Wirtschaft & Strategie

Grüner Wasserstoff aus dem Nahen Osten: Europas Hoffnung, Chinas Baustelle

Die MENA-Region entwickelt sich zum globalen Knotenpunkt für grünen Wasserstoff. Mit Sonne und Wind im Überfluss, chinesischer Bautechnik und europäischer Nachfrage entsteht eine Dreiecksbeziehung – deren schwächstes Glied die fehlenden Abnahmeverträge sind. Die IEA prognostiziert eine Verdreifachung der erneuerbaren Kapazitäten in der Region bis 2030.

28.09.2026

Grüner Wasserstoff aus dem Nahen Osten: Europas Hoffnung, Chinas Baustelle

Wasserstoff, der mit erneuerbaren Energien hergestellt wird, gilt als Schlüsseltechnologie für die Dekarbonisierung von Schwerindustrie und Transport. Die Region Naher Osten und Nordafrika (MENA) bringt dafür ideale Voraussetzungen mit: Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) soll sich die erneuerbare Kapazität dort zwischen 2023 und 2030 von 53 auf fast 150 Gigawatt verdreifachen. Einige Großprojekte zielen auf Produktionskosten von unter drei US-Dollar pro Kilogramm. Das wären laut Youssef Naim vom Beratungsunternehmen DNV „die niedrigsten Gestehungskosten für Wasserstoff weltweit“. Zum Vergleich: In der EU lagen die Kosten 2023 bei knapp neun US-Dollar, in China laut Dialogue Earth zwischen 3,1 und 6,8 US-Dollar pro Kilogramm. Neben den Kostenvorteilen profitiert die Region von ihrer geografischen Nähe zu Europa. Konkurrierende Exporteure aus dem übrigen Afrika, Australien oder Lateinamerika müssten „deutlich längere Versandwege für jede Ladung einkalkulieren“, erklärt Naim. Da die Umwandlung von Wasserstoff für den Transport Energieverluste von 40 bis 70 Prozent verursache, sei Distanz ein entscheidender Kostenfaktor.

Europas Rolle in diesem Gefüge ist die des Hauptabnehmers. Die EU rechnet bis 2050 mit einem Verbrauch von bis zu 68 Millionen Tonnen jährlich, gegenüber 7,3 Millionen Tonnen 2023. Geplante Pipelines wie der SoutH2 Corridor sollen Nordafrika über Italien mit Österreich und Deutschland verbinden, ein weiterer Korridor soll Oman ab 2030 mit den Niederlanden und Deutschland vernetzen. „Der weltweit größte Markt für grünen Wasserstoff wird wahrscheinlich in Europa liegen, und der einzige Weg dorthin führt über die MENA-Länder“, sagt Mathias Larsen, Senior Policy Fellow am Grantham Research Institute der London School of Economics. Angesichts des europäischen Bestrebens, die Abhängigkeit von China zu verringern, sei MENA „der logischste Produktionsstandort“, bestätigt Isadora Wang vom Think-Tank Transition Asia.

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China wiederum liefert Technologie und Ingenieursleistung. Im ersten Halbjahr 2026 stand der Nahe Osten mit 36,5 Milliarden US-Dollar an der Spitze chinesischer Bauengagements im Ausland, die Sektoren von Transportinfrastruktur über Energiespeicher bis zu Versorgungsunternehmen umfassten. Der Staatskonzern Sinopec investiert in Saudi-Arabiens Yanbu-Projekt, das 400.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr produzieren soll. Weitere chinesische Beteiligungen laufen in Marokko mit einem Projekt für 1,4 Millionen Tonnen grünes Ammoniak jährlich und in Oman mit einer Anlage für 300 Tonnen grünes Ammoniak pro Tag. „Chinesische Unternehmen wissen, dass der Wert des Verkaufs von grünem Wasserstoff nach Europa immens groß ist“, erklärt Larsen. Die Beteiligung an MENA-Projekten diene als Tor zum europäischen Markt. Zugleich passe das Engagement in Chinas „energiepolitisches Gesamtbild“ der Förderung grüner Energie, so Wang. Chinas Wasserstoffplan für 2021–2035 listet grünen Wasserstoff als „neue Frontier“, einschließlich globaler Exporte. Die „realistischere Lesart“ sei allerdings, „dass die China-MENA-Beziehung beim Wasserstoff über Technologie und Engineering läuft, die in die Region fließen“, betont Naim.

Doch das Dreieck hat ein strukturelles Problem: Es fehlen verbindliche Abnahmeverträge. Nach DNV-Daten hat nur ein Drittel der weltweit über 1.500 angekündigten Wasserstoffprojekte eine endgültige Investitionsentscheidung erreicht. „Der häufigste Grund ist die Schwierigkeit, verlässliche Abnehmer zu sichern“, erklärt Naim. In der MENA-Region sei dieses Problem wegen der geringen Inlandsnachfrage und der hohen Exportabhängigkeit noch ausgeprägter als im globalen Durchschnitt. Verschärft wird die Lage durch widersprüchliche Signale aus Europa. Die EU hatte 2020 und 2022 ehrgeizige Ziele für erneuerbaren Wasserstoff formuliert – 10 Millionen Tonnen Eigenproduktion und 10 Millionen Tonnen Import bis 2030. Dann aber öffnete Brüssel einen separaten Rahmen für „kohlenstoffarmen Wasserstoff“ aus fossilen Quellen, solange dieser 70 Prozent weniger Emissionen verursacht als ungeminderte fossile Brennstoffe. Larsen sieht dahinter die Sorge, „dass die hohen Standards für grünen Wasserstoff die Produktionskosten erhöhen und der europäischen Industrie schaden könnten, die ohnehin von China und anderen unter Druck steht“.

Saudi-Arabiens Vorzeigeprojekt NEOM reagierte auf die Absatzprobleme pragmatisch. Nachdem sich die geplanten 600 Tonnen Wasserstoff pro Tag ab 2027 schwer vermarkten ließen, schloss NEOM im Juli einen Vertrag mit dem globalen Düngemittelproduzenten Yara über rund 1,2 Millionen Tonnen grünes Ammoniak pro Jahr – die transportfähige und am Zielort direkt einsetzbare Form. Wang sieht zudem ungenutztes Potenzial im Heimatmarkt: Nordafrika müsse derzeit Düngemittel importieren, um seine Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Lokal produzierter grüner Wasserstoff als Rohstoff für Ammoniakdünger könnte, mit staatlicher Unterstützung, einen bedeutenden Binnenmarkt schaffen und zugleich die Ernährungssouveränität stärken.

Quelle: UD

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