22.10.2019
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23.07.2019

Unternehmenskultur

„Unternehmen, die ausschließlich auf ihren Gewinn schielen, werden dauerhaft nicht überleben“

Wie kann man als Mittelständler in einer globalisierten Wirtschaft bestehen? Was bedeuten Digitalisierung und Industrie 4.0 für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens? Darüber haben wir mit Dr. Eberhard Niggemann, Leiter der Akademie von Weidmüller, gesprochen. Bei dem Hersteller für elektrische Verbindungstechnik und Elektronik ist Nachhaltigkeit seit Jahren in der Unternehmenskultur fest verankert.

UmweltDialog: Herr Dr. Niggemann, auch abseits der Nachhaltigkeits- und CSR-Debatte werden Stimmen laut, dass gute Unternehmen nicht nur auf die Aktionäre blicken, sondern gleichermaßen die Ansprüche der Mitarbeiter und Kunden berücksichtigen und sich in den Gemeinden engagieren, in denen sie tätig sind. Für Weidmüller nichts Neues, oder?

Dr. Eberhard Niggemann: Nein. So verfahren wir bei Weidmüller schon seit langer Zeit. Es ist Teil der Unternehmens-DNA. Weidmüller ist ein Familienunternehmen und die Familie Gläsel hat vor vielen Jahren ihre Prinzipien einer nachhaltigen Unternehmensführung festgelegt. Dabei geht es im Wesentlichen darum, langfristig wirtschaftlich erfolgreich zu sein und dies in einer guten Balance mit Umweltbelangen und der Wertschätzung unserer Mitarbeiter zu leben. Gleichzeitig legen wir viel Wert auf soziales Engagement rund um unsere weltweiten Weidmüller Standorte. Außerdem gibt es bereits seit über 30 Jahren die Peter-Gläsel-Stiftung, die vor allem im Bereich Bildung und Wertevermittlung arbeitet.

Dr. Eberhard Niggemann ist davon überzeugt, dass nur nachhaltig agierende Unternehmen dauerhaft erfolgreich sind.
Dr. Eberhard Niggemann ist davon überzeugt, dass nur nachhaltig agierende Unternehmen dauerhaft erfolgreich sind.

Können Sie diese Balance innerhalb Ihrer Unternehmensverantwortung genauer erläutern?

Niggemann: Jedes Unternehmen muss wirtschaftlich erfolgreich sein, um fortbestehen zu können. Wir versuchen nicht nur morgen, sondern auch noch in 15 Jahren schwarze Zahlen zu schreiben, indem wir innovative, zukunftsfähige Produkte und Services auf den Markt bringen. Aber: Unternehmen, die ausschließlich auf ihren Gewinn schielen, werden dauerhaft nicht überleben. Dazu braucht es langfristige Werte, die der Umwelt, den Mitarbeitern und der Gesellschaft dienen.

Für uns ist es beispielsweise selbstverständlich, dass wir in die kontinuierliche Weiterbildung unserer Mitarbeiter investieren, ihnen flexible Arbeitszeitmodelle ermöglichen und auf ihre Sicherheit und Gesundheit achten. Neben dem unternehmensspezifischen Engagement im Bereich Umwelt- und Klimaschutz wollen wir außerdem unseren Mitarbeitern die Möglichkeit geben, umweltbewusster zu leben. Hier bieten wir etwa Energieeffizienztage an, die zeigen, wie man zu Hause mit weniger Strom auskommt. Außerdem unterstützen wir sie bei dem kostengünstigen leasen von E-Bikes, damit sie für ihre Arbeitswege auf das Auto verzichten können. Auch fördern und wertschätzen wir ehrenamtliches Engagement in der Region.

Es gibt unterschiedliche Treiber wie Gesetze, Lieferantenbestimmungen oder Investoren, die Unternehmen eine verantwortungsvolle Geschäftstätigkeit vorschreiben. Unabhängig davon wird der Diskurs über nachhaltiges Wirtschaften gesellschaftlich in die Breite getragen. Was passiert hier gerade?

Niggemann: Klimawandel, Dieselaffäre, Verschmutzung durch Plastikverpackungen oder Kinderarbeit in der Textilbranche: Auch bedingt durch die sozialen Medien hat sich das Bewusstsein der Menschen für nachhaltige Themen verschärft - vor allem bei der jungen Generation, wie die Fridays4Future-Bewegung zeigt. Neben den bekannten Treibern kommt nun auch der gesellschaftliche Druck auf Unternehmen hinzu, verantwortungsvoll zu agieren. Diese sollten sich auch darüber im Klaren sein, dass die Schüler und Jugendlichen, die sich jetzt für Nachhaltigkeit engagieren, die künftigen Arbeitnehmer von morgen sind und mehr Verantwortungsbewusstsein von den Arbeitgebern erwarten. Ich plädiere allerdings dafür, dass Unternehmen diesen Wandel nicht nur aufgrund äußerer Zwänge vollziehen, sondern sich von innen heraus ändern.

