Regulatorik

Scope 3: Die Rechnung ist einfach, der Beweis ist die Arbeit

Eine Kennzahl aus 15 Kategorien der Lieferkette wirkt für viele Unternehmen unüberschaubar. Am Beispiel eines Stahleinkaufs zeigt sich jedoch: Die eigentliche Multiplikation von Aktivitätsdaten und Emissionsfaktor ist schnell erledigt. Die Arbeit beginnt erst danach – bei der Frage, ob Datenquelle, Faktor und Bilanzgrenze der Prüfung durch Wirtschaftsprüfer und Kunden standhalten.

16.09.2026

Scope 3: Die Rechnung ist einfach, der Beweis ist die Arbeit

Scope 3 umfasst laut GHG Protocol vorgelagerte Kategorien wie eingekaufte Güter und Dienstleistungen, Investitionsgüter, vorgelagerten Transport, Geschäftsreisen und Mitarbeiterpendelverkehr sowie nachgelagerte Kategorien wie die Nutzung verkaufter Produkte, deren Entsorgung, Franchise-Betriebe und Finanzanlagen. Mit den nachgelagerten Kategorien 9 bis 15 hat sich UmweltDialog bereits in der Serie „Die versteckten Klimasünden in der Lieferkette“ beschäftigt, etwa mit dem Beispiel einer LED-Lampe, die über ihre Nutzungsdauer rund 1.500 Kilogramm CO₂-Äquivalente verursacht. Was in der Berichterstattung bislang fehlte, ist der Blick auf die vorgelagerte Seite – und genau dort, in Kategorie 1, liegt für die meisten herstellenden Unternehmen der größte Hebel.

Die Formel dahinter ist denkbar einfach: Aktivitätsdaten mal Emissionsfaktor. Ein Beispiel: Ein mittelständischer Zulieferer aus dem Maschinenbau bezieht 500 Tonnen Stahlblech pro Jahr. Der globale Durchschnittswert der Weltstahlvereinigung lag 2024 bei 2,18 Tonnen CO₂-Äquivalent pro Tonne Rohstahl, über Scope 1, 2 und 3 der Stahlproduktion hinweg. Macht 500 mal 2,18 gleich 1.090 Tonnen CO₂-Äquivalent für diesen einen Posten. Die Multiplikation dauert Sekunden.

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Die professionelle Arbeit beginnt bei den Fragen danach. Stammen die 500 Tonnen aus Einkaufsbelegen oder aus dem ERP-System, und sind es Nettotonnen oder ist der Verschnitt schon herausgerechnet? Handelt es sich um einen globalen Durchschnittswert oder um eine lieferantenspezifische Angabe – und stammt der Stahl aus der klassischen Hochofenroute oder aus dem Elektrolichtbogenofen mit Schrotteinsatz, der laut Weltstahlvereinigung je eingesetzter Tonne Schrott rund 1,5 Tonnen CO₂ gegenüber der Primärroute vermeidet? Passt die Bilanzgrenze des gewählten Faktors – nur Werksausgang oder inklusive Vorketten – zur eigenen Berichtsgrenze? Und lässt sich die Quelle samt Jahr und Version der Datenbank im Rahmen der CSRD-Prüfung nachvollziehen? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, sagt die Zahl tatsächlich etwas über das Geschäft aus: Steckt der größte Hebel im Lieferanten, im Material oder in der Produktionsroute, und lohnt sich ein Wechsel zu höherem Schrotteinsatz wirtschaftlich wie klimatisch?

Dieselbe Kette aus Datenquelle, Methode, Emissionsfaktor, Berechnung und Interpretation gilt für jede der 15 Kategorien, ob Pendelverkehr der Belegschaft oder Entsorgung verkaufter Produkte. Die Nachhaltigkeitsstrategin Dr. Seshabala P. bringt den praktischen Einstieg für Unternehmen, die sich dem Thema neu nähern, in einem vielbeachteten LinkedIn-Beitrag auf den Punkt: Man solle nicht versuchen, alle 15 Kategorien auswendig zu lernen, sondern mit einem einzigen Unternehmen beginnen, dessen Wertschöpfungskette abbilden, die relevanten Kategorien bestimmen, die nötigen Aktivitätsdaten identifizieren, passende Emissionsfaktoren anwenden – und das Ergebnis anschließend zu hinterfragen.

Für Unternehmen, die gerade erst mit der Scope-3-Bilanzierung beginnen, folgt daraus eine klare Priorität: nicht die Kategorienliste, sondern der eigene größte Einkaufsposten ist der richtige Startpunkt. Wer dort die Herkunft der Aktivitätsdaten, die Wahl des Emissionsfaktors und die Nachvollziehbarkeit der Quelle sauber dokumentiert, hat mehr für die Prüffestigkeit seines Berichts getan als mit einer vollständigen, aber oberflächlichen Abdeckung aller 15 Kategorien.

Quelle: UD

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