Demokratie? Das machen Bramfelder Jugendliche selbst
Zwischen Mathe, Deutsch und Prüfungen kommt Demokratie: An der Stadtteilschule Bramfeld nehmen Schülerinnen und Schüler Demokratiebildung in die eigenen Hände. Möglich macht das DemokratieTalente, ein bundesweites Programm von Common Purpose Deutschland. Die Jugendlichen planen, organisieren, überzeugen und wachsen dabei über sich hinaus.
02.07.2026
Diskriminierende Begriffe, Gewaltsprache, verletzende Worte, die täglich auf dem Schulhof fallen. Vier Schülerinnen der Stadtteilschule Bramfeld in Hamburg haben sie gesammelt und zu einer Wortwolke verdichtet. „So was wollen wir nicht mehr in unserer Schule haben“, sagen Rogana, Emma, Ogechi und Nawal. Sie sind dort die ersten DemokratieTalente und beteiligen sich damit an einem bundesweiten Programm, das Jugendliche zu demokratischen Akteurinnen und Akteuren ausbildet. Ihre Lehrerinnen Eike Kristin Strunk und Carolin Brandt haben das Programm an die Stadtteilschule geholt. Als qualifizierte DemokratieScouts sind sie selbst Teil davon. Dahinter steht Common Purpose Deutschland, eine gemeinnützige Organisation, die gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt, indem sie Menschen aus den verschiedensten Bereichen vernetzt und Dialog, Perspektivwechsel und gemeinsames Handeln fördert.
Der Anlass für die Arbeit von DemokratieTalente ist ernst: Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2025“, eine repräsentative Befragung von über 6.000 Personen zwischen 14 und 69 Jahren, zeigt, dass junge Menschen einerseits privat hoffnungsvoll, aber von der Politik zunehmend enttäuscht sind. Nur noch zwölf Prozent glauben, dass die Bundesregierung das Richtige tut. „Die junge Generation will Verantwortung übernehmen“, fasst Mitautorin Prof. Dr. Nina Kolleck zusammen, „aber sie hat das Gefühl, nicht mitgestalten zu dürfen.“ In den Lehrplänen für Schulen ist Demokratiebildung ebenfalls lückenhaft verankert. Zwar verstehen alle Bundesländer sie als Querschnittsthema, doch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) übt deutliche Kritik: „Demokratiebildung findet in den Schulen zu spät, zu wenig und vor allem kaum auf den Unterricht und die Schule bezogen statt“, so GEW-Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze.
Ein Programm mit drei Ebenen
DemokratieTalente bringt das Thema praxisnah und lebensweltorientiert direkt in den Schulalltag. Das Prinzip dahinter nennt sich aufsuchende Demokratiearbeit: Statt auf eine klassische Komm-Struktur zu setzen, gehen Lehrerinnen und Lehrer wie Carolin und Eike aktiv auf junge Menschen zu und richten Lerngelegenheiten an deren Interessen und Alltag aus. Das Programm folgt dabei einem mehrstufigen Ansatz: Pädagogische Fachkräfte werden zu DemokratieScouts ausgebildet, engagierte Jugendliche zu DemokratieTalenten. Zusammen betreuen sie eine Gruppe jüngerer Schülerinnen und Schüler, die sogenannte D-Jugend, aus der wiederum die nächste Generation von DemokratieTalenten hervorgehen kann. Eben solche wie Rogana, Emma, Oechi und Nawal.
Die vier Jugendlichen stiegen sofort als DemokratieTalente ein. Den Anfang machte eine zweitägige Ausbildung: In Hamburg trafen sie Gleichgesinnte aus anderen Schulen, sprachen mit Politikerinnen und Politikern, Juristen und zivilgesellschaftlichen Akteuren und erarbeiteten gemeinsam, was Demokratie im Alltag bedeutet. Werte wurden in Pyramiden geordnet, Projekte aus anderen Bundesländern unter die Lupe genommen. Zurück an der Schule ließen die Eindrücke die Gruppe nicht los: Sie wollten selbst aktiv werden. „Common Purpose und die zwei Tage brachten uns auf Ideen. Und die haben wir dann selbst weiterentwickelt“, erinnert sich Emma.