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Weidmüller hat eine lange Unternehmensgeschichte. Begonnen haben Sie in der Textilindustrie in der Nähe von Chemnitz. Während der 1930er Jahre haben Sie dann Ihre Geschäftstätigkeit in Richtung Metall- und Kunststoffverarbeitung und elektrischer Verbindungstechnik erweitert. Letztes haben Sie bei der Firmenneugründung nach dem 2. Weltkrieg in Ostwestfalen wiederaufgenommen. Wie kann man als Unternehmen so lange bestehen?

Niggemann: Das geht nur, wenn man ganz „nah“ am Kunden ist. Wie können unsere Produkte und Dienstleistungen die Kunden unterstützen? Welche Lösungen helfen ihnen, ihrerseits erfolgreich zu wirtschaften? Dazu benötigt man eine entsprechende Innovationskraft und den Willen, neue Produkte zu entwickeln und die Bedürfnisse der Kunden genau zu kennen.

Außerdem muss jede Firma bereit sein, sich im Laufe ihrer Geschichte zu wandeln, um dauerhaft Geld zu verdienen und Arbeitsplätze zu sichern.

Haben Sie das Gefühl, dass gerade die Globalisierung das Geschäft für Sie härter gemacht hat?

Niggemann: Sicherlich. Durch die Globalisierung haben sich für uns in den letzten Jahren aber auch sehr viele Chancen entwickelt. Wir konnten wachsen und uns international etablieren, neue Standorte aufbauen und neue Märkte gewinnen. Dabei haben wir auch auf dem Radar, wo unsere Kunden mit ihren Produktionsstätten hingehen.

Gleichzeitig hat der Wettbewerb immens zugenommen. Natürlich sehen wir uns auch der Konkurrenz von Billigherstellern ausgesetzt. Aber unsere Produktvielfalt – wir führen mehr als 40.000 Artikel und sind in diversen Industrien wie beispielsweise Maschinenbau, Lebensmittelindustrie, Verkehrstechnik etc. vertreten – kann nicht ohne weiteres von Unternehmen, die billig produzieren, abgebildet werden.

Vor Jahren haben Sie bereits die wirtschaftlichen Entwicklungspotenziale in den Bereichen Digitalisierung und Automatisierung erkannt. Was macht Ihre Produkte und Services hier besonders?

Niggemann: Auch hier stehen wieder die Bedürfnisse der Kunden im Fokus. Wir haben uns durch den Trend der Digitalisierung von einem Unternehmen, das hauptsächlich Komponenten liefert und einzelne Produkte herstellt, zu einem Lösungs- und Serviceanbieter weiterentwickelt, der Lösungen entwickelt, Produkte (vor)konfektioniert und seinen Kunden bei seinen Anwendungen jederzeit beratend zur Seite steht. Vom Sensor zur Steuerung und bis in die Cloud sorgen unsere Produkte für die Kommunikation und Nutzbarmachung der Daten

Es gibt heute wahnsinnig viele Daten, die nicht weiterverarbeitet werden. Wir helfen unseren Kunden dabei, diese zu nutzen und beispielsweise neue Service- und Geschäftsmodelle zu entwickeln, d.h. einen Mehrwert aus den Daten zu ziehen. Durch die Digitalisierung konnten wir im Unternehmen völlig neue Kompetenzen aufbauen und unser Geschäftsfeld um Beratertätigkeiten und die Entwicklung von Softwarelösungen erweitern.

Die Übertragung und Auswertung von Daten im Schaltschrank als auch direkt an den Maschinen und Anlagen nimmt zukünftig einen immer höheren Stellenwert ein.
Die Übertragung und Auswertung von Daten im Schaltschrank als auch direkt an den Maschinen und Anlagen nimmt zukünftig einen immer höheren Stellenwert ein.

Auch Sie selbst nutzen Anwendungen der Industrie 4.0. Wie hat sich Ihre Geschäftstätigkeit dadurch verändert? Wird es künftig bei Ihnen vollautomatisierte Produktionsstandorte geben?

Niggemann: Wir verfolgen bezüglich Digitalisierung und Automatisierung eine duale Strategie. Neben der Entwicklung smarter Produkte und innovativer Servicedienstleistungen für unsere Kunden wollen wir die neuen technologischen Möglichkeiten nutzen, um effizienter und effektiver im Unternehmen arbeiten zu können. Das heißt z.B., mit hoher Qualität schneller liefern und eine höhere Variantenvielfalt ohne Mehraufwand bereitstellen zu können als auch weniger Energie zu verbrauchen und unsere CO2-Bilanz zu verbessern.

