Die versteckten Klimasünden in der Lieferkette – Teil 3
Bei vielen Unternehmen entstehen 99 Prozent der Emissionen nicht in den Fabriken, sondern beim Kunden. Die nachgelagerten „Scope 3“-Kategorien stellen Unternehmen vor eine paradoxe Herausforderung: Sie sollen Emissionen bilanzieren, die sie nicht kontrollieren können. Teil 3 behandelt Scope 3.9 bis 3.15.
28.01.2026
Der Meeresspiegel steigt um einen Zentimeter pro Dekade, die Polkappen schmelzen in beschleunigtem Tempo. Doch während die Klimakrise an Dramatik gewinnt, entfaltet sich eine stille Revolution in den Buchhaltungsabteilungen der Konzerne. Unternehmen müssen nun Emissionen erfassen, die weit außerhalb ihrer Unternehmensgrenzen entstehen – dort, wo ihre Produkte verwendet, transportiert oder entsorgt werden. Die Kategorien „3.9“ bis „3.15“ des Greenhouse Gas Protocol bilden das komplexeste Kapitel der Klimabilanzierung und gleichzeitig den größten Hebel für echten Klimaschutz.
Das Dilemma der Maschinenbauer
Wenn zum Beispiel ein Siemens-Ingenieur eine Gasturbine konstruiert, plant er ein Gerät, das über Jahrzehnte läuft und dabei gigantische Energiemengen verbraucht. Diese Nutzungsemissionen – Kategorie „3.11“ im Fachjargon – machen bei Technologiekonzernen regelmäßig den Löwenanteil der Klimabilanz aus. Bei Siemens Energy sind es 99 Prozent der gesamten Emissionen. Das Absurde daran: Diese Emissionen entstehen in dem Jahr, in dem das Produkt verkauft wird – obwohl die Turbine zwanzig oder dreißig Jahre laufen wird.
Die Berechnungsmethodik folgt einer klaren, wenn auch ungewöhnlichen Logik: Verkaufte Menge multipliziert mit Nutzungsintensität multipliziert mit Emissionsfaktor. Eine LED-Lampe mit 8 Watt und 50.000 Stunden Lebensdauer verbraucht 4.000 Kilowattstunden über ihre gesamte Lebenszeit. Wird sie in Deutschland verkauft, entstehen etwa 1.500 Kilogramm CO₂-Äquivalente – bilanziert werden sie jedoch komplett im Verkaufsjahr. Diese Regelung führt zu einem kommunikativen Problem: Die CO₂-Bilanz eines wachsenden Unternehmens verschlechtert sich automatisch, selbst wenn die Produkte effizienter werden.
Die sieben Kategorien des Downstream
Das Greenhouse Gas Protocol unterscheidet sieben nachgelagerte Kategorien, die unterschiedliche Phasen im Produktlebenszyklus abbilden. Kategorie „3.9“ erfasst Transport und Distribution zum Kunden – relevant vor allem für Lebensmittelhandel und E-Commerce, wo gekühlte Lagerhäuser und Lieferverkehr erhebliche Emissionen verursachen. Die Abgrenzung ist präzise: Zahlt das Unternehmen selbst für den Transport, fällt er in die vorgelagerte Kategorie „3.4“. Zahlt der Kunde, gehört er zu „3.9“.
Kategorie „3.10“ – „Processing of Sold Products“ – betrifft Zwischenprodukte, die weiterverarbeitet werden. Ein Aluminiumblech, das zu einem Kotflügel gepresst wird, verursacht Scope-1- und Scope-2-Emissionen beim weiterverarbeitenden Unternehmen. Diese werden zum Scope-3-Problem des Lieferanten. Besonders Zulieferer in der Automobilindustrie und Rohstoffproduzenten kämpfen mit dieser Kategorie, da die Datenlage oft katastrophal ist. Nachgelagerte Unternehmen haben wenig Anreiz, ihre Verbrauchsdaten transparent zu machen.
