10.12.2018

03.12.2018

Reporting

Planetare Risiken – Tendenz zur Standardisierung von ESG-Berichten

Gesetzgeber, Investoren und Unternehmen mit kritischen Lieferketten eint dieser Tage ein Thema: Nachhaltigkeit wird immer mehr zur zentralen Größe im Risikomanagement. UmweltDialog stellt Trends, Treiber und Themen vor.

Planetare Risiken – Tendenz zur Standardisierung von ESG-Berichten

Verschärfte staatliche Regulierungen, neue Marktentwicklungen und sich
wandelnde Geschäftsmodelle – unsere heutige Welt ist im Umbruch. Daraus ergeben sich erhebliche Chancen und genauso viele Risiken. Nichtbeachtung oder Fehleinschätzungen können für Unternehmen ganz schnell existenzbedrohende Ausmaße annehmen. So zeigt das World Economic Forum in seinem Global Risk Report 2018 auf, dass mittlerweile acht von zehn der Top-zehn-Unternehmensrisiken in den Bereichen der sozialen, geopolitischen und ökologischen Risiken einzuordnen sind.

Befeuert wird die Entwicklung nicht zuletzt auch durch die Erkenntnis, dass nicht alle Vermögenswerte physisch vorliegen, sondern Zukunftserwartungen abbilden. Kein Wunder also, dass die Integration und Bewertung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten (ESG abgekürzt) immer stärkeren Einfluss auf die künftige finanzielle Performance eines Unternehmens gewinnt. „Mangels eines angemesseneren Begriffs sprechen wir von immateriellem Wert, aber im Großen und Ganzen können solche Werttreiber sehr konkret sein“, sagt Susanne Stormer, VP of Corporate Sustainability bei Novo Nordisk. 

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„Für viele Unternehmen sind bis zu 90 Prozent ihrer Marktkapitalisierung auf Faktoren zurückzuführen, die über die wesentlichen Vermögenswerte hinausgehen. Aber was wäre, wenn es noch mehr Wert zu generieren gäbe, wenn wir nur bessere Metriken hätten?“, fragt Stormer. „Hier setzt die ESG-Analyse an.“ Auch wenn das zugrunde liegende Konzept nicht neu ist, spiegeln die aktuelle Diskussion und die Entwicklung von Standards neue politische Realitäten wider – und das wird die Praktiken der Unternehmensführung, der Anlagestrategien und von Berichtsstandards dauerhaft und grundlegend verändern. Davon ist man etwa bei der Beratungsgesellschaft Mazars überzeugt und arbeitet aktiv an Lösungen.

Das drückt sich auch in Zahlen am Kapitalmarkt aus: Laut US SIF, dem Forum für nachhaltige und verantwortungsbewusste Anlagen, sind nachhaltige Geldanlagen (SRI) zwischen 1995 und 2012 um 486 Prozent gewachsen. Institutionelle Investoren stellen das größte Segment der SRI-Gemeinschaft dar und verwalten derzeit mehr als 2,48 Billionen US-Dollar an Assets.

Rechtliche Anforderungen nehmen zu

Auf EU-Ebene ist das Thema CSR seit einigen Jahren stärker in den Fokus gerückt. Deutlichstes Beispiel ist die Einführung der verpflichtenden CSR-Berichterstattung (CSR-RUG). Bisher sind erst wenige Unternehmen betroffen, doch der Scope soll deutlich ausgeweitet werden, wie Diskussionen zu entnehmen ist. Beispielsweise auf Unternehmen mit ausgeprägten Lieferketten, die sich verstärkt mit dieser Thematik befassen und Transparenz über entsprechende ESG-Risiken bzw. CSR-Risiken herstellen sollen. Mazars schreibt zudem: „Darüber hinaus hat die Europäische Kommission eine hochrangige Sachverständigengruppe für ein nachhaltiges Finanzwesen eingesetzt. Ziel ist es, den Kapitalfluss in Richtung nachhaltiger Investitionen zu steuern und Schritte zu ergreifen, um das Finanzsystem vor Nachhaltigkeitsrisiken zu schützen.“

Nachhaltig denken, heißt langfristig planen

Wie geht ein Unternehmen das Thema am besten an? Und liegen überhaupt alle Daten zur Situationseinschätzung auf dem Tisch? Dazu heißt es weiter in einem Positionspapier von Mazars: „Eine große Unsicherheit besteht heute noch hinsichtlich der Vorhersehbarkeit von ESG-Risiken. Eine Identifikation und Bewertung von Risiken auf Basis historischer Erfahrungen und Datenquellen wird auf viele ESG-Risiken nicht übertragbar sein. Eine unabdingbare Business-Impact-Analyse muss daher im Detail aufdecken und prognostizieren, auf welche Geschäftsmodelle, Prozesse, Kunden etc. sich ESG-Risiken heute und in Zukunft negativ auswirken könnten.

