Wirtschaft & Strategie

Zwei (fast) unbekannte Akteure hinter der größten Bahn-Tarifrevolution, von der auch der Klimaschutz profitiert

Das Deutschlandticket ist eine ÖPNV-Erfolgsstory, ohne die der Beitrag des Verkehrssektors zum CO₂-Ziel hierzulande zweifellos noch schlechter ausfiel. Obwohl die zentrale Webseite deutschlandticket.de entscheidend zum Erfolg dieses Tarifangebots beiträgt, kennen nur Brancheninsider das Unternehmen dahinter. Beteiligt am reibungslosen Start dieses Online-Angebots war zudem eine mittelständische Managementberatung.

14.07.2026

Zwei (fast) unbekannte Akteure hinter der größten Bahn-Tarifrevolution, von der auch der Klimaschutz profitiert

Ende 2025 haben 14,6 Millionen Menschen das Deutschlandticket genutzt. 74 Prozent davon waren Standardtickets, 15 Prozent Jobtickets und 11 Prozent Semestertickets. Der Verband der Verkehrsunternehmen (VdV), der diese Zahlen ermittelt hat, spricht deshalb von der „größten Tarifrevolution im ÖPNV“. Etwas nüchterner formuliert es das Bundesministerium für Verkehr (BMV), das in einer am 14. April 2026 veröffentlichten Pressemitteilung zutreffend feststellt: „Das Deutschlandticket wirkt“. Dabei bezieht sich das Ministerium auf die Ergebnisse des dritten Zwischenberichts zur Evaluation des Deutschlandtickets 2024-2026, die unter Leitung der infas – Institut für angewandte Sozialwissenschaft durchgeführt wurde. Die betreffende Studie belege die positiven Auswirkungen des Deutschlandtickets für die notwendige Mobilitätswende. „Es entlastet Bürgerinnen und Bürger, stärkt den öffentlichen Verkehr und reduziert CO₂-Emissionen“, so Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder. Dieses Ticket würde insbesondere die Mobilität von Menschen mit geringerem Einkommen verbessern und deren gesellschaftliche Teilhabe stärken, betont das BMV, das gleichzeitig „einen Digitalisierungsschub im Vertrieb“ beobachtete, bei dem jedoch noch „weiterhin Entwicklungsbedarf besteht“.

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Angesichts von bundesweit über 60 eigenständigen Tarif- und Verkehrsverbünden mit individuellen, uneinheitlichen und zum Teil auch unübersichtlichen Tarif- und Beförderungsbestimmungen war die Ausgangssituation vor der Einführung des bundesweit gültigen D-Tickets jedoch alles andere als einfach. 

Soweit die allgemein bekannten Fakten. Weniger bekannt dagegen sind zwei Unternehmen, die einen wichtigen Anteil an dieser ÖPNV-Erfolgsstory haben: an erster Stelle die seit 2016 in Leipzig ansässige Transdev Vertrieb – ein Tochterunternehmen der französischen Transdev Group S.A. mit weltweit über 100.000 Mitarbeitern. Dieses Unternehmen ist nicht nur als interner Dienstleister für den Ticketvertrieb der Transdev-Gruppe tätig, die unter anderem die S-Bahn Hannover, die Bayerische Regiobahn und die Mitteldeutsche Regiobahn betreibt, sondern auch für zahlreiche externe Partner im öffentlichen Nahverkehr. Dazu gehören über 15 so genannte „Aufgabenträger“ und Verkehrsverbünde – darunter große Namen wie der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) und der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV). Für sie übernimmt Transdev zentrale Vertriebsaufgaben – vom Betrieb der Fahrkartenautomaten bis zum persönlichen Verkauf vor Ort. Zum Leistungsportfolio der Leipziger gehören außerdem der Service für Abonnenten von Monats- oder Jahreskarten, die Betreuung von Ticketshops bis hin zur Videoberatung an kleinen Bahnhöfen.