Der Endprodukt-Albtraum
Während die Weiterverarbeitung oft nur wenige Unternehmen betrifft, ist Kategorie „3.11“ – „Use of Sold Products“ – für fast alle Hersteller von Endprodukten relevant. BMW, Mercedes und praktisch jeder Gerätehersteller sehen hier ihre größten Emissionsposten. Die Berechnung erfordert Annahmen über Produktlebensdauer und durchschnittlichen Verbrauch. Bei einem Elektroauto sind es nicht nur die gefahrenen Kilometer, sondern auch der durchschnittliche Strommix am Nutzungsort. Ein in Deutschland verkauftes Elektroauto wird mit deutschen Emissionsfaktoren bilanziert, auch wenn es hauptsächlich in Österreich fährt.
Die Datenqualität spannt sich über drei Stufen: Idealerweise erfasst man den tatsächlichen Verbrauch – etwa durch Telematik in vernetzten Geräten. Meist muss man jedoch auf Durchschnittswerte zurückgreifen, die aus technischen Datenblättern und Marktstatistiken abgeleitet werden. Die dritte und schwächste Methode arbeitet mit ausgabenbasierten Hochrechnungen, die jedoch nur groben Orientierungswert bieten.
Die Kategorie „3.12“ – „End-of-Life Treatment“ – schließt den Kreis. Wenn ein Autoverwerter ein Fahrzeug verschrottet und recycelt, entstehen Scope-1- und Scope-2-Emissionen beim Verwerter, die zur Scope-3-Bilanz des Automobilherstellers werden. Besonders relevant wird dies bei Produkten mit geringer Recyclingquote oder energieintensiven Verwertungsprozessen. Die Berechnung erfordert Annahmen darüber, wie Produkte entsorgt werden – ob Deponie, thermische Verwertung oder stoffliches Recycling dominiert. Bei einem komplexen Produkt kann die Aufschlüsselung in zehn oder zwanzig Materialfraktionen notwendig werden, jede mit eigenem Emissionsfaktor.
Sonderfälle: Leasing, Franchise, Investitionen
Die Kategorien „3.13“ bis „3.15“ erfassen Geschäftsmodelle, bei denen Unternehmen Vermögenswerte bereitstellen, ohne sie direkt zu nutzen. Kategorie „3.13“ – „Downstream Leased Assets“ – betrifft Vermieter von Immobilien, Maschinen oder Fahrzeugen. Die Scope-1- und Scope-2-Emissionen des Mieters werden zur Scope-3-Bilanz des Vermieters. Ein Wohnungsbauunternehmen muss den Energieverbrauch seiner Mieter bilanzieren, eine Autovermietung den Kraftstoffverbrauch ihrer Kunden.
Die Methodik unterscheidet zwischen anlagenspezifischer Erfassung – etwa durch Telematik in Leasingfahrzeugen – und durchschnittswertbasierter Schätzung. Bei Immobilien lassen sich typische Verbrauchswerte pro Quadratmeter und Gebäudetyp heranziehen. Die Datenqualität ist oft besser als bei anderen Scope-3-Kategorien, da Vermieter direkteren Zugang zu Verbrauchsdaten haben.
Kategorie „3.14“ erfasst Franchise-Modelle. McDonald’s gehören viele ihrer Filialen als Immobilien, während Franchisenehmer sie betreiben. Die Emissionen aus Heizung, Kühlung und Stromverbrauch des Franchisenehmers fließen in die Scope-3-Bilanz des Franchisegebers ein – sofern nicht bereits in Scope 1 oder Scope 2 erfasst. Das Prinzip der Doppelzählung verbietet, dieselben Emissionen mehrfach zu bilanzieren.
