Biodiversität

Degradierung oder Entwaldung: Auswirkungen der Differenzierung auf EU-Unternehmen

Die Politik verschärft die Gesetze, um die Zerstörung der Wälder zu begrenzen. Die neue Entwaldungsverordnung der Europäischen Union ist das bisher bekannteste Beispiel. Aber wie werden Begriffe wie Entwaldung und Waldschädigung definiert? Ist das überhaupt von Bedeutung?

19.01.2024

Degradierung oder Entwaldung: Auswirkungen der Differenzierung auf EU-Unternehmen

Von Emmanuelle Bérenger

Wälder verschwinden in einem alarmierenden Tempo. Trotz der auf der UN-Klimakonferenz 2021 eingegangenen internationalen und unternehmerischen Verpflichtungen zur Bekämpfung der Entwaldung geht der Trend in vielen Ländern in die falsche Richtung.

Nach neuen Daten des World Resources Institute haben die Tropen im Jahr 2022 zehn Prozent mehr Primärregenwald verloren als im Vorjahr – 4,1 Millionen Hektar, etwa elf Fußballfelder pro Minute. Dies führte zu 2,7 Gigatonnen (Gt) an CO2-Emissionen, was den jährlichen Emissionen Indiens aus fossilen Brennstoffen entspricht.

Aus diesem Grund hat die Europäische Union (EU) in diesem Jahr ein bahnbrechendes neues Gesetz vorgestellt, das sich gegen zerstörerische Aktivitäten im Zusammenhang mit sieben Produkten richtet, darunter Holz, Kakao und Kaffee. Das Gesetz legt verbindliche Regeln für Unternehmen fest, die ab Dezember 2024 gelten, damit diese die unter die Verordnung fallenden Produkte vor dem Verkauf auf dem EU-Markt mit der gebotenen Sorgfalt prüfen und so das Risiko der Entwaldung oder Waldschädigung eindämmen.

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Wald, Entwaldung und Waldschädigung im Überblick

Unternehmen, Landwirt:innen und andere an der Lieferkette Beteiligte möchten die EUDR leichter verstehen können. Außerhalb des rechtlichen Rahmens sind Begriffe wie Entwaldung, Waldschädigung und Waldumwandlung oft uneinheitlich oder austauschbar. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass diese Begriffe unterschiedliche Bedeutungen haben. Und gerade im Zusammenhang mit der Gesetzgebung ist es entscheidend, diese Begriffe präzise zu definieren.

Zunächst muss geklärt werden, was unter dem Begriff Wald zu verstehen ist. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist ein Wald „eine Fläche von mehr als 0,5 Hektar mit über fünf Meter hohen Bäumen und einer Überschirmung von mehr als zehn Prozent oder mit Bäumen, die auf dem jeweiligen Standort diese Werte erreichen können.“ Diese technische Definition des Waldes umfasst sowohl Naturwälder als auch Plantagenwälder.

Die FAO definiert Entwaldung als „die Umwandlung von Wäldern in landwirtschaftlich genutzte Flächen, unabhängig davon, ob sie vom Menschen herbeigeführt wird oder nicht.“

Als Nächstes kommt die Waldschädigung. Waldschädigung ist laut FAO dann der Fall, „wenn Waldökosysteme ihre Fähigkeit verlieren, wichtige Güter und Funktionen für Mensch und Natur bereitzustellen.“

Präzise Definitionen sind in der EUDR von entscheidender Bedeutung.

Mit Ausnahme der Waldschädigung basieren die EUDR-Definitionen auf denen der FAO. Organisationen wie die Accountability Framework Initiative und die ihr angehörige Rainforest Alliance gaben Empfehlungen ab, um den Definitionsrahmen der Gesetzgebung zu verbessern. Ziel war es, spezifische und objektive Compliance-Kriterien für eine wirksame Umsetzung mit kontinuierlicher Beteiligung an künftigen Änderungen festzulegen.

Nach Ansicht der Rainforest Alliance ist beispielsweise die international anerkannte Wald-Definition zwar richtig, aber für Erhaltungsstrategien nicht ausreichend, da sie ökologische Unterschiede, einschließlich derer in der Biodiversität, der Struktur und der endemischen Arten, außer Acht lässt.

