Wall Street setzt auf Geothermie
Fervo Energy hat sein Börsendebüt an der Nasdaq gegeben und will damit bis zu 1,8 Milliarden Dollar einsammeln – eines der größten IPOs in der Geschichte erneuerbarer Energien in den USA. Das Signal kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Trump-Regierung den Inflation Reduction Act weitgehend demontiert hat. Dennoch: Der Kapitalmarkt wettet auf saubere Energie.
30.06.2026
Als Fervo Energy erstmals unter dem Kürzel FRVO an der Nasdaq notierte, zeigte sich, wie weit sich die Kapitalströme von der Politik entkoppelt haben. Das texanische Unternehmen hatte ursprünglich 55,6 Millionen Aktien zu 21 bis 24 Dollar ausgegeben – und erhöhte das Angebot kurz darauf auf 70 Millionen Aktien zu 25 bis 26 Dollar, was das Unternehmen mit 7,4 Milliarden Dollar bewertet. Zu den Investoren zählen Bill Gates’ Breakthrough Energy Ventures und Alphabet, die Muttergesellschaft von Google, die Fervo-Strom bereits für ihre Rechenzentren unter Vertrag genommen hat.
„Das ist eine sehr, sehr große Sache“, sagte Gernot Wagner, Klimaökonom an der Columbia Business School. „Geld spricht.“ Fervo nutzt für seine Anlagen horizontale Bohrtechnik und Glasfasersensorik – Methoden, die aus der Öl- und Gasindustrie stammen und nun erstmals auf Tiefengeothermie übertragen werden. Das soll die Stromgestehungskosten von 7.000 auf langfristig 3.000 Dollar pro Kilowatt drücken. In Nevada hat Fervo die Technologie bereits erfolgreich demonstriert, in Utah entsteht gerade die Anlage Cape Station mit einer Kapazität von mehr als 100 Mal dem bisherigen Nevada-Output – der Betrieb soll noch 2026 starten.
Die Energie-Marktlage spielt dem IPO in die Hände: Der KI-Boom hat den US-Strombedarf in die Höhe getrieben, der Iran-Krieg die Energiepreise. Geothermie liefert Grundlaststrom, der unabhängig von Wetter und Tageszeit fließt – ein klarer Vorteil gegenüber Solar und Wind. „Wenn Fervo zeigt, dass mit dieser Technologie Geld zu verdienen ist“, so Wagner, „wird das weit über die Advanced-Geothermal-Community hinaus Aufmerksamkeit erzeugen.“
Doch Skepsis bleibt angebracht. Rob Gramlich, Präsident der Beratungsfirma Grid Strategies, bremst: „Sie sind auf großem Maßstab noch nicht angekommen. Geothermie ist eine großartige Option für 2040 und 2050.“ Und Zainab Gilani, Geothermieanalystin beim Forschungsunternehmen Cleantech Group, verweist auf das grundlegende Problem: Geeignete Geologie zu finden und tief genug zu bohren, um Strom im Versorgungsmaßstab zu erzeugen, ist technisch anspruchsvoll und kostspielig. Die Technologieinnovation vergrößert zwar das erschließbare Potenzial – aber der Weg zur Kostenwettbewerbsfähigkeit wird Jahre dauern.
Ungeachtet dessen sieht Jigar Shah, früherer leitender Beamter im US-Energieministerium und heute Geschäftsführer der Investmentfirma Multiplier, im Fervo-IPO ein Zeichen einer strukturellen Verschiebung: „Es gibt ein wachsendes Vertrauen in unseren Sektor. Lange haben wir uns wie alternative Energie verhalten. Aber wenn man 90 Prozent aller Neukapazitäten im Netz stellt, ist man keine Alternative mehr.“ Kurz vor Fervo hatte zudem der amazongestützte Kernreaktorentwickler X-Energy mit seinem Börsengang eine Milliarde Dollar eingesammelt und wird mit über neun Milliarden Dollar bewertet. Der Kapitalmarkt schreibt die Klimapolitik, die Washington gerade abbaut, auf seine eigene Weise fort.