Machen Zwischenhändler die Chemie grüner – oder etikettieren sie nur um?
Brenntag, Weltmarktführer in der Chemiedistribution, liefert seinen Kunden seit 2026 Product-Carbon-Footprint-Daten für Chemikalien. Mit 700 Standorten in 78 Ländern ist die Lieferkette zugleich Geschäftsmodell und ESG-Risiko. Die Iran-Krise hat gezeigt, wie schnell Resilienz und Klimaziele in Konflikt geraten.
25.08.2026
Wenn die Lieferkette das Produkt ist, wird Nachhaltigkeit zur Existenzfrage. Brenntag, mit über 17.000 Mitarbeitenden und einem Netzwerk von mehr als 700 Standorten in 78 Ländern der weltweit größte Chemiedistributor, hat das erkannt. Das Unternehmen stellt seinen Kunden Product-Carbon-Footprint-Daten zur Verfügung, ist Mitglied der Brancheninitiative „Together for Sustainability“ (TfS) und hat sich Netto-Null-Emissionen bis 2045 zum Ziel gesetzt.
Die Parallele zur Stahldistribution ist auffällig. Wie Klöckner & Co mit Nexigen bietet Brenntag seinen Kunden Transparenz über den CO₂-Fußabdruck der gehandelten Produkte. Und wie bei Klöckner stellt sich die Frage: Macht der Distributor die Chemie grüner – oder verteilt er lediglich ein Label über Produkte, deren ökologische Bilanz er nicht selbst kontrolliert? Brenntag produziert keine Chemikalien. Das Unternehmen kauft sie von Herstellern wie BASF, Evonik oder Dow und liefert sie an industrielle Abnehmer. Der Nachhaltigkeitsbeitrag liegt in der Auswahl, der Logistik und der Datentransparenz – nicht in der Produktion selbst.
Diese Grenze wurde 2026 besonders deutlich. Die Sperrung der Straße von Hormus infolge der Iran-Krise hat die globalen Chemielieferketten massiv belastet. Steigende Rohstoffpreise, unterbrochene Lieferwege und der Druck, Versorgungssicherheit über Klimaziele zu stellen, haben das Spannungsfeld zwischen Resilienz und Nachhaltigkeit offengelegt. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hat seine Jahresprognose für 2026 zurückgezogen.
Andreas Kicherer, Vice President Sustainability bei der Brenntag Group, formulierte den Anspruch: „Mit unserem Geschäftsmodell werden wir in verschiedenen Bereichen gleichzeitig einen einzigartigen ESG-Beitrag leisten.“ Der Beitrag ist real – aber er ist strukturell begrenzt. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) und die europäische CSDDD treffen Brenntag mit voller Wucht, weil die globale Lieferkette nicht nur Vertriebskanal, sondern Kerngeschäft ist. Die Berichtspflicht mag durch das Omnibus-Paket gelockert worden sein, die Sorgfaltspflichten selbst bleiben.
Die REACH-Revision wird die Anforderungen weiter verschärfen: strengere Stoffbeschränkungen, erweiterte Registrierungspflichten und ein wachsender Dokumentationsaufwand entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Für einen Distributor, dessen Wertversprechen in der effizienten Verbindung von Produzent und Abnehmer liegt, wird die regulatorische Komplexität zum Geschäftsmodell-Test. Wer die Daten hat und sie zuverlässig bereitstellen kann, hat einen Wettbewerbsvorteil. Wer sie nicht hat, wird zum Risiko für seine Kunden.
Die Chemiedistribution steht damit vor der gleichen Grundsatzfrage wie die Stahldistribution: Reicht Transparenz als Klimabeitrag, oder braucht es den Nachweis, dass die verteilten Produkte tatsächlich nachhaltiger geworden sind – und nicht nur besser dokumentiert?