26.06.2019
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29.05.2019

Plastik & Müll

Plastikmüll aus dem Meer wird wieder schick

Die Modebranche interessiert sich zusehends für „Ocean Plastic“. Aus recyceltem Kunststoffabfall aus den Weltmeeren werden ganze Kollektionen von Sportschuhen und Funktionskleidung hergestellt. Tchibo bietet demnächst bereits das zweite Mal eine Sport- und Bademodenkollektion aus wiederverwertetem Ocean Plastic an. Mit Kritik an der Nachhaltigkeit solcher Produkte geht das Familienunternehmen offen um.

Plastikmüll aus dem Meer wird wieder schick

Kunststoffabfälle bedrohen die Weltmeere. Jedes Jahr gelangen 6,4 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Meere, berichtet der Word Wide Fund For Nature (WWF). Allein auf dem Grund der Nordsee sollen geschätzte 600.000 Kubikmeter Müll liegen. Zeit Online berichtete jüngst über den größten Plastikstrudel im Pazifik, der die vierfache Größe Deutschlands hat.

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Die Folgen dieses „Marine Litter“ für die Natur und die Tierwelt sind gravierend: Bei jeder dritten Schildkröte beispielsweise findet sich bereits zusammengeballter Plastikmüll in den Mägen, beklagt der WWF.

Was soll mit dem Kunststoff geschehen, der bereits über die Weltmeere treibt? Kann man ihn in der Produktion wiederverwerten? Ja, beispielsweise in der Modebranche. Das Angebot an Bekleidung aus Meeresplastik wächst ständig. Der Blog modepilot.de berichtete kürzlich über den 2012 gegründeten spanischen Anbieter Ecoalf. Dieser hat seit 2015 in Thailand und Spanien 330 Tonnen Meeresabfall gesammelt und daraus Material für die eigene Produktion gewonnen.

Auch große Marken nutzen Ocean Plastic. Adidas fertigte daraus bereits Fußballtrikot-Sondereditionen. Großen Erfolg hatte der Sportartikelhersteller vor allem aber mit den „UltraBoost“-Laufschuhen. Mehr als eine Million davon wurden seit 2017 verkauft, berichtet die Organisation „Global Citizen“. Das Besondere an den weißen Sportschuhen: Sie bestehen zu 95 Prozent aus Meeresplastik. Für einen Schuh werden laut Global Citizen elf Plastikflaschen recycelt.

Badeschuhe aus PET-Flaschen, Badeanzüge aus Fischernetzen

Auch Tchibo setzt erfolgreich auf Mode aus Kunststoffrezyklat. Bereits zum zweiten Mal bieten die Hamburger ab Juni Sport und Bademoden an, die aus wiederverwertetem Ocean Plastic bestehen. Produkte und Materialien sind vielfältig, führt Tchibo aus: „Aus PET-Flaschen können Badeschuhe produziert werden, aus alten
Fischernetzen Badeanzüge und Sporttops und aus Textilabfällen Bikinis.“ Einige Modelle der Sport- und Schwimmkleidungskollektion wurden komplett aus der Nylonfaser „Econyl“ gefertigt. Das von der italienischen Firma „Aquafil“ produzierte „Garn“ besteht vorwiegend aus Ocean Plastic, aber auch aus Textilabfällen und alten Badeanzügen.

Der Rezyklateinsatz bei Tchibo lohnt sich auch für die Umwelt. Durch den Einsatz von rund 80 Tonnen recycelten Polyesterfasern können rund 220 Tonnen CO2-Äquivalent eingespart werden, hat das Handelsunternehmen berechnet. Darüber hinaus wurden für die aktuelle Kollektion 4,4 Millionen PET-Flaschen recycelt.

Das Familienunternehmen hat sich in Sachen Plastik hohe Ziele gesteckt: Ab 2020 soll für die Textilprodukte weitestgehend auf Verpackungen aus Einwegplastik verzichtet werden. Darüber hinaus sollen Closed-Loop-Maßnahmen, also der Einsatz von recycelten Materialien, die Langlebigkeit und Recyclingfähigkeit von Produkten und Verpackungen weiter steigern.

Die Premiere der Ocean-Plastic-Mode im Jahr 2018 begleitete Tchibo mit einer großen Social-Media-Kampagne unter dem Motto „#time4green“. Eine Kooperationspartnerin war die Fitness- und Nachhaltigkeitsbloggerin Louisa Dellert. „Meiner Meinung nach eine sinnvolle Idee, solange wir dafür nicht noch mehr Energie und Wasser verbrauchen“, bewertete sie die Produktreihe im Gespräch mit dem Unternehmensblog.

Recycling erfordert viel Wasser, Energie und Chemie

Allerdings ist die Zustimmung zu Ocean-Plastic-Mode nicht ungeteilt. So bemängelt der Textilforscher Kai Nebel auf Spiegel Online den hohen Verbrauch von Wasser, Energie und Chemie, der zur Aufbereitung des Abfallplastiks notwendig sei.
Bedenken gibt es auch wegen möglicher Schadstoffbelastungen der Kunststoffrezyklate. PET-Flaschen – und später somit auch die Recyclingmode – können beispielsweise Rückstände des Halbmetalls Antimon enthalten, das in der Form von Antimontrioxid zur Produktion von PET verwendet wird und im Ruf steht, gesundheitsschädlich zu sein. Institutionen wie das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung oder das schweizerische Bundesamt für Gesundheit beschwichtigen jedoch mit dem Verweis darauf, dass relevante Grenzwerte immer deutlich unterschritten würden.

Mode aus recyeltem Meeresplastik löst zu guter Letzt das grundsätzliche Problem von Kleidung aus Kunststoff nicht. In immerhin 60 Prozent aller Kleidungsstücke sind nach Angaben von Greenpeace synthetische Fasern enthalten. „Beim Waschen solcher synthetischer Kleider gelangen winzige Plastikteilchen ins Wasser, die von der Waschmaschine und selbst in der Kläranlage nicht herausgefiltert werden können“, gibt die Schweizer Internetseite umweltnetz-schweiz.net zu bedenken. In der Greenpeace-Studie „Fast fashion, fatal fibres“ wird erklärt, dass ein einziger Waschgang bis zu einer Million Kunststoffmikrofasern einer Fleece-Jacke ins Abwasser auswasche.

Tchibo geht offen mit solcher Kritik um. Die eingesetzten recycelten Materialien würden umfassend gemäß den strengen Schafstoffanforderungen des Unternehmens geprüft. Gemeinsam mit Experten arbeite man außerdem an einer Lösung für das Problem des Mikrofaserabriebs. Grundsätzlich gebe es noch kein kunststofffreies Alternativmaterial, das ähnlich atmungsaktiv, temperaturausgleichend und elastisch sowie reiß- und scheuerfest sei wie Synthetikfasern. 

Eins ist dem Unternehmen wichtig: „Richtig genutzt kann Plastik ökologisch eine gute Alternative sein.“ Die Nutzung recycelter Materialien verringere auf jeden Fall die Abfallberge und spare Erdöl-Ressourcen.

Quelle: UmweltDialog
 

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