Wirtschaft & Strategie

Werkzeug da, Geschäftsmodell fehlt: Neue Toolbox soll KMU in die Kreislaufwirtschaft führen

Die Hochschule Reutlingen hat im EU-Projekt DECIDE eine digitale Toolbox für zirkuläre Geschäftsmodelle mitentwickelt. Sie richtet sich vor allem an kleine und mittlere Unternehmen und bleibt nach Projektende frei zugänglich. Der Zeitpunkt ist günstig: Brüssel bereitet den Circular Economy Act vor, während Europas Zirkularitätsquote seit Jahren kaum vorankommt.

10.08.2026

Werkzeug da, Geschäftsmodell fehlt: Neue Toolbox soll KMU in die Kreislaufwirtschaft führen

Mit dem Abschluss des Forschungsprojekts DECIDE – Digital Services for Circular Economy steht Unternehmen, Wirtschaftsförderungen und regionalen Entwicklungseinrichtungen ein neues digitales Instrument zur Verfügung. Die DECIDE Toolbox bündelt Methoden, digitale Werkzeuge und Lernmaterialien auf einer Plattform. Nutzer sollen damit zirkuläre Potenziale identifizieren, Geschäftsmodelle entwickeln, Wertschöpfungsketten analysieren, Auswirkungen simulieren sowie Umsetzung und Monitoring planen können. Entwickelt wurde die Toolbox von 16 Partnern aus 10 Ländern des Donauraums, gefördert im Rahmen des Interreg Danube Region Programme der Europäischen Union.

Die Hochschule Reutlingen verantwortete dabei zwei Bausteine: die Modellierung zirkulärer Geschäftsmodelle sowie die Entwicklung und Integration der Toolbox selbst, in der Ergebnisse aus mehreren Pilotprojekten zusammenlaufen. Federführend war das Herman Hollerith Zentrum der Hochschule. „Mit der DECIDE Toolbox ist ein praxisnahes Werkzeug entstanden, das Unternehmen dabei unterstützt, den Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft systematisch zu gestalten. Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie Forschungsergebnisse erfolgreich in konkrete Anwendungen überführt werden können“, erklärt Prof. Dr. Dieter Hertweck vom Herman Hollerith Zentrum.

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Modular statt Methodenmonolith

Der Aufbau ist modular gehalten. Einzelne Werkzeuge lassen sich bedarfsgerecht nutzen oder zu einem durchgängigen Prozess kombinieren – von der ersten Geschäftsidee bis zur Bewertung ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Auswirkungen. Adressiert werden neben kleinen und mittleren Unternehmen auch Start-ups, Wirtschaftsförderungen, Clusterorganisationen und öffentliche Einrichtungen. Dass die Plattform nach Projektende öffentlich verfügbar bleibt, unterscheidet sie von vielen geförderten Vorhaben, deren Ergebnisse mit der letzten Mittelauszahlung aus dem Netz verschwinden.

Der Bedarf ist unstrittig. Viele Unternehmen scheitern nicht an der Idee, sondern an der Frage, ob sich eine zirkuläre Variante ihres Geschäftsmodells rechnet – etwa wenn Vermietung statt Verkauf die Erlöse zeitlich streckt oder Rücknahmesysteme Logistikkosten erzeugen, die sich erst nach Jahren amortisieren. Solche Effekte lassen sich simulieren, bevor Kapital gebunden wird.

Regulatorisch rückt das Thema näher

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung fällt in eine Phase, in der die Kreislaufwirtschaft regulatorisch an Gewicht gewinnt. Die EU-Kommission hat einen Circular Economy Act angekündigt, der den Rechtsrahmen für zirkuläres Wirtschaften im Binnenmarkt schaffen soll; ein Vorschlag wird für das zweite Halbjahr 2026 erwartet. Im Zentrum stehen der Abbau von Binnenmarkthürden für Abfall- und Sekundärrohstoffströme sowie die geringere Abhängigkeit von Rohstoffimporten. Konkrete Pflichten entstehen erst aus dem Gesetzgebungsverfahren – derzeit ist der Rechtsakt vor allem ein Thema der strategischen Vorbereitung.

Der Handlungsdruck lässt sich beziffern. Zwischen 2010 und 2024 stieg der Anteil im Kreislauf geführter Materialien in der EU nach Kommissionsangaben lediglich um rund 1,5 Prozentpunkte. Das für 2030 gesetzte Ziel einer Zirkularitätsrate von 24 Prozent rückt damit in weite Ferne. Werkzeuge allein werden diese Lücke nicht schließen.

Die eigentliche Hürde liegt hinter der Toolbox

Denn an Methodensammlungen für zirkuläre Geschäftsmodelle herrscht in Europa kein Mangel; Förderprogramme haben in den vergangenen Jahren eine ganze Landschaft davon hervorgebracht. Der Engpass liegt seltener im Werkzeug als in den Voraussetzungen: verlässliche Materialdaten aus der eigenen Lieferkette, funktionierende Märkte für Rezyklate und eine Kalkulation, die längere Amortisationszeiten aushält. Ob die DECIDE Toolbox über den Kreis der Projektbeteiligten hinaus Anwender findet, dürfte davon abhängen, wie intensiv sie gepflegt und in die Beratungsarbeit von Kammern und Wirtschaftsförderungen eingebunden wird. Der Einstieg ist immerhin niedrigschwellig: Die Plattform ist frei zugänglich, wissenschaftlicher Ansprechpartner ist Prof. Dr. Dieter Hertweck.

Quelle: UD
 

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