Der Transdev-Coup im Jahr 2022

Zunächst hatten die Leipziger ÖPNV-Ticketexperten eine Online-Shop-Software für Jobtickets entwickelt, änderten dann jedoch parallel zu den politischen Diskussionen und Entscheidungen im Jahr 2022 ihre Entwicklungspläne zugunsten des ursprünglich als 9-Euro-Ticket gestarteten Deutschlandtickets, berichtet Isabella Firlle, Deutschlandticket-Projektleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung der Transdev Vertrieb GmbH.
Dabei gelang dem Unternehmen ein besonderer Coup: Schon Mitte des Jahres 2022 sicherte sich Transdev vorausschauend die Webadresse (Domain) www.deutschlandticket.de – obwohl der offizielle Name für das Ticket zu diesem Namen noch nicht einmal feststand, wie die Berliner Morgenpost am 03.02.2023 unter der Überschrift „Ministeriums-Flop: Deutschlandticket-Website schon vergeben“ berichtete. Nachdem im Oktober des Jahres dann die Verkehrsministerkonferenz den offiziellen Namen des Tickets beschlossen hatte, startete Transdev Vertrieb bereits Anfang Dezember 2022 seinen Online-Shop für das erst ab dem ersten Mai 2023 bundesweit geltende, neue ÖPNV-Angebot. Kunden konnten ein Abo für dieses neue Bahnticket dadurch bereits ein halbes Jahr vor dessen Start online bei dem Anbieter vorbestellen bzw. für sich reservieren. „Wir konnten gleich in den dritten Gang schalten“ freut sich Isabella Firlle rückblickend angesichts der bereits weit entwickelten Shop-Software.

Die Expertise der Berater im Hintergrund

Da der Online-Shop das erste, komplett in Eigenregie gestartete Angebot von Transdev Vertrieb für private Endkunden ist, war bei der Umsetzung und Realisierung dieses neuen Vertriebskanals zusätzliches Know-how gefragt. Deshalb entschieden sich die ÖPNV-Vertriebsexperten für eine Zusammenarbeit mit der Unternehmensberatung ONE Business & Technology (www.one-bt.de), die über eine besondere Erfahrung im privaten Endkunden-Markt verfügt. Für die Gesellschaft arbeitete an den drei Standorten Frankfurt, München und Berlin ein Team von mehr als 45 Beraterinnen und Beratern.

Schon bei der erfolgreichen Einführung der ‚mobil.NRW‘-App in den Jahren 2021/2022 hatten beide Unternehmen eng und partnerschaftlich zusammengearbeitet. Dieses Projekt basierte auf einer Gemeinschaftskampagne des NRW-Verkehrsministeriums und der Verkehrsverbände, -gemeinschaften sowie -unternehmen in Nordrhein-Westfalen.
Bei der Zusammenarbeit mit Transdev Vertrieb bringen die ONE-Berater(innen) ihre fachliche, technologische und methodische Expertise in die Gestaltung und Optimierung zentraler Bereiche wie der IT-Organisation ein.

Die ONE Business & Technology GmbH unterstützt die Transdev Vertrieb GmbH fachlich in zentralen Disziplinen der Transformation und Umsetzung. Der Fokus liegt dabei auf Projektmanagement, Business- bzw. Anforderungsanalyse sowie Produktmanagement, um eine strukturierte und zielgerichtete Realisierung von Vorhaben sicherzustellen.

Ergänzend bietet ONE fundierte Beratung und operative Unterstützung in technologischen Fragestellungen, insbesondere in den Bereichen IT-Security und IT-Architektur, wobei die Transdev Vertrieb je nach Bedarfssituation flexibel und passgenaue unterstützt wird – von der Konzeption bis zur Umsetzung. ONE positioniert sich dabei als integrierter Partner, der alle relevanten Kompetenzen aus einer Hand bereitstellt und so eine durchgängige Betreuung entlang der gesamten Wertschöpfungskette gewährleistet.

Stefanie Leicht, Managing Consultant von ONE Business & Technology
Stefanie Leicht, Managing Consultant von ONE Business & Technology

Bund und Länder haben inzwischen die Finanzierung des Deutschlandticket auf dem gegenwärtigen Preisniveau bis Ende 2029 gesichert. Diese Entscheidung bildet eine gute Grundlage, auf der beide Unternehmen gemeinsam mit den beteiligten Verkehrsverbünden weiter daran arbeiten wollen, noch mehr Menschen für das attraktive ÖPNV-Angebot und damit für einen Umstieg auf die Schiene zu gewinnen. „Wir bringen mehr Fahrgäste in die Verbünde und leisten somit einen wichtigen Beitrag zur Mobilitätswende und damit auch zum Klimaschutz“, betont Managing Consultant Stefanie Leicht, die das Deutschlandticket.de-Projekt auf der Seite der Unternehmensberatung in der Entwicklungs- und Startphase verantwortlich geleitet und begleitet hat.

Interview mit Isabella Firlle, Projektleiterin ‚Deutschlandticket.de‘ und Mitglied der Geschäftsleitung der Transdev Vertrieb GmbH

Isabella Firlle, Projektleiterin ‚Deutschlandticket.de‘ und Mitglied der Geschäftsleitung der Transdev Vertrieb GmbH
Isabella Firlle, Projektleiterin ‚Deutschlandticket.de‘ und Mitglied der Geschäftsleitung der Transdev Vertrieb GmbH

Frau Firlle, wann hatten Sie den Online-Shop ‚Deutschlandticket.de‘ genau gestartet?