Die komplizierteste Kategorie ist „3.15“ – „Investments“. Banken, Investmentfonds und Unternehmen mit Minderheitsbeteiligungen müssen die anteiligen Scope-1- und Scope-2-Emissionen ihrer Investments bilanzieren. Hält ein Konzern zehn Prozent an einem Unternehmen mit 100 Tonnen CO₂-Äquivalenten, fließen zehn Tonnen in die eigene Bilanz ein. Bei Projektfinanzierungen – etwa Immobilienkrediten – gilt der Finanzierungsanteil als Maßstab. Finanziert eine Bank fünfzig Prozent eines Bauprojekts, bilanziert sie fünfzig Prozent der projektbezogenen Emissionen.
Die Materialitätsfrage
Nicht jede Kategorie ist für jedes Unternehmen relevant. Das Greenhouse Gas Protocol empfiehlt einen Schwellenwert von fünf Prozent, angelehnt an die Wirtschaftsprüfung. Eine Kategorie muss bilanziert werden, wenn sie voraussichtlich mehr als fünf Prozent der Gesamtemissionen ausmacht oder wenn Stakeholder sie einfordern. Bei Siemens ist die Weiterverarbeitung („3.10“) vernachlässigbar, während die Produktnutzung („3.11“) dominant ist. Bei einem Lebensmittelhändler dominiert Transport und Distribution („3.9“), während „3.11“ kaum relevant ist.
Die Entscheidung, eine Kategorie auszuschließen, muss dokumentiert und begründet werden – besonders wenn die Bilanz extern geprüft werden soll. Unternehmen müssen darlegen, warum bestimmte Emissionsquellen unwesentlich sind oder nicht erfasst werden können. Diese Transparenz schützt vor Vorwürfen des Greenwashing und ermöglicht eine ehrliche Einschätzung der tatsächlichen Klimawirkung.
Datenlücken und Emissionsfaktoren
Die größte praktische Herausforderung liegt in der Datenbeschaffung. Während Unternehmen ihre eigenen Scope-1- und Scope-2-Emissionen relativ gut kennen, sind nachgelagerte Prozesse oft nebulös. Kunden geben ungern Auskunft über ihren Energieverbrauch, Recyclingbetriebe haben unterschiedliche Erfassungsstandards, und die Nutzungsdauer von Produkten lässt sich nur schätzen.
Emissionsfaktordatenbanken wie ecoinvent, DEFRA oder GEMIS bieten standardisierte Werte für typische Prozesse. Während die meisten Datenbanken kostenfrei sind, kostet ecoinvent Lizenzgebühren – bietet dafür aber die höchste Datenqualität, besonders für spezialisierte Industrien wie die Chemiebranche. Die Wahl der richtigen Datenbank und der passenden Emissionsfaktoren kann erheblichen Einfluss auf das Ergebnis haben.
Der Hebel zum echten Klimaschutz
Die Paradoxie der nachgelagerten „Scope 3“-Kategorien liegt darin, dass Unternehmen Emissionen bilanzieren sollen, die sie nicht direkt kontrollieren. Doch genau hier liegt der Hebel für echten Klimaschutz. Wenn Siemens seine Gasturbinen effizienter macht, senkt das die Kategorie-„3.11“-Emissionen dramatisch – auch wenn die Turbine beim Kunden läuft. Wenn ein Lampenhersteller von Glühbirnen auf LEDs umstellt, halbiert sich der Energieverbrauch über die Produktlebensdauer.
Die Bilanzierung der Kategorien „3.9“ bis „3.15“ ist komplex, datenintensiv und oft frustrierend. Doch sie macht sichtbar, wo die wahren Klimahebel liegen – nicht in der Fabrik, sondern im Alltag der Kunden, in den Lieferketten der nachgelagerten Unternehmen und in der jahrzehntelangen Nutzung der verkauften Produkte. Wer diese Emissionen ignoriert, verfehlt den Großteil seiner Klimawirkung. Wer sie ernst nimmt, kann die Dekarbonisierung weit über die eigenen Unternehmensgrenzen hinaus vorantreiben.