Vom Schulhof bis nach Portugal – und wieder zurück
Die Wortwolke war nur eine von vielen Aktionen. Auf dem Schulhof inszenierten die vier Schülerinnen einen Flashmob zum Grundgesetz, beim Sommerfest betrieben sie einen eigenen Stand mit demokratiepädagogischen Spielen. Parallel dazu bauten Rogana, Emma, Ogechi und Nawal ihre D-Jugend auf: eine Gruppe von zehn Sechst- und Siebtklässlern, die sich freiwillig und in ihrer Freizeit trifft, donnerstags, zweimal im Monat, neben Unterricht und Prüfungen. „Viele haben zwei Stunden früher Schluss, aber sie kommen trotzdem noch zur Schule“, sagt Ogechi.
Ein Erlebnis stach für die vier Schülerinnen besonders heraus: der Erasmus-Austausch mit einer Partnerschule in Portugal. Sie reisten dorthin, stellten ihr Projekt vor und lernten, wie die portugiesischen Jugendlichen Demokratie und Kunst miteinander verbinden. Beim Gegenbesuch in Hamburg stand das Grundrechte-Race auf dem Programm, ein Lernspiel, bei dem Auszüge der Grund- und Menschenrechte als kurze Texte im Schulgebäude versteckt werden und gefunden und zugeordnet werden müssen. Nawal und drei Mitschülerinnen führten die Gäste außerdem zu Hamburger Stolpersteinen, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. „Als die Portugiesen die Stolpersteine gesehen haben, haben sie ein Foto gemacht. Das hat mich berührt, weil ich gemerkt hab, dass sie das wirklich mitnehmen“, berichtet Nawal.
Ein Projekt wird zum Alltag
Dass das Programm weit über das Klassenzimmer hinauswirkt, beschreiben alle Beteiligten. Lehrerin Eike schildert, wie sie in der U-Bahn Zeuge rassistischer Beleidigungen wurde und diesmal nicht schwieg. „Mir wurde in dieser Situation bewusst, was es ganz konkret bedeutet, wenn ich von Demokratie spreche – dann musste ich den Mund aufmachen.“ Nach diesem Erlebnis sei sie sehr bewegt gewesen, aber vor allem stolz darauf nicht geschwiegen zu haben. Kollegin Carolin bringt es auf den Punkt: „Demokratie bedeutet, man muss ein bisschen mehr tun als das Normalmaß.“
Auch bei den Schülerinnen ist die Veränderung konkret greifbar. Rogana urteilt weniger vorschnell. Nawal formuliert ihre Meinung deutlicher. Ogechi ist durch die Arbeit im Projekt viel ruhiger geworden. Und Emma spricht heute souverän vor Gruppen, obwohl sie früher Hemmungen hatte. „Gerade dieser Aspekt, Angst davor zu haben, vor anderen zu reden, das ist ein Punkt, der dich im Leben weiterbringt“, erklärt sie. Rogana fasst es so zusammen: Die Gruppe selbst stehe für das, was Demokratie ausmacht: Menschen mit verschiedenen Religionen, Hintergründen und Persönlichkeiten, die gemeinsam etwas bewegen.
Rogana, Emma, Ogechi und Nawal werden bald Alumni sein. Doch was sie aufgebaut haben, geht weiter: Neue DemokratieTalente stehen bereits in den Startlöchern. Carolin, Eike und Common Purpose werden auch sie begleiten. „Die Organisation hat viel dazu beigetragen, dass wir uns mit anderen Menschen verbinden konnten. Sie geben uns und anderen die Chance, sich wirklich weiterzuentwickeln“, findet Rogana. Und die Botschaft der vier Schülerinnen an alle, die noch zögern: „Wenn jeder Mensch sagt: Ich kann eh nichts verändern, wird niemals etwas passieren. Fang an in deiner Umgebung. Dann werde größer.“
Mitmachen und Demokratie stärken
DemokratieTalente braucht Partner, die gesellschaftliches Engagement ernst nehmen. Unternehmen können das Programm finanziell, als Netzwerkpartner oder als Multiplikatoren unterstützen. Eine funktionierende Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Wer in gesellschaftlichen Zusammenhalt investiert, investiert auch in die eigene Zukunftsfähigkeit.
Schulen, die mitmachen möchten, sind ebenfalls herzlich eingeladen: DemokratieTalente sucht engagierte Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler, die das Programm an ihre Schule holen wollen.
Mehr Informationen: https://demokratietalente.de/