Wirtschaft & Strategie

Wenn Schmierstoffe die Natur schützen, statt sie zu gefährden

Ein Tropfen Öl kann bis zu 1.000 Liter Wasser verschmutzen. Genau deshalb wächst der globale Markt für biobasierte und biologisch abbaubare Schmierstoffe rasant – getrieben nicht nur von Vorschriften, sondern von einem ökologischen Grundproblem: Jede Leckage in Wald, Acker oder Gewässer kann empfindliche Ökosysteme dauerhaft schädigen. Doch „bio“ ist nicht gleich unbedenklich, und die Rohstofffrage bringt eigene Zielkonflikte mit sich.

27.07.2026

Wenn Schmierstoffe die Natur schützen, statt sie zu gefährden

Forstwirtschaft, Landwirtschaft und Wasserwirtschaft haben ein gemeinsames Problem: Ihre Maschinen arbeiten dort, wo am wenigsten schiefgehen darf. Ein Hydraulikschlauch an einem Harvester im Wald, ein Sägekettenöl, das systembedingt in die Umwelt tropft, ein Leck an einem Bagger im Wasserschutzgebiet – all das sind keine Ausnahmefälle, sondern Alltag. Mineralölbasierte Schmierstoffe, die sich in der Natur kaum oder nur sehr langsam abbauen, verwandeln solche Routinesituationen in ökologische Risiken. Gelangt nicht abbaubarer Schmierstoff ins Grundwasser, drohen laut Fachpublikationen der Kluthe-Gruppe langfristige Schäden, die weit über den unmittelbaren Störfall hinausreichen.

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Biologisch abbaubare Schmierstoffe setzen genau hier an: Mikroorganismen wie Bakterien, Hefen und Pilze zersetzen sie vollständig in unbedenkliche Bestandteile wie CO₂, Wasser und Biomasse. Das mindert die Gefahr – hebt sie aber nicht auf. Auch ein ökologisch hochwertiges Öl ist im Moment des Austritts toxisch, wie Christoph Grünig, Produktmanager bei der Motorex AG, betont: Bis der biologische Abbau greift, schädigen auch diese Öle Flora und Fauna, weshalb selbst bei Bioprodukten die zuständige Wasserbehörde informiert werden muss. Entscheidend ist daher, nach welchem Prüfverfahren die Abbaubarkeit gemessen wurde – die OECD-Standards gelten als Basis, während die CEC-Methodik speziell für Schmierstoffe in natürlicher Umgebung entwickelt wurde.

Der ökologische Nutzen zeigt sich vor allem in der Praxis: In der Forstwirtschaft werden laut Branchendaten inzwischen deutschlandweit mehr pflanzenölbasierte als mineralölbasierte Sägekettenöle abgesetzt, weil ihre schnelle Abbaubarkeit das Gefährdungspotenzial deutlich senkt. Esterbasierte Öle gelten dabei als besonders alterungsbeständig und nur gering wassergefährdend – ein Vorteil gegenüber älteren Pflanzenölformulierungen, die unter Oxidation und Kälte schneller nachließen.

Doch die Rohstoffbasis vieler Bioschmierstoffe wirft eine zweite ökologische Frage auf, die in der Diskussion oft zu kurz kommt: Woher stammt das Pflanzenöl? Die Erfahrungen aus der Biokraftstoffdebatte lassen sich nur bedingt übertragen, zeigen aber ein strukturelles Muster:

Nach Angaben des WWF benötigt eine Substitution von Palmöl durch Rapsöl etwa die dreifache Anbaufläche, durch Sojaöl sogar die siebenfache – Flächenkonkurrenz und indirekte Entwaldung sind die Folge, wenn die Nachfrage nach Pflanzenölen stark steigt. Für Schmierstoffhersteller bedeutet das: Eine ökologisch überzeugende Rezeptur braucht nicht nur biologische Abbaubarkeit am Ende der Nutzungsphase, sondern auch eine nachvollziehbare, möglichst regionale Rohstoffherkunft – etwa heimisches Rapsöl statt importierter Alternativen, wie es unter anderem der Bayerische Bauernverband für die Lebensmittelbranche fordert und was sich analog auf technische Öle übertragen lässt.

Als Ausweg aus diesem Zielkonflikt gewinnen synthetische Ester an Bedeutung, die unabhängig von Anbauflächen hergestellt werden, sowie erste Ansätze zur Gewinnung von Bio-Basisölen über Präzisionsfermentation. Der Ulmer Schmierstoffspezialist Hermann Bantleon  setzt mit seinem Hydrauliköl AVIA Syntofluid PE-B etwa auf Polyalphaolefine (PAO) statt auf Pflanzenölbasis – nach CEC-L-103-12-Test zu über 80 % in 21 Tagen biologisch abbaubar, ohne die Flächenkonkurrenz esterbasierter Produkte. Beide Wege verbinden die ökologischen Vorteile schneller biologischer Abbaubarkeit mit einer Entkopplung vom Flächenverbrauch – und dürften in den kommenden Jahren entscheiden, ob „grüne“ Schmierstoffe tatsächlich eine ökologische Nettoverbesserung darstellen oder das Problem nur verlagern.

Quelle: UD/cp
 

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