Wirtschaft & Strategie

Grüne Jobs – besser als ihr Ruf? Eine ILO-Studie ernüchtert

Grüne Jobs gelten als Versprechen der ökologischen Transformation: gut, sicher und zukunftsfest. Eine neue Studie aus dem Fachjournal der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zeigt am Beispiel Frankreichs das Gegenteil: Im Schnitt sind grüne Jobs schlechter bezahlt und weniger stabil als vergleichbare nichtgrüne Tätigkeiten. Besonders geringqualifizierte Beschäftigte tragen die Kosten des grünen Wandels – auf dem Arbeitsmarkt.

18.06.2026

Grüne Jobs – besser als ihr Ruf? Eine ILO-Studie ernüchtert

Seit der Finanzkrise 2008 gilt das Versprechen guter grüner Jobs als politisches Narrativ der ökologischen Wende. Die ILO prägte damals die Formel, dass grüne Jobs zugleich decent work sein müssten: angemessen entlohnt, sicher, mit Entwicklungsperspektive. Ob das in der Realität stimmt, hat ein Forschungsteam des Lille Centre for Sociological and Economic Research and Studies um Mathis Bachelot und Mathilde Guergoat-Larivière nun erstmals empirisch untersucht – auf Basis der französischen Arbeitskräfteerhebung 2021/22 mit fast 47.000 Befragten. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Grüne Beschäftigte verdienen in Frankreich im Schnