ESG-Beratung nach dem Omnibus: Warum der Kompetenzaufbau kein Fehler war
Die EU-Omnibus-Verordnung hat den Kreis berichtspflichtiger Unternehmen drastisch verkleinert – und damit auch das Geschäftsmodell vieler ESG-Berater infrage gestellt. Doch der Beratungsbedarf verschwindet nicht, er verlagert sich: weg von reiner Compliance, hin zu strategischer Transformation. RSM Ebner Stolz erklärt im Interview, warum ESG-Kompetenz gerade jetzt an Relevanz gewinnt.
03.11.2026
Weniger Berichtspflicht, weniger Beratungsbedarf – so lautet die gängige Formel nach der Omnibus-Verordnung. Doch die Rechnung geht nicht auf: Banken, Kunden und internationale Lieferketten fragen ESG-Daten weiterhin ab – mit oder ohne gesetzliche Pflicht. Wie sich das Beratungsgeschäft dadurch verändert und welche neuen Treiber entstehen, hat UmweltDialog in einer aktuellen Analyse beleuchtet. Im Gespräch ordnet Alexander Glöckner von RSM Ebner Stolz die Lage aus Sicht einer der größten unabhängigen Prüfungs- und Beratungsgesellschaften in Deutschland ein.
War der Ausbau der ESG-Kompetenz eine Fehlinvestition?
Nein, ganz im Gegenteil. Die regulatorischen Schwellenwerte für eine Berichtspflicht mögen sich verschieben, doch ESG-Themen verschwinden deshalb nicht aus den Unternehmen und ihrer Wertschöpfung. Viele mittelständische Unternehmen stehen weiterhin unter Druck von Banken, Kunden, Investoren und internationalen Lieferketten, verlässliche Nachhaltigkeitsinformationen bereitzustellen – unabhängig von einer gesetzlichen Berichtspflicht. Unser Kompetenzaufbau war aus unserer Sicht deshalb eine Investition in ein dauerhaft relevantes Transformationsthema, nicht in eine kurzfristige Berichts- und Prüfungspflicht.
Wir beobachten derzeit eine klare Verlagerung: weg von reiner Berichts-Compliance, hin zu strategischer, operativer und finanzierungsnaher ESG-Beratung. Unternehmen fragen zunehmend danach, wie sich Nachhaltigkeitsdaten sinnvoll für Finanzierungsgespräche, Lieferantenaudits oder die eigene Unternehmenssteuerung nutzen lassen – unabhängig davon, ob eine Berichtspflicht formal greift oder nicht.
Unser Leitgedanke „Näher dran“ an unseren Mandanten und ihren Zielen bedeutet für uns, dass wir ganzheitlich Kompetenzen aufbauen und unsere Dienstleistungen multidisziplinär anbieten. Als eine der größten unabhängigen mittelständischen Prüfungs- und Beratungsgesellschaften in Deutschland verfügen wir über eine breite Expertise in Wirtschaftsprüfung, Steuer-, Rechts- und Unternehmensberatung, die wir gezielt für die ESG-Transformation unserer Mandanten einsetzen.
Wie verändert sich die Rolle von RSM Ebner Stolz zwischen Abschlussprüfung und ESG-Beratung?
Unsere Rolle wird differenzierter, aber nicht widersprüchlich. Unabhängigkeit und eine klare Governance bleiben für uns zentrale Leitplanken – gerade dort, wo Prüfung und Beratung in einem Haus zusammenkommen. Gleichzeitig sehen wir, dass Unternehmen jetzt Orientierung brauchen: wie sie ESG-Daten, Prozesse und Steuerungssysteme sinnvoll aufbauen und in die Unternehmenssteuerung integrieren können, auch ohne unmittelbare Prüfungspflicht.
Dabei kommt uns zugute, dass wir wirtschaftliche Zusammenhänge, Prozesse und Berichtsstrukturen sehr genau verstehen – durch unsere tägliche Arbeit in der Wirtschaftsprüfung ebenso wie in der Steuer-, Rechts- und Unternehmensberatung. Entscheidend ist, Beratung und Prüfung sauber voneinander zu trennen und Mandanten gleichzeitig praxisnah auf ihrem individuellen Transformationsweg zu begleiten – von der ersten Bestandsaufnahme bis zur Verankerung belastbarer Prozesse.
Wie behauptet sich RSM Ebner Stolz im Wettbewerb gegen Big Four und internationale Netzwerke?
Wir glauben nicht, dass sich dieser Markt allein über Größe oder Preis entscheiden wird. Der Mittelstand sucht vor allem umsetzbare Lösungen, branchenspezifisches Verständnis und Berater, die regulatorische Anforderungen mit der wirtschaftlichen Realität des Unternehmens verbinden. Genau dort sehen wir unsere Stärke: nah am Mandanten, mit kurzen Wegen und zugleich mit ausreichend fachlicher Tiefe in Prüfung, Steuer-, Rechts- und Transaktionsfragen.
Unser Ansatz ist daher Spezialisierung mit Mittelstandsfokus – nicht Lautstärke, sondern Relevanz. Zugleich sind wir international genauso gut aufgestellt wie global agierende Netzwerke: Als Mitglied von RSM International bieten wir unseren Mandanten Prüfungs- und Beratungsleistungen weltweit an. Damit verbinden wir die Nähe eines mittelständisch geprägten Beratungshauses mit der Reichweite eines global vernetzten Verbunds – ein Vorteil gerade für Mandanten mit internationalen Lieferketten, Kunden und Finanzierungsstrukturen.
Sind EBA-Leitlinien und MaRisk ein neuer Treiber für ESG-Beratung im Mittelstand?
Ja, absolut – und zwar sehr konkret über Finanzierung, Risikobewertung und künftig auch über Kreditkonditionen. Wenn Banken ESG-Risiken systematisch in Rating- und Kreditprozesse integrieren, wird das Thema für viele Mittelständler unmittelbar wirtschaftlich relevant.
In der Praxis sehen wir allerdings derzeit oft, dass Kundenanforderungen der stärkere Treiber sind: etwa dann, wenn große Auftraggeber ESG-Informationen, Lieferkettentransparenz oder Nachweise über Ratings wie EcoVadis erwarten. Der Handlungsdruck entsteht heute also häufig aus zwei Richtungen zugleich – von Finanzierern und aus der Wertschöpfungskette – und genau darin liegt aus unserer Sicht erhebliches Beratungspotenzial, das wir mit unserem interdisziplinären Team aus Wirtschaftsprüfung, Steuer-, Rechts- und Unternehmensberatung sehr gut abdecken können.
Wie sieht die ESG-Praxis von RSM Ebner Stolz im Jahr 2028 aus – und wovon lebt sie?
Wir erwarten, dass unsere ESG-Praxis 2028 deutlich breiter und stärker in den unternehmerischen Alltag integriert ist als heute. Der Prüfungsalltag wird in vielen Bereichen stärker in Routine übergehen, weil Prozesse, Datenhaushalte und Berichtssysteme in den Unternehmen reifer sein werden. Zugleich kommen neue Aufgaben hinzu, insbesondere rund um die erstmalige Umsetzung der Drittlandsberichterstattung nach der CSRD und auch der ESG-Softwareauswahl.
Wachstum wird daher nicht nur aus klassischer Berichtsunterstützung kommen, sondern aus der Verbindung von Prüfung, Governance, Datenqualität, Finanzierung, Lieferkette und operativer Transformation. ESG lebt dann weniger von punktueller Regulierung als von der Fähigkeit, Unternehmen bei dauerhaft relevanten Anforderungen belastbar und pragmatisch zu begleiten – getragen von einem interdisziplinären Team, das wirtschaftliche, rechtliche und steuerliche Fragestellungen und eben auch ESG-Themen aus einer Hand beantworten kann.
Quelle: UD
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