Die Automatisierung hat eine 50-jährige Entwicklung hinter sich, die jetzt mit der 4. Industriellen Revolution in die Digitalisierung übergeht. Schon früher wurden Befürchtungen laut, dass die Fabrikhallen irgendwann menschenleer seien. Das ist nicht passiert. Vielmehr konnte Deutschland durch eine starke Automatisierung bestimmter Arbeitsschritte seine Wettbewerbsfähigkeit deutlich steigern und mehr Arbeitsplätze schaffen. Auch künftig werden weiterhin Menschen in unseren Fabriken arbeiten. Nur werden sie eine andere Rolle einnehmen. Ihre Arbeitsinhalte und die dafür notwendigen fachlichen Fähigkeiten werden sich dabei ändern.

Können Sie verstehen, dass viele Menschen trotzdem Angst haben, ihre Arbeit zu verlieren?

Niggemann: Ja, die Angst kann ich sehr wohl verstehen. Was kommt genau auf mich zu? Welche Funktion werde ich künftig haben? Wie verändert die Digitalisierung unser gesamtes Leben? Angst resultiert ja meistens daraus, etwas nicht beurteilen zu können und aus Unsicherheit. Deswegen ist es für uns wichtig, unsere Mitarbeiter in Transformationsprozesse frühzeitig einzubinden und zu beteiligen. Auf diese Weise zeigen wir, dass die Angst unbegründet ist und sie mitgestalten können.

Dabei arbeiten wir eng mit dem Betriebsrat zusammen und kooperieren darüber hinaus mit der IG Metall. Wir führen Innovations- und Informationstage zum Thema Industrie 4.0 durch. Außerdem gibt es bei Betriebsversammlungen Podiumsdiskussionen oder Kurzvorträge, die die digitale Transformation erklären.

Sie sprachen eben von Innovationstagen zur Industrie 4.0. Was muss man sich darunter vorstellen?

Niggemann: Die finden bei uns zweimal im Jahr am Standort in Detmold statt. Jeder Mitarbeiter kann sie während seiner Arbeitszeit besuchen. Dabei werden beispielsweise die neuesten Projekte im Bereich Digitalisierung vorgestellt; neue Technologien wie zum Beispiel Augmented Reality können dann selbst ausprobiert werden. Das ist sehr wichtig, weil die Mitarbeiter dadurch die Skepsis gegenüber digitalen Anwendungen verlieren und sich mitgenommen fühlen. Oftmals bringen sie dann im Nachgang selbst neue Ideen ein, wie die Anwendungen in ihren Arbeitsfeldern nutzbar sind.

Was man manchmal vergisst: Die Digitalisierung hat längst unser Privatleben verändert. Wir stehen permanent mit unseren Freunden in Kontakt, versenden Bilder, führen Bestellungen per Smartphone durch und vieles mehr. Nun gilt es, die neuen Möglichkeiten positiv für die Industrie zu nutzen! Denn wir befinden uns in einem weltweiten Wettbewerb und müssen die Chancen, die sich durch die Digitalisierung bieten, ergreifen.

Sie haben vom weltweiten Wettbewerb gesprochen. Lassen Sie uns deswegen auch auf China zu sprechen kommen. Dort betreiben Sie ein Entwicklungszentrum und sind an der Robotation Academy Foshan beteiligt, in der Sie Lehrgänge anbieten. Warum?

China ist ein ganz wichtiger Markt für Weidmüller. Dort beschäftigen wie seit vielen Jahren mehrere Hundert Mitarbeiter in Produktion, Entwicklung und Vertrieb. Damit betreiben wir schlussendlich auch Standortsicherung in Deutschland. Unser Entwicklungsbereich in China wird stark von Deutschland aus gesteuert. Ziel ist es, die spezifischen Anforderungen des asiatischen Marktes für unsere neuen Produkte zu eruieren, um sie an die Kundenbedürfnisse anzupassen. Weidmüller ist stark am Standort Deutschland verwurzelt und wird diesen künftig auch weiter ausbauen. Hier gibt es viele Vorteile wie vor allem die hohe Qualifikation der Mitarbeiter. Auch unser duales Ausbildungssystem ist meiner Meinung nach besser als viele andere. Dennoch müssen wir uns als international agierendes Unternehmen auch in anderen marktrelevanten Ländern einbringen. Im Fall der Foshan Robotation Academy arbeiten wir mit unseren Kunden und anderen deutschen Unternehmen daran, das Thema Robotisierung insgesamt weiter vorantreiben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Quelle: UmweltDialog
 

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