Der Umgang mit ESG-Risiken erfordert zudem eine Anpassung der zeitlichen
Betrachtungszeiträume. Für die Integration von ESG-Risiken in das hauseigene Risikomanagement-System reicht die Betrachtung des ‚short term financial impact‘“, der teilweise im klassischen Risikomanagement in der Praxis Anwendung findet, nicht aus. Der Betrachtungszeitraum für ESG-Risiken kann in der Regel die übliche Perspektive im Risikomanagement von zwei bis drei Jahren deutlich übersteigen.“

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Neue Standards konzentrieren sich auf die Korrelation von ESG und Finanzfragen

Bei der Berichterstattung zu sogenannten extra-finanziellen Aspekten hat viele Jahre lang die Global Reporting Initiative (GRI) Pionierarbeit geleistet. Jüngst gewinnen zusätzlich auch Akteure wie das International Integrated Reporting Council (IIRC) und das Sustainability Accounting Standards Board (SASB) bei Unternehmen und Investoren zunehmend an Bedeutung. Alle drei Initiativen eint das Streben nach Konvergenz der ESG mit traditioneller finanzieller Performance zu fördern. Nachhaltigkeitsberichterstattung und Geschäftsberichterstattung wachsen immer enger zusammen. Das hat dann auch unmittelbar Auswirkungen auf das Risikomanagement.

Allerdings gibt es hierzu bisher keine Standards. Und genau hier setzt eine Initiative der Interessenverbände WBCSD und COSO ein: Gemeinsam haben sie einen Leitlinienentwurf vorgelegt, der erstmals eine praxisnahe Anleitung für Unternehmen zur Integration von ESG-Risiken in das Risikomanagement beinhaltet. Nach Ansicht der Nachhaltigkeitsexperten bei Mazars habe die „Anwendungsrichtlinie gute Chancen darauf, sich nach ihrer Fertigstellung als zukünftiger Standard für die Integration von ESG-Risiken in Risikomanagementsysteme durchzusetzen“.

Der Leitlinienentwurf basiert auf dem COSO-Modell „Enterprise Risk Management – Integrating with Strategy and Performance“ und ist in sieben Module aufgeteilt: Diesen werden zu Beginn des Risikomanagements die bekannten 20 Prinzipien des COSO-ERM-Modells 2017 zugeteilt. Jedes Modul beginnt mit einer Checkliste von praktischen Umsetzungsschritten, die bei der Integration von ESG-Risiken in ein ERM-System helfen. Jeder einzelne Checklisten gestützte Umsetzungsschritt wird im Detail unter Berücksichtigung von Praxisbeispielen erläutert.

Datenlage und Metriken müssen besser werden

„Es gibt nicht den einen richtigen Weg zur ESG-Integration und erst recht keine Silberkugel zur ESG-Integration“, heißt es dazu von der UN-nahen PRI-Initiative. Beim weltweit wichtigsten Netzwerk für nachhaltige Anleger setzt man darauf, ESG-Daten besser zu analysieren und ESG-Metriken in ihren Anlageprozess zu integrieren. ESG-Investitionen würden oft als Marketing-Slogan verwendet, ESG-Analysen seien dagegen viel konkreter und verbindlicher. Eine neue PRI-Studie gibt hier nützliche Tipps: 

  • Governance ist der ESG-Faktor, den die meisten Investoren in ihren Prozess einbeziehen; Umwelt- und Sozialfaktoren gewinnen an Akzeptanz, allerdings von einer niedrigen Datenbasis aus.
  • Portfoliomanager und Analysten beziehen ESG häufiger in den Anlageprozess ein, passen ihre Risiko-Modelle aber selten auf Basis von ESG-Daten an.
  • Die Haupttreiber der ESG-Integration sind Risikomanagement und Kundennachfrage, während das Haupthindernis ein begrenztes Verständnis von ESG-Themen ist.
  • Vermögensverwalter sollten sich gegenseitig besser darüber informieren, wie und warum sie ESG-Daten in den Anlageprozess integrieren.
  • Investoren und Unternehmen müssen zusammenarbeiten, um sich auf die Berichterstattung nur über wesentliche ESG-Fragen zu einigen und die Standardisierung der ESG-Daten zu fördern.

Es gibt nicht den einen richtigen Weg und erst recht keine Silberkugel zur ESG-Integration

Pariser Klimaabkommen führt zu Klima-Reporting

2015 hat sich die Weltgemeinschaft auf das ambitionierte Ziel geeinigt, die globale Erwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen. Dazu muss der CO2-Ausstoß von allen Emittenten massiv eingespart werden. Und diese Einsparungen müssen auch überprüfbar sein. Experten gehen daher davon aus, dass ein entsprechendes Klima-Reporting eingeführt wird. Ein wichtiger Antreiber ist die Ende 2015 von Bloomberg ins Leben gerufene Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD). Im Juni 2017 veröffentlichte sie Empfehlungen für eine transparente unternehmerische Berichterstattung zu Klimarisiken und -chancen im Rahmen der Geschäfts- und Finanzberichterstattung. Ziel der Veröffentlichung ist das Schaffen von aussagekräftigen Informationen zu finanziellen Implikationen klimawandelbezogener Risiken und Chancen für Unternehmen. 

Der deutsche Global Compact schreibt darüber: „Die Szenario-Analyse nimmt im Rahmen der TCFD-Empfehlungen eine zentrale Rolle ein: Die unternehmerische Klimaberichterstattung soll sich auf einen mittel- bis langfristigen Zeitraum beziehen und sich mit den zu erwartenden direkten und indirekten Auswirkungen des Klimawandels und der notwendigen Transformation zu einer emissionsarmen Wirtschaft auseinandersetzen. Um der mit Zukunftsaussagen verbundenen Unsicherheit entgegenzutreten, sollen Unternehmen sich auf Basis von Szenario-Analysen mit verschiedenen möglichen künftigen Entwicklungen, den damit verbundenen Risiken und Chancen sowie der Resilienz des eigenen Geschäftsmodells befassen und transparent darüber berichten.“

Quelle: UmweltDialog
 

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