Regulatorik

„Book & Claim ist keine Umverteilung, sondern ein Nachfragesignal“

Seit die Science Based Targets Initiative (SBTi) im neuen Net Zero Standard V2.0 den Marktmechanismus Book & Claim anerkennt, atmet die Logistikbranche auf – Kritiker wie das NewClimate Institute warnen jedoch, der Standard könne eher als „Mobilisierungsinstrument denn als Führungsstandard" wirken. Die zentrale Frage bleibt: Wächst die weltweite Produktion an nachhaltigem Kraftstoff (SAF) durch den Mechanismus tatsächlich mit, oder verteilt er nur bestehende Mengen buchhalterisch neu? DHL-Nachhaltigkeitssprecherin Joanna Kruszewski im Interview über SAF-Zertifikate, GoGreen Plus und die Grenzen des SBTi-Ambitionsniveaus.

02.09.2026

„Book & Claim ist keine Umverteilung, sondern ein Nachfragesignal“

Mit dem neuen SBTi Net Zero Standard V2.0, der zum 1. Februar 2027 in Kraft tritt (Übergangsfrist unter V1.3.1 bis 31. Januar 2028), erkennt die SBTi erstmals Book & Claim als zulässigen Weg zur Dekarbonisierung von Transportemissionen an – allerdings eingebettet in eine klare Hierarchie, die physische Maßnahmen weiterhin priorisiert. Für die Logistikbranche mit ihren komplexen, globalen Netzwerken ist das eine wichtige Weichenstellung: Unternehmen wie DHL können den Umweltvorteil von nachhaltigem Flugkraftstoff (SAF) künftig auch dort geltend machen, wo sie ihn nicht physisch selbst einsetzen. Wie unser Artikel zur SBTi-Anerkennung von Book & Claim bereits einordnete, ist das aber kein Freifahrtschein: Die Anerkennung schafft regulatorische Zulässigkeit, nicht automatisch ökologische Exzellenz – offen bleibt vor allem, ob der Mechanismus zusätzliche SAF-Produktion anstößt oder lediglich vorhandene Mengen auf mehr Zertifikate verteilt. Wir haben bei Joanna Kruszewski, Sprecherin für Nachhaltigkeit bei DHL, nachgefragt, wie das Unternehmen mit dieser Kritik umgeht, was Book & Claim für das Produkt GoGreen Plus bedeutet und welche Rolle der ab 2027 startende EU-Emissionshandel ETS2 für den Transportsektor spielen wird.

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Der SBTi-Standard V2.0 validiert Book & Claim, gleichzeitig gibt es Bedenken zum Ambitionsniveau. Wie ordnen Sie diese Spannung ein – Bestätigung oder Warnsignal?

Joanna Kruszewski: Wir begrüßen die Anerkennung von Marktmechanismen wie Book & Claim im neuen SBTi Net Zero Standard ausdrücklich. Wir sehen darin keine Absenkung des Ambitionsniveaus. Im Gegenteil: Der Standard macht klar, dass direkte Dekarbonisierung weiterhin Priorität hat und marktbasierte Mechanismen dort eingesetzt werden sollen, wo physische Lösungen heute noch nicht verfügbar oder skalierbar sind.

Der Standard erkennt die Relevanz dieser Mechanismen an, um Dekarbonisierung innerhalb komplexer Wertschöpfungsketten, wie wir sie in der Logistik kennen, zu ermöglichen, ordnet Book & Claim gleichzeitig aber klar in eine Implementierungshierarchie ein. Wo immer eine physische, direkte Dekarbonisierung heute schon möglich und umsetzbar ist, soll diese priorisiert werden. Das machen wir bei DHL auch so, beispielsweise durch die Elektrifizierung unserer Flotten, den Ausbau erneuerbarer Energien an unseren Standorten und den Einsatz nachhaltiger Kraftstoffe in unserer eigenen Flug- und Fahrzeugflotte, wo diese physisch verfügbar sind.

In Logistiknetzwerken und an Orten, wo dekarbonisierte Lösungen für uns und unsere Kunden physisch heute noch nicht möglich sind, brauchen wir Marktmechanismen, um auch hier die Dekarbonisierung voranzutreiben. Diese Dekarbonisierung im Netzwerk, die die SBTi als „Activity Pool-Level" bezeichnet, können wir unseren Kunden mit GoGreen Plus bieten.

