Wenn der Schutz vor Rost selbst zum Risiko wird
Korrosion vernichtet weltweit Werte in Höhe von bis zu 875 Milliarden US-Dollar, die vermeidbar wären – das zeigt eine aktuelle Studie von AkzoNobel Interpon unter 1.000 Führungskräften der Fertigungsindustrie. Während die Kosten steigen, gerät ausgerechnet die Chemie, die vor Rost schützen soll, ins Visier der EU-Regulierung: PFAS-haltige Korrosionsschutzadditive stehen vor dem Aus.
24.08.2026
Rost war lange ein stiller Kostenfaktor, den Industrieunternehmen achselzuckend einkalkulierten. Das ändert sich gerade grundlegend. Die von Coleman Parkes im Auftrag von AkzoNobel Interpon durchgeführte globale Studie befragte Hersteller aus der Automotive-Industrie, der Industrie, dem Rohr- und Armaturenbau sowie dem Landmaschinenbau in Nordamerika und Europa, darunter Deutschland. Ihr Befund: Intelligenterer Korrosionsschutz ist längst keine Nischenfrage mehr, sondern eine der größten ungenutzten Effizienzreserven der Branche.
Für Deutschland liefert das Deutsche Lackinstitut die griffige Zahl dazu: 220.000 Euro Schäden entstehen an heimischen Bauwerken pro Minute durch Korrosion, das macht rund 120 Milliarden Euro im Jahr. Das Max-Planck-Institut kommt bei weiter gefasster Folgekostenrechnung sogar auf bis zu 150 Milliarden Euro. Sichtbar wird das Problem etwa an den rund 4.900 Stahlbrücken der Deutschen Bahn mit einem Durchschnittsalter von 86 Jahren, für die 2024 das technische Regelwerk ZTV-ING 4-3 verschärft wurde.
Während der wirtschaftliche Druck wächst, entzieht die EU der Branche gleichzeitig einen Teil ihres bewährten Werkzeugkastens. Mit der REACH-Verordnung (EU) 2024/2462 greifen ab dem 10. April 2026 und 10. Oktober 2026 erste Beschränkungen für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS), die auch in Schmierstoffen und Korrosionsschutzadditiven eingesetzt werden. Ein umfassenderes PFAS-Verbot prüft die ECHA derzeit in einem eigenen SEAC-Verfahren, eine Entscheidung der EU-Kommission wird Ende 2026 oder Anfang 2027 erwartet. Fachartikel nennen Schmierstoffhersteller bereits explizit als Branche, die jetzt Substitutionsprojekte mit ihren Lieferanten anstoßen muss, um nicht von den gestaffelten Übergangsfristen überrascht zu werden.
Die Industrie antwortet mit einem Strategiewechsel, der sich längst in Marktzahlen niederschlägt. Der globale Markt für biobasierte und biologisch abbaubare Schmierstoffe wächst mit Raten zwischen 6 Prozent und 9 Prozent pro Jahr, angetrieben von der EU-Ecolabel-Vorgabe für wassernahe Hydraulikanwendungen und dem US-amerikanischen Vessel General Permit. Europa hält daran mit rund einem Drittel Marktanteil den größten Anteil – ein Effekt strenger Umweltauflagen, aber inzwischen auch der PFAS-Substitution selbst. Parallel etablieren sich Alternativen wie Eisenglimmer als Ersatz für Zinkstaub im Beschichtungsschutz oder wasserlösliche, PFAS-freie Additivserien.
Wie konkret dieser Umbau in der Praxis aussieht, zeigt sich bei mittelständischen Spezialisten wie der Hermann Bantleon GmbH aus Ulm. Das seit rund 100 Jahren tätige Familienunternehmen mit rund 250 Mitarbeitenden deckt neben Hochleistungsschmierstoffen auch Korrosionsschutzsysteme und VCI-Verpackungslösungen ab und hat mit „KSS-Online 4.0“ ein digitales Fluidmanagement-Tool entwickelt, das Verbrauch und Kosten je Maschine transparent macht. Das Unternehmen verortet Nachhaltigkeit als strategische Säule und engagiert sich zusätzlich in Projekten zu Artenvielfalt, Aufforstung und CO₂-Kompensation – ein Beispiel dafür, dass sich Effizienzversprechen und Substitutionsdruck in der Praxis längst überlagern.
Der nächste Wendepunkt zeichnet sich bereits ab: Fällt die EU-Kommission Ende 2026 oder Anfang 2027 ihre Entscheidung zum umfassenden PFAS-Verbot, dürfte sich der Innovationsdruck auf die gesamte Schmierstoffindustrie noch einmal deutlich verschärfen.