zu erreichen sind. Und im übertragenen Sinne: Der gängige Ansatz, wie Börner ihn beschreibt, arbeitet mit denen, die schon organisiert, zertifiziert und erreichbar sind. Tchibo geht einen anderen Weg.
Was Börner dann auf diesen Farmen vorfindet, ist komplex. Die Einkommenssituation der Farmer ist instabil: Die meisten haben keine Buchführung und kein Bankkonto. Ihr Geld liegt beim Kollektor – jenem Händler, der nach der Ernte den Kaffee einsammelt und auch Vorleistungen wie Dünger vorstreckt. Die Managerin des Kaffeeprogramms hat Farmer gefragt, wie viel sie noch offen haben. „Keine Ahnung“, war die Antwort. „Da wird mir schwindelig“, sagt Börner – sie ist es gewohnt, ihren Kontostand jederzeit im Blick zu haben. Dazu kommt: In Vietnam wird seit Jahrzehnten überdüngt und überbewässert, aus dem Gedanken heraus, viel hilft viel – mit kaum messbarer Ertragssteigerung, wie ein UNEP-Bericht zum Zentralen Hochland belegt. Die Folge sind erschöpfte Böden und ein Wasserverbrauch, der in einer Region mit zunehmender Trockenheit nicht mehr tragbar ist. Und dass sie zunimmt, scheint unausweichlich: Nach Einschätzung des UNDP wird die Trockenzeit im zentralen Hochland immer extremer und länger.
Tchibo hat das Programm deshalb breiter angelegt: Es geht um die Verbesserung der Einkommen, aber genauso um Bodenschutz und Klimaresilienz. 22.000 Farmen in acht Ländern sind heute eingebunden, jedes Land mit eigenen Voraussetzungen und eigenen Ansätzen. Vietnam nimmt dabei eine besondere Rolle ein: Hier hat Tchibo einen partizipativen Ansatz erprobt: Statt Vorträgen und Schulungsmaterial trifft man sich auf der Plantage, stellt offene Fragen und hört zu. Der Ansatz hat die Zusammenarbeit mit Farmern grundlegend verändert. Bis 2028 sollen 14.000 Kaffeefarmen im Land eingebunden sein.
Was auf den Modellfarmen wächst
Wie das aussieht, wenn es funktioniert, erlebt Börner, wenn sie die Modellfarmen aufsucht. Dattelpalmen, Pfeffersträucher, Avocados, rote Kaffeekirschen, blühender Boden, der Duft von Trägerblumen. „Manchmal hat man das Gefühl, man ist in einem kleinen Minidschungel“, sagt sie. Auf der Nachbarfarm, wo das Programm noch nicht greift, findet man eher staubige Erde, Monokultur, erschöpfte Pflanzen. Den Unterschied sieht man mit bloßem Auge.
Auf den Modellfarmen läuft zusammen, was das Programm anbietet. Schattenbäume bilden das Gerüst: Sie schützen den Boden, sorgen für Kühlung und tragen selbst Avocados oder Cashews, die den Farmern ein zweites Standbein geben. Das ist keine Kleinigkeit: In Vietnam bauen viele Farmer schlicht das an, was gerade Geld bringt und ihre Existenz sichert. Als der Durian-Boom kam, lockte die Stinkfrucht mit besseren Preisen als Kaffee – zumindest kurzfristig. „Dann lieber Avocados und Cashews“, sagt Börner. Wer diversifiziert, ist weniger abhängig. Beim Dünger gilt: weniger, dafür gezielt eingesetzt. Bei der Bewässerung zeigt das Forschungsprojekt V-SCOPE – eine langjährige Kooperation von CIRAD, WASI und weiteren Partnern, an der auch Tchibo beteiligt ist – dass Kaffeepflanzen mit deutlich weniger Wasser auskommen als bislang üblich, ohne dass die Ernte darunter leidet. Und wer alte Bäume schrittweise erneuert statt alle auf einmal, vermeidet, dass eine ganze Plantage gleichzeitig aus der Produktion fällt. Dazu kommt ein Werkzeug, das so simpel wie wirkungsvoll ist: Einnahmen und Ausgaben aufschreiben. Wer weiß, was er verdient und was er schuldet, kann anfangen, fundierte Entscheidungen zu treffen.
Einfach ist das nicht, weder für die Farmer noch für Tchibo. „Wir versuchen immer wieder, den richtigen Hebel zu finden“, sagt Börner. „Wie kann man den Menschen wirklich etwas an die Hand geben, das ihnen hilft?“ Eine der Antworten, die das Programm gefunden hat, steckt nicht in einer Pflanzenmethode oder einer Studie. Sie steckt in den Menschen selbst.
Wie Tchibo dafür sorgt, dass dieses Wissen in den Communities ankommt und bleibt – und was ein Farmer damit zu tun hat, der „letztes Jahr noch gezittert“ hätte: Das erzählt nächste Woche der zweite Teil dieser Reportage.
