SBTi erkennt „Book & Claim“ an – und die Logistikbranche atmet auf. Zu Recht?
Der neue Corporate Net-Zero Standard V2.0 der Science Based Targets Initiative akzeptiert erstmals Book & Claim als Mechanismus für die Dekarbonisierung von Transportemissionen. Für Logistikkonzerne wie DHL ist das eine Bestätigung ihres Geschäftsmodells. Für ihre Kunden wirft es eine unbequeme Frage auf: Was genau kaufen sie, wenn sie grüne Logistik buchen?
19.08.2026
Die SBTi hat Mitte Juni den finalen Corporate Net-Zero Standard V2.0 veröffentlicht. Nach zwei Konsultationsentwürfen und mehr als ein Jahr öffentlicher Debatte stehen die Regeln für wissenschaftsbasierte Klimaziele von Unternehmen fest. Der Standard tritt am 1. Februar 2027 in Kraft, die Zielvalidierung nach den neuen Regeln beginnt im ersten Quartal 2027. Unternehmen können bis Ende Januar 2028 noch unter der alten Version V1.3.1 einreichen, danach wird V2.0 für alle neuen Einreichungen verpflichtend.
Eine der folgenreichsten Neuerungen betrifft die Logistikbranche direkt. Der Standard erkennt Book & Claim erstmals als zulässigen Chain-of-Custody-Mechanismus für die Reduktion von Transportemissionen an – allerdings unter Bedingungen. Book & Claim erlaubt es, den Umweltvorteil nachhaltiger Kraftstoffe rechnerisch zuzuordnen, ohne dass der Kraftstoff physisch im selben Fahrzeug oder auf derselben Route eingesetzt werden muss. Ein Unternehmen, das nachhaltigen Flugkraftstoff in Amsterdam tankt, kann die CO₂-Einsparung einem Kunden zurechnen, dessen Fracht in Singapur auf konventionellem Kerosin fliegt. Die SBTi akzeptiert diesen Mechanismus nun dort, wo direkte Emissionsreduktionen technisch oder wirtschaftlich noch nicht machbar sind – vorausgesetzt, robuste Umweltschutzmaßnahmen sind gewährleistet.
DHL Group hat die Anerkennung umgehend begrüßt. Der Konzern sieht sich als Pionier des Book-&-Claim-Ansatzes in der Logistik und bietet über seine GoGreen-Plus-Dienste Kunden die Möglichkeit, transportbezogene Emissionen rechnerisch zu reduzieren. Die Botschaft ist klar: GoGreen Plus ist ab sofort SBTi-konform. Für Kunden, die ihre Scope-3-Transportemissionen adressieren müssen, ist das ein relevantes Signal – denn die Scope-3-Berichtspflicht unter der CSRD und der zunehmende Druck institutioneller Investoren machen Transportemissionen zu einem Thema, das in jeder Lieferkettenbilanz auftaucht.
Doch die Anerkennung durch die SBTi ist kein Freifahrtschein. Das NewClimate Institute, das den Standard in einem Briefing vom Juni 2026 eingeordnet hat, sieht die Entwicklung differenzierter. Die Kölner Forscher attestieren dem V2.0-Standard zwar Fortschritte bei Transparenz und Integrität, warnen aber vor dem Risiko, dass der Standard in der Praxis eher als Mobilisierungsinstrument denn als Führungsstandard fungiert. Das Institut verweist darauf, dass Unternehmen mit sehr unterschiedlichem Ambitionsniveau dieselbe SBTi-Validierung erhalten können – ein Punkt, den es am Beispiel der Modeindustrie konkretisiert, wo ein Fast-Fashion-Konzern und ein auf Langlebigkeit ausgelegtes Unternehmen formal in dieselbe Kategorie fallen.
Für Book & Claim in der Logistik bedeutet das: Die SBTi-Anerkennung sagt, dass der Mechanismus zulässig ist – nicht, dass er immer die beste Lösung ist. Die Leitplanken, die der Standard setzt, sind relevant: Die Emissionsreduktion muss nachweislich stattfinden, die Zertifikate müssen stillgelegt werden, Doppelzählung muss ausgeschlossen sein. Aber die entscheidende Frage für Kunden bleibt: Führt Book & Claim dazu, dass insgesamt mehr nachhaltiger Kraftstoff produziert und eingesetzt wird – oder verteilt der Mechanismus bestehende Mengen lediglich buchhalterisch um?
Diese Frage ist nicht theoretisch. Der Markt für nachhaltige Flugkraftstoffe wächst, ist aber noch weit von den Mengen entfernt, die für eine substanzielle Dekarbonisierung der Luftfracht nötig wären. Die EU-Verordnung ReFuelEU Aviation schreibt steigende Beimischungsquoten vor – ab 2025 mindestens 2 %, bis 2050 70 %. Book & Claim kann die Finanzierung dieser Skalierung beschleunigen, indem es Zahlungsbereitschaft bündelt. Es kann aber auch dazu führen, dass Unternehmen sich eine grüne Bilanz zusammenkaufen, ohne dass die physische Infrastruktur sich verändert.
Der V2.0-Standard bringt eine weitere Neuerung, die in der Book-&-Claim-Diskussion leicht untergeht: die Ongoing Emissions Responsibility. Ab 2035 müssen große Unternehmen Verantwortung für ihre laufenden Emissionen übernehmen – beginnend bei 1 %, jährlich steigend bis zum Net-Zero-Jahr. Bereits ab 2027 können Unternehmen freiwillig teilnehmen und erhalten dafür einen „Recognized“-Status im öffentlichen SBTi-Dashboard. Wer nicht teilnimmt, muss eine schriftliche Begründung abgeben, die ebenfalls öffentlich wird. Das kehrt die übliche Dynamik um: Statt einen Zertifikatskauf zu rechtfertigen, müssen Unternehmen künftig erklären, warum sie keinen tätigen.
Für die Logistikbranche entsteht damit ein doppelter Erklärungsbedarf. Einerseits müssen Anbieter wie DHL, DSV, Kühne+Nagel und DB Schenker ihren Kunden vermitteln, wie Book & Claim konkret funktioniert, welche Zertifikate dahinterstehen und warum der Mechanismus glaubwürdig ist. Andererseits müssen sie die Ongoing Emissions Responsibility kommunizieren – ein Instrument, das für viele Einkäufer neu ist und das die bisherige Logik von Kompensation und Vermeidung verschiebt.
Die nächsten Monate werden zeigen, ob die SBTi-Anerkennung von Book & Claim den nachhaltigen Kraftstoffmarkt tatsächlich beschleunigt oder ob sie vor allem den Anbietern grüner Logistikprodukte hilft, ihre bestehenden Angebote zu legitimieren. Die Validierung unter V2.0 beginnt im Februar 2027 – bis dahin ist die Frage, was Book & Claim wirklich leistet, eines der drängendsten Themen an der Schnittstelle von Logistik, Klimastrategie und Lieferkettentransparenz.