Grüner Stahl vom Zwischenhändler: Was der CBAM-Start für die Stahldistribution bedeutet
Klöckner & Co vermarktet unter der Marke „Nexigen“ CO₂-reduzierten Stahl und wurde dafür zweimal mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Doch Klöckner produziert keinen Stahl. Mit dem Start der vollen CBAM-Zertifikatspflicht stellt sich die Frage: Schafft der Distributor Transparenz – oder verteilt er nur ein knappes Gut um?
24.08.2026
Die Stahlindustrie verursacht nach Schätzungen rund sieben Prozent der globalen CO₂-Emissionen – kaum eine andere Branche steht so im Zentrum der Dekarbonisierungsdebatte. Seit dem 1. Januar 2026 gilt in der EU die volle Regelphase des CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM. Wer mehr als 50 Tonnen Stahl jährlich importiert, muss sich laut Deutscher Emissionshandelsstelle (DEHSt) als zugelassener CBAM-Anmelder registrieren und die „grauen Emissionen" seiner Lieferungen melden – entweder als verifizierte tatsächliche Werte oder als von der EU-Kommission festgelegte Standardwerte. Ab Februar 2027 müssen dafür CBAM-Zertifikate erworben werden, die erste jährliche Abgabe ist zum 30. September 2027 fällig. Der Product Carbon Footprint wandert damit vom freiwilligen Nachhaltigkeitsargument zur regulatorischen Pflichtgröße – und das trifft nicht nur Stahlproduzenten, sondern in besonderem Maß die Distributoren dazwischen.
Genau dort positionieren sich gleich mehrere große, unabhängige Stahlhändler neu. Klöckner & Co hat unter der Marke Nexigen CO₂-reduzierten Stahl mehrerer Hersteller gebündelt, mit eigener PCF-Berechnung und Nachhaltigkeitsberatung für die Lieferkette. Die erste Coil-Lieferung ging an Mercedes-Benz, das Reduktionsziel für Scope 1 und 2 bis 2040 sowie für Scope 3 bis 2050 wurde von der Science Based Targets initiative validiert. Vorstandschef Guido Kerkhoff sagt dazu: „Innovatives und zugleich verantwortungsvolles Handeln spielt eine zentrale Rolle" bei der Neugestaltung der Stahlzukunft.
Klöckner ist damit kein Einzelfall, sondern Teil eines Branchentrends. Auch der Wettbewerber thyssenkrupp Schulte, inzwischen unter dem Namen tk accelis Materials firmierend, hat mit „greenability" ein vergleichbares Angebot aufgebaut: Beratung, digitale Tools und Whitepaper, mit denen Kunden ihre Lieferketten auf CO2-Reduktion und Dokumentation ausrichten sollen. Der Distributor unterscheidet dabei ausdrücklich zwischen den aktuell verfügbaren „CO₂-reduzierten Stählen" und künftigen klimaneutralen Varianten – ein Hinweis darauf, wie unscharf der Begriff „grüner Stahl" in der Praxis noch ist. Auf der Produktionsseite liefert wiederum Salzgitter CO2-reduzierten Stahl an Klöckner: ein Beleg dafür, dass hinter den Distributionsmarken reale Produktionsumstellungen stehen – aber auch dafür, dass die physische Stahlherstellung bei den Hüttenwerken bleibt, während die Kommunikation darüber zunehmend bei den Händlern stattfindet.
Damit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die in der Logistikbranche unter dem Stichwort „Book and Claim" seit Jahren diskutiert wird: Zertifizierung ohne physische Zuordnung zum einzelnen Kunden. Bündelt ein Distributor CO2-reduzierten Stahl mehrerer Hersteller und kommuniziert PCF-Werte, ohne selbst zu produzieren, wächst der Markt für grünen Stahl dadurch tatsächlich – oder wird ein knappes Gut lediglich neu verteilt und teurer verkauft? Die Antwort hängt davon ab, ob die zugrunde liegenden Produktionskapazitäten mitwachsen oder ob mehrere Distributoren um dieselben, begrenzten Mengen an CO2-reduziertem Stahl konkurrieren.
Der CBAM-Start verschärft diese Debatte, weil er PCF-Daten aus der Kür in die Pflicht überführt. Für Importeure zählt künftig nicht mehr nur, ob eine Nachhaltigkeitsmarke gut kommuniziert ist, sondern ob die zugrunde liegende Emissionsberechnung einer regulatorischen Prüfung standhält. Das erhöht den Druck auf alle Marktteilnehmer – Hersteller wie Distributoren –, ihre Datenqualität und Berechnungsmethodik offenzulegen, statt sie als Wettbewerbsvorteil zu verschließen.
Für die Stahldistribution insgesamt ist das ein Wendepunkt. Unternehmen wie Klöckner und tk accelis Materials können zu echten Dekarbonisierungspartnern werden, wenn ihre Transparenz über die eigene Marke hinausreicht und Herstellern wie Kunden gleichermaßen nützt. Sie laufen aber auch Gefahr, zu Vermittlern eines strukturell knappen Guts zu werden, dessen Verteilung sich hinter Nachhaltigkeitskommunikation verbirgt. Der CBAM-Zwang zur Offenlegung realer Emissionsdaten dürfte in den kommenden Monaten zeigen, welche der beiden Lesarten trägt.