Sklaverei auf See: Studie zeigt Arbeitsausbeutung der globalen Fischerei
Hinter dem nachhaltigen Etikett auf der Fischpackung verbergen sich systematische Menschenrechtsverletzungen: Schuldknechtschaft, einbehaltene Pässe, Gewalt und monatelange Isolation auf See. Eine neue Übersichtsstudie der kanadischen Dalhousie University wertet 51 wissenschaftliche Arbeiten aus und kommt zu einem klaren Befund: Arbeitsausbeutung ist kein Einzelfall, sondern Strukturmerkmal der globalen Fischerei.
03.08.2026
Die Bilder kennt die Öffentlichkeit aus zahlreichen Reportagen: Besatzungsmitglieder, die monatelang an Bord festgehalten werden, Heuern, die nie gezahlt werden, beschlagnahmte Pässe, Gewalt und Aussetzung in fremden Häfen. Doch was nach Einzelfall klingt, ist nach einer aktuellen Forschungsbilanz Teil eines globalen Geschäftsmodells. Vier Wissenschaftler der Dalhousie University in Kanada haben in einer systematischen Übersichtsarbeit 51 begutachtete Studien zu Arbeitsausbeutung in der Hochseefischerei ausgewertet und ihre Ergebnisse im Magazin Dialogue Earth zusammengefasst.
Die Bilanz ist ernüchternd. Auch zehn Jahre nach den Enthüllungen über sklavereiähnliche Zustände auf thailändischen Fangschiffen habe sich nicht annähernd genug verändert. Arbeitsausbeutung sei kein Aneinanderreihen von Einzelskandalen, sondern ein Strukturmerkmal der globalen Seafood-Wirtschaft – getrieben von Überfischung und Marktdruck, ermöglicht durch schwache Governance und gestützt auf den gezielten Einsatz von Wanderarbeitern.
Die wirtschaftliche Logik dahinter ist simpel: Sinkende Fangmengen, steigende Treibstoffkosten und der globale Preisdruck auf billigen Fisch zwingen Reedereien dazu, Kosten zu senken. Den größten Spielraum bietet dabei die Lohnseite. Wanderarbeiter geraten oft schon vor Antritt der Fahrt durch Vermittler und Vorschüsse in Schuldfallen. Sprachbarrieren, fehlende Papiere und Isolation auf See verhindern dann den Ausstieg – der Ozean selbst wird so zum Teil der Kontrollmaschinerie, so die Studienautoren.
Bemerkenswert ist auch die enge Verzahnung von illegaler Fischerei und Arbeitsrechtsverletzungen. Schiffe, die Quoten oder Umladestopps umgehen, ignorieren häufig auch Arbeitsstandards. „Es gibt keinen wirklich nachhaltigen Fisch, der nicht auf menschlichem Leid aufgebaut ist“, konstatiert das Forscherteam um Matthew A. Schnurr, Professor für Internationale Entwicklungsstudien an der Dalhousie University. Das stelle gängige Zertifizierungssysteme wie das des Marine Stewardship Council und freiwillige Selbstverpflichtungen großer Handelsketten vor ein Glaubwürdigkeitsproblem: Konzerne investierten mehr Aufwand in die Rückverfolgbarkeit des Fisches als in den Schutz derer, die ihn fangen.
Bisherige Recherchen konzentrierten sich vor allem auf Süd- und Ostasien – Thailand, Taiwan, Indonesien, Kambodscha, die Philippinen, Myanmar und Südkorea. Die Forscher warnen jedoch davor, Ausbeutung als rein asiatisches Problem zu verstehen. Große Teile des Atlantiks, Afrikas, des Indischen Ozeans und der Amerikas seien in der englischsprachigen Fachliteratur kaum dokumentiert – nicht weil dort weniger geschehe, sondern weil weniger hingeschaut werde. Studien zum Golf von Guinea belegen, dass illegale Fischerei dort Existenzgrundlagen und Ernährungssicherheit ganzer Küstenregionen unterminiert.
Für europäische Importeure und Handelsketten verschiebt sich damit die Verantwortung. Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz und die EU-Richtlinie CSDDD verlangen die Identifikation und Minderung menschenrechtlicher Risiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette – auch auf hoher See. Wer Fischprodukte aus Hochrisikoregionen bezieht, muss systematisch nachweisen, dass Audits und Zertifikate die strukturellen Probleme tatsächlich adressieren und sich nicht in Papierform erschöpfen.
Konkret fordern die Wissenschaftler, Arbeitsstandards in die Fischereigovernance einzubauen, statt sie als bloßes Sozialthema anzuhängen: vertrauliche Beschwerdemechanismen in Häfen, an Lizenzauflagen gekoppelte Sorgfaltspflichten und eine erweiterte Mandatierung der Regionalen Fischereimanagement-Organisationen (RFMOs). Auch die Berichterstattung selbst gerät auf den Prüfstand: Statt einzelner Täterprofile gelte es zu fragen, welche Märkte das Geschäftsmodell ermöglichen und welche Kontrollsysteme versagen. Bis dahin bleibt das Label „nachhaltig“ auf der Fischpackung ein Versprechen mit blinden Flecken.