Live gegangen ist die Webseite Anfang Dezember 2022. Damals war noch nicht klar, wann das Ticket tatsächlich startet. Wir haben Interessierten so aber die Möglichkeit gegeben eine Vorbestellung aufzugeben.

Wie kam es dazu, dass der hierzulande ja relativ unbekannte Anbieter Transdev Vertrieb diesen zentralen Online-Vertriebskanal für das bundesweite Nahverkehrsticket gestartet hatte?

Die Transdev ist in Deutschland der größte private Mobilitätsanbieter, wir haben seit der Gründung der Transdev Vertrieb 2016 viele Erfahrungen im Bereich Verkauf von Fahrscheinen für den ÖPNV sammeln können. Als klar war, dass das 9-Euro-Ticket weiterentwickelt und als echte Revolution unter dem Namen Deutschlandticket auf den Markt kommen soll, wollten wir unbedingt dabei sein. Wir hatten durch viele andere Projekte bereits Erfahrungen im E-Commerce, aber auch digitalem Ticketing gesammelt und wussten sofort, dass wir, um erfolgreich zu sein, eine gute URL benötigen. Denn Sie haben Recht, Transdev ist in Deutschland (im Gegensatz zu Frankreich, wo der Hauptsitz des weltweiten Konzerns ist) relativ unbekannt – vor allem bei den Endkunden.

Wie viel Entwicklungszeit und Erfahrung aus dem ursprünglich geplanten Jobticket Onlineshop steckt denn in Ihrem ‚Deutschlandticket.de‘-Portal?

Bereits bevor es deutschlandticket.de gab, arbeiteten wir bereits an der Umsetzung einer Geschäftsidee, die letztlich durch die Einführung des Deutschlandtickets obsolet wurde: Wir wollten für große Arbeitgeber die mannigfaltige Jobticketangebote der über 60 Verkehrstarifanbieter vereinfachen, in dem wir einen Webshop bauen, der alle Tarife integriert und somit Angebote passend nach der Postleitzahl des Arbeitnehmenden anzeigt. An einige der Konzeptionen konnten wir dann nahtlos für deutschlandticket.de anknüpfen.

Gestartet mit der Entwicklung sind wir im Oktober 2022, nach dem Live-Gang im Dezember waren wir noch längst nicht fertig. Kurz vor dem eigentlichen Beginn der Ticketgültigkeit, im April 2023 launchten wir die App. Der Webshop war weitestgehend fertig, aber die Hintergrundprozesse steckten noch in der Entwicklung, einen Zahlungsdienstleister haben wir erst im August 2023 angebunden. So richtig fertig ist man bei so einem Projekt nie.

Was waren für Sie die größten Herausforderungen bei der Entwicklung und dem Start des ‚Deutschlandticket.de‘-Shops? 

Wir haben den Webshop parallel zu den politischen Diskussionen entwickelt. Es hat relativ lange gedauert bis klar war, wie die einzelnen Bedingungen rund um das Ticket konkret aussehen: Kündigungsfristen, Gültigkeit, Ausgabeformat etc. Teilweise mussten unsere Hintergrundprozesse ad hoc angepasst werden. 

Leider hat der Erfolg des Tickets auch Betrüger auf die Idee gebracht, damit Geld zu verdienen. Wie alle in der Branche hat auch uns die Professionalität und Komplexität der Betrugsfälle zuerst kalt erwischt. Ein Webshop soll zuallererst zur Kundengewinnung genutzt werden, diesen parallel gegen betrügerische Angriffe zu schützen, war eine Herausforderung.

Aus welchem Grund hatten Sie bei diesem ambitionierten Projekt mit der Unternehmensberatung ONE Business & Technology zusammengearbeitet und wie zufrieden sind Sie insgesamt mit dieser inzwischen langjährigen Zusammenarbeit? 

Sowohl bei dem Jobticket-Projekt als auch bei der Umsetzung des Deutschlandticket.de-Webshops haben wir kurzfristig Expertise und Know-how im Bereich Projektmanagement und -leitung, Entwicklung & Konzeption aber auch Dienstleistersteuerung benötigt. Bei ONE wissen wir, dass wir mit Profis zusammenarbeiten, die sich schnell und effizient einarbeiten und genau dort helfen, wo wir gerade Unterstützung brauchen. Das ist absolut wertvoll. Die Zusammenarbeit erfolgt auf Augenhöhe und alles wird dem Projektziel untergeordnet. So eine Partnerschaft ist absolut wertvoll.

Quelle: UD/cp
 

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