Wirtschaft & Strategie

Lithium, Kobalt, Nickel: UNCTAD warnt vor Fragmentierung beim Wettlauf um kritische Rohstoffe

Die Nachfrage nach Lithium, Kobalt, Nickel und Graphit treibt den Welthandel in eine neue Phase: Bis 2040 könnte sich der Bedarf mehr als vervierfachen. Die UN-Handels- und Entwicklungsorganisation UNCTAD warnt in zwei aktuellen Berichten vor einer Fragmentierung der Lieferketten – und zeigt am Beispiel Madagaskars, wie aus Rohstoffreichtum Arbeit und Industrie werden können.

20.07.2026

Lithium, Kobalt, Nickel: UNCTAD warnt vor Fragmentierung beim Wettlauf um kritische Rohstoffe

Energiewende, Digitalisierung und Elektromobilität verschieben das Machtgefüge des Welthandels. Im Global Trade Update vom Juni 2026 analysiert UNCTAD, wie sich die Handelsströme rund um Kupfer, Nickel, Lithium, Kobalt und Seltene Erden verändern. Die Botschaft ist eindeutig: Wer den Zugang zu diesen Materialien kontrolliert, prägt die nächste Phase industrieller Wertschöpfung – von Batteriespeichern und Elektrofahrzeugen über erneuerbare Energien bis hin zu Halbleitern und Rechenzentren.

Die Nachfrage steigt drastisch. Allein für Lithium prognostiziert UNCTAD bis 2040 ein Wachstum von mehr als 350 Prozent, für Graphit von rund 130 Prozent. Förder- und vor allem Verarbeitungskapazitäten sind dagegen stark konzentriert: 2025 entfielen 74 Prozent der globalen Kobaltförderung auf die Demokratische Republik Kongo, 78 Prozent des Naturgraphits auf China. Mehr als 70 Prozent des Lithiums kommen aus Australien, Chile und China. Indonesien stellt 43 Prozent der weltweiten Nickel-Raffineriekapazität.

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Diese Asymmetrien rufen die Handelspolitik auf den Plan. Seit 2020 haben Regierungen weltweit nahezu 100 exportbezogene Maßnahmen für kritische Rohstoffe eingeführt – von Lizenzpflichten über Ausfuhrsteuern bis hin zu Exportverboten. Besonders aktiv sind die Demokratische Republik Kongo, China und Indonesien. Hinzu kommen 73 internationale Rohstoff-Partnerschaften, von denen allein 58 seit 2022 unterzeichnet wurden. Die Verträge decken zunehmend die gesamte Wertschöpfungskette ab – von der Exploration bis zum Recycling. „Die zentrale Frage lautet, ob kritische Rohstoffe zur nächsten Quelle der Fragmentierung werden – oder zur Grundlage einer widerstandsfähigeren und integrativeren globalen Kooperation“, fasst UNCTAD das Spannungsfeld zusammen.

Wie ein anderer Weg aussehen kann, zeigt eine ergänzende UNCTAD-Studie zu Madagaskar vom Juni 2026. Das vom Inselstaat geförderte Nickel, Kobalt, Graphit und Ilmenit landet bisher überwiegend als Rohware in den Häfen Asiens und Europas. Die UNCTAD-Analyse identifiziert 124 Vorrangprodukte in acht Sektoren, deren lokale Verarbeitung rund 20.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze schaffen könnte – mehr als 8.500 davon allein im Bekleidungs- und Textilbereich. Bemerkenswert ist die soziale Dimension: In den priorisierten Sektoren stellen Frauen rund 52 Prozent der direkten Beschäftigung.

„Madagaskars kritische Rohstoffe für die Energiewende sind ein wichtiges Gut, aber sie sind nur der Ausgangspunkt“, sagte Pedro Manuel Moreno, geschäftsführender UNCTAD-Generalsekretär, bei der Berichtsvorstellung in Antananarivo. „Die eigentliche Chance liegt darin, stärkere Verbindungen zwischen diesen Ressourcen und der übrigen Wirtschaft aufzubauen – durch lokale Verarbeitung, industrielle Dienstleistungen und neue produktive Tätigkeiten.“ Das Projekt wird unter anderem von der japanischen Regierung finanziert und ist Teil eines breiteren UNCTAD-Programms im südlichen Afrika.

Für deutsche und europäische Unternehmen bedeutet die Entwicklung zweierlei. Erstens steigt der Druck, Lieferketten unter den Vorgaben von CSDDD und dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz robust, transparent und überprüfbar aufzustellen. Zweitens werden faire Beteiligungs- und Wertschöpfungsmodelle in Förderländern zum strategischen Wettbewerbsfaktor – nicht nur ethisch, sondern auch zur Sicherung des Zugangs. Wer langfristig liefern lassen will, muss vor Ort mit aufbauen. Andernfalls droht das, wovor UNCTAD ausdrücklich warnt: ein zersplittertes System aus parallelen Abkommen, das Investitionen verteuert und die Energiewende verlangsamt.

Quelle: UD
 

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