Kritiker sagen, Book & Claim verteile bestehende SAF-Mengen um, ohne die Gesamtproduktion zu steigern. Was entgegnen Sie?

Kruszewski: Die Existenz eines Marktmechanismus allein verändert nicht unmittelbar die Gesamtmenge der verfügbaren Kraftstoffe. Sie macht diese Kraftstoffe aber zugänglich für Marktteilnehmer, die physisch noch keinen Zugang zu diesen Lösungen haben, und erweitert somit ihren Absatzmarkt.

Ohne Mechanismen wie Book & Claim hätten viele Unternehmen heute keine praktikable Möglichkeit, sich an der Finanzierung und Marktentwicklung von SAF zu beteiligen. Ziel ist daher nicht die Umverteilung von Umweltvorteilen, sondern die Schaffung eines breiteren Nachfragesignals für nachhaltige Kraftstoffe. Die steigende Nachfrage und die damit verbundenen Investitionen können den Ausbau von Produktionskapazitäten unterstützen. Gerade in jungen Märkten ist ein verlässliches Nachfragesignal ein wichtiger Faktor für weitere Investitionen.

Das SAF, das wir als DHL für unsere GoGreen Plus-Produkte verwenden, stammt zudem aus freiwilliger Abnahme, die über die mandatierten Mengen in Europa hinausgeht. Somit stärken wir den freiwilligen Markt und fördern Dekarbonisierung über gesetzliche Vorgaben hinaus.

GoGreen Plus ist gleichzeitig ein Logistikprodukt mit Preisaufschlag und ein Klimaversprechen. Wie stellen Sie sicher, dass die Klimawirkung nicht hinter dem Produktversprechen zurückbleibt?

Kruszewski: All unsere GoGreen Plus-Produkte basieren auf tatsächlichen, bereits implementierten Dekarbonisierungsmaßnahmen in unserem Netzwerk, beispielsweise auf dem Einsatz von SAF im Luftfrachtbereich. Das Produktversprechen ist also immer mit Klimawirkung hinterlegt.

Unser Kundenversprechen und die erzielte Dekarbonisierung durch GoGreen Plus werden regelmäßig im Rahmen einer externen Prüfung durch unseren unabhängigen Auditor SGS verifiziert.

Das ETS2 wird ab 2027 auch den Transportsektor erfassen. Welche Auswirkungen erwarten Sie auf die Kostenstruktur – und auf die Nachfrage nach GoGreen Plus?

Kruszewski: Die Auswirkungen des ETS2 auf unser Geschäft sowie damit verbundene Auswirkungen auf unsere GoGreen Plus-Produkte werden derzeit noch intern geprüft, sodass wir hierzu noch keine abschließende Aussage treffen können. Grundsätzliche Bedenken sehen wir derzeit jedoch nicht.

Wichtig ist aus unserer Sicht vor allem, dass sichergestellt wird, dass die Einnahmen aus dem ETS-Mechanismus für weitere Dekarbonisierungsmaßnahmen im Sektor eingesetzt werden und nicht in allgemeine Staatshaushalte fließen. Im Luft- und Seetransport sind die Auswirkungen des ETS1 bereits heute in der Kostenstruktur für unsere Kunden berücksichtigt.

SAF-Kapazitäten sind global begrenzt. Wenn jeder Logistiker Book & Claim nutzt, wer stellt sicher, dass die Gesamtmenge an nachhaltigem Kraftstoff mitwächst – und nicht nur bestehende Mengen auf mehr Zertifikate verteilt werden?

Kruszewski: Book & Claim hilft dabei, Kundennachfrage mit dem Hochlauf nachhaltiger Kraftstoffmärkte zu verbinden. Ein Zertifikat steht dabei für eine klar definierte Menge SAF. Die Anzahl verfügbarer Zertifikate ist daher unmittelbar an die tatsächlich verfügbare Menge nachhaltigen Kraftstoffs gekoppelt.

Wenn durch Book & Claim die Nachfrage nach dekarbonisiertem Transport auf Basis von SAF steigt, entsteht ein stärkeres Marktsignal für zusätzliche Produktionskapazitäten. Zunehmend stellen zudem unabhängige Kraftstoff-Register sicher, dass es nicht zu illegitimem Double Counting oder anderen Problemen mit den Zertifikaten kommt, was wir sehr begrüßen.

Quelle: UD
 

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