1.300 E-Trucks in einem Jahr: Reicht das Tempo für die EU-Flottengrenzwerte?
MAN hat seit dem Start der Serienproduktion Mitte 2025 rund 1.300 schwere Elektro-Lkw gefertigt und über 9 Millionen Kilometer im Kundeneinsatz absolviert. Die EU verlangt bis 2030 eine Reduktion der Flottenemissionen um 45 Prozent. Die Lücke zwischen Hochlauf und Regulierung ist das eigentliche Thema.
01.09.2026
Die Zahlen klingen beeindruckend: Rund 1.300 E-Trucks der schweren Reihe hat MAN Truck & Bus seit dem Start der Serienproduktion im Werk München gefertigt. Die Modelle eTGX und eTGS haben über 9 Millionen Kilometer im realen Kundeneinsatz absolviert. Der eTGX wurde mit dem Europäischen Transportpreis für Nachhaltigkeit 2026 ausgezeichnet. Für 2026 sind die Auftragsbücher nach Unternehmensangaben gut gefüllt, der Serienstart des leichteren eTGL 12-Tonners ist für Ende des Jahres geplant.
Dennis Affeld, Vorsitzender der Geschäftsführung von MAN Truck & Bus Deutschland, nannte den eTGX „eine ausgereifte und praxisnahe emissionsfreie Alternative“ für den Güterverkehr. Friedrich Baumann, Vorstand für Sales und Customer Solutions, betonte: „Mit dem Serienstart des MAN eTGL und den ersten Auslieferungen des eCoach runden wir 2026 unser Angebot ab und setzen klare Zeichen für nachhaltige Mobilität.“
Doch die Regulierung setzt andere Maßstäbe als die Unternehmenskommunikation. Die EU-CO₂-Flottengrenzwerte für schwere Nutzfahrzeuge verlangen bis 2030 eine Reduktion um 45 Prozent gegenüber 2019, bis 2035 um 65 Prozent und bis 2040 um 90 Prozent. MAN hat sich im Rahmen der SBTi verpflichtet, den THG-Flottenausstoß pro Fahrzeugkilometer bis 2030 um 28 Prozent zu senken – ein Wert, der deutlich unter dem EU-Ziel liegt. Im Berichtsjahr 2025 lag die Reduktion bei 16 Prozent gegenüber 2019.
Das bedeutet: In den verbleibenden vier Jahren muss MAN die Reduktionsrate nahezu verdoppeln. Bei einem Gesamtabsatz von rund 63.300 Trucks im Jahr 2025 und gut 620 abgesetzten E-Trucks liegt der Elektroanteil im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Das Ziel, bis 2030 rund 40 Prozent der in Europa abgesetzten Fahrzeuge vollelektrisch zu verkaufen, erfordert einen exponentiellen Hochlauf – nicht nur bei MAN, sondern auch bei der Ladeinfrastruktur.
Hier zeigt sich ein Spannungsfeld, das über den einzelnen Hersteller hinausreicht. MAN ist Teil des TRATON-Konzerns und damit der Volkswagen-Gruppe. Die Ladeinfrastruktur wird über Traton Charging Solutions und Partnerschaften wie Milence aufgebaut. Ein Pilotprojekt mit Fryte Mobility ermöglicht die Vorab-Reservierung von Ladepunkten an MAN-Standorten. Aber ob die öffentliche Ladeinfrastruktur für schwere E-Lkw im grenzüberschreitenden Verkehr schnell genug wächst, liegt nicht in der Hand eines einzelnen Herstellers.
Die eigene Logistik geht MAN bereits an: Im Inbound-Netzwerk legen Lkw jährlich bis zu 165 Millionen Kilometer zurück. Im Rahmen der Initiative „Inbound Elektrifizierung“ sind erste eTrucks im Zulieferverkehr im Einsatz. Parallel verfolgt „Electrifying Outbound“ das Ziel, die CO₂-Emissionen bei der Fahrzeugauslieferung bis 2030 um 30 Prozent zu senken.
Die Frage bleibt: Genügt der Hochlauf, oder fährt die Regulierung der Industrie davon? Die Antwort wird nicht in München entschieden, sondern auf der Straße – und an der Ladesäule.