Elektro-Lkw: Hannover boomt, die Straße hinkt hinterher
Auf der IAA Transportation in Hannover hat die Lkw-Branche vorige Woche über 150 Weltpremieren an Elektro-Lkw gefeiert. Der Alltag zeigt ein anderes Bild: MAN hat erst 1.300 E-Lkw seit Serienstart abgesetzt, während die EU ab 2030 eine CO₂-Reduktion von 45 Prozent verlangt. Parallel testet Lidl bereits einen fahrerlosen E-Lkw von Einride im Realbetrieb.
22.09.2026
Die IAA Transportation, die bis zum 20. September in Hannover lief, gilt als wichtigste Fachmesse für elektrische Nutzfahrzeuge weltweit. 84 Fahrzeuge von 17 Ausstellern standen für Probefahrten bereit, ein Plus von 40 Prozent gegenüber der vergangenen Ausgabe 2024. Daimler Truck zeigte mit dem eActros Lowliner eine neue, tiefer gebaute Elektro-Sattelzugmaschine für die Automobillogistik, die ab dem dritten Quartal bestellbar ist und 2027 ausgeliefert werden soll. Volvo Trucks positionierte mit dem FH Aero Electric ein neues Flaggschiff, das bis zu 700 Kilometer Reichweite verspricht und ab September in Serie geht. Auch Tesla war erstmals mit einem europäischen Marktstart für den Semi vertreten. Daneben drängt eine wachsende Zahl chinesischer Hersteller auf den europäischen Markt: Sany bringt gleich vier E-Lkw-Modelle mit, und Skyworth zeigt mit dem Z9 einen schweren Elektro-Lkw, der bereits auf Autonomiestufe 4 ausgelegt ist.
Wie groß der Abstand zwischen Messehallen-Euphorie und Straßenrealität tatsächlich ist, zeigt der Hersteller MAN, über dessen Zulassungstempo UmweltDialog bereits berichtet hat. Seit dem Serienstart der Modelle eTGX und eTGS Mitte 2025 hat das Unternehmen rund 1.300 schwere Elektro-Lkw ausgeliefert, die zusammengenommen bereits über 9 Millionen Testkilometer im Kundenbetrieb zurückgelegt haben. Gemessen am Gesamtabsatz von rund 63.300 Fahrzeugen im Jahr 2025 bleibt der Elektroanteil mit etwa 620 verkauften E-Lkw jedoch im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Genau in diesem Tempo liegt das Problem: Die EU-Flottengrenzwerte für schwere Nutzfahrzeuge verlangen gegenüber 2019 bis 2030 eine CO₂-Reduktion von 45 Prozent, bis 2035 von 65 Prozent und bis 2040 von 90 Prozent. MAN selbst hat sich im Rahmen der Science Based Targets Initiative verpflichtet, den flottenweiten Treibhausgasausstoß pro Fahrzeugkilometer bis 2030 um 28 Prozent zu senken, und meldet für 2025 bereits eine Reduktion von 16 Prozent gegenüber 2019. Bis 2030 sollen rund 40 Prozent der in Europa verkauften Fahrzeuge vollelektrisch sein, unterstützt durch Ladeinfrastruktur-Partnerschaften wie Traton Charging Solutions und Milence.
Während die Branche noch am Hochlauf der reinen Elektrifizierung arbeitet, testet der Handel bereits die nächste Stufe: das autonome Fahren. Der Lebensmitteldiscounter Lidl lässt seit letzter Woche in Edermünde bei Kassel einen kabinenlosen Elektro-Lkw des schwedischen Anbieters Einride auf öffentlichen Straßen fahren, wie Euronews berichtet. Das Fahrzeug erreicht Autonomiestufe 4 und wird ausschließlich über Sensorik, Kameras und ein Leitsystem gesteuert, ganz ohne Führerhaus. Bis zu dreimal täglich pendelt der Lkw zwischen dem Verteilzentrum und einer nahegelegenen Filiale, mit einer Kapazität von 15 Europaletten pro Fahrt. Über den vier Monate laufenden Testzeitraum sollen mehr als 3.000 Paletten transportiert werden. Möglich macht das eine Genehmigung des Kraftfahrt-Bundesamts, die Deutschland gemeinsam mit 16 weiteren EU-Staaten im Rahmen einer koordinierten Zulassung für automatisierte Fahrzeuge erteilt hat. „Das deutsche Zulassungsverfahren gehört zu den strengsten der Welt“, sagt Einride-Chef Roozbeh Charli. Bei Lidl betont Thomas Dangelmayer: „Intelligenz schafft Effizienz, und das ist das Rückgrat für dauerhaft verlässliche Warenverfügbarkeit.“ An der Börse kam die Nachricht gut an: Die Einride-Aktie legte um fast 19 Prozent zu.
Damit traf in Hannover zusammen, was sich sonst getrennt entwickelt: die schiere Modellvielfalt der Hersteller, das zähe Tempo der tatsächlichen Flottenumstellung und ein neuer, autonomer Testfall aus dem Handel selbst. Ob die vielen Weltpremieren der Messe tatsächlich schneller auf die Straße kommen als die bisherigen 1.300 E-Lkw von MAN, entscheidet sich nicht in Hannover, sondern an den harten Zahlen der kommenden Zulassungsjahre – und daran, ob die EU-Grenzwerte ab 2030 tatsächlich Wirkung zeigen.
Quelle: UD
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