Bezüglich der Entwaldung gehen die Sichtweisen zwischen der Rainforest Alliance und den aktuellen Definitionen der FAO auseinander. Genauer gesagt versteht die Rainforest Alliance unter Entwaldung die Umwandlung von Naturwäldern in Baumplantagen, da dies erhebliche Auswirkungen auf die biologische Vielfalt und das Klima hat. So dürfen Holzprodukte, die aus der Umwandlung von Wäldern in Plantagen stammen, nicht auf den EU-Markt gebracht werden. Die EU aber stuft dies lediglich als Waldschädigung ein.

Die FAO-Definition der Waldschädigung ist zwar prägnant, erfasst aber nicht vollständig die damit verbundene Zeitskala. Im Gegensatz zur Entwaldung, die sich mit Hilfe von Satellitenbildern leichter feststellen lässt, da in der Regel große Flächen gerodet werden, erfolgt die Waldschädigung schrittweise und ist daher deutlich schwieriger zu messen. Wälder können aus verschiedenen Gründen zurückgehen. Und eine Degradierung in einem Gebiet bedeutet nicht unbedingt eine Degradierung in einem anderen (siehe Grafik weiter unten). Es ist zudem wichtig, zwischen kurzfristigen Schwankungen des Waldzustands, die durch jahreszeitliche Veränderungen, verantwortungsvolle Waldbewirtschaftung oder natürliche Störungen verursacht werden, und langfristigen Waldschädigungstendenzen sowie einer schweren Waldschädigung, bei der eine Wiederherstellung des vorherigen Zustands unwahrscheinlich ist, zu unterscheiden.

Nach einer hitzigen Debatte darüber, welcher Grad der Waldschädigung in der Verordnung als akzeptabel gilt, wurde die EU-Definition in „strukturelle Veränderungen der Waldbedeckung in Form der Umwandlung von Primärwäldern oder sich natürlich regenerierenden Wäldern in Plantagenwälder oder in andere bewaldete Flächen oder von Primärwäldern in gepflanzte Wälder“ geändert.

State of forest

Ohne wirksame Überwachungs- und Abhilfemaßnahmen kann Waldschädigung schwerwiegende Auswirkungen auf den Gesamtzustand des Waldes haben und schließlich zur Entwaldung führen. Zwischen 2010 und 2019 wurden beispielsweise durch Waldschädigung im brasilianischen Amazonasgebiet, die durch Fragmentierung, nicht nachhaltige Abholzung und Brände verursacht wurde, dreimal mehr Kohlenstoffemissionen in die Atmosphäre freigesetzt als durch die völlige Zerstörung der Wälder.

Es steht mehr denn je auf dem Spiel

Es ist unerlässlich, klar zwischen den schädlichen Auswirkungen, die wir verringern wollen, und den spezifischen Handlungen, die durch die Gesetzgebung verboten sind, zu unterscheiden. Diese Klarheit ist entscheidend, um Unklarheiten zu beseitigen, die sich aus dem rechtlichen Rahmen ergeben könnte. So müssen wir beispielsweise im Umgang mit Umweltbelangen genauer darauf achten, den Begriff „Waldschädigung“ im Vergleich zur „Entwaldung“ zu definieren, wenn wir einen wirksamen und praktischen legislativen Ansatz wollen, der unseren Ökosystemen wirklich zugutekommt.

Es steht viel auf dem Spiel, da die EUDR-Definitionen verbindlich und mit den Sorgfaltspflichten eines Unternehmens verknüpft sind. Bei Nichteinhaltung drohen Sanktionen wie Geldstrafen.

Wälder sind für unseren Planeten von entscheidender Bedeutung: Sie bekämpfen den Klimawandel, bieten Lebensgrundlagen und schützen die Biodiversität. Wie die EUDR zeigt, setzt die Gesetzgebung auf allen Regierungsebenen zunehmend neue gesellschaftliche Standards und Normen, die Wälder besser würdigen, schützen und wertschätzen – und die Art und Weise, wie Definitionen festgelegt und angewendet werden, macht dabei einen großen Unterschied.

Quelle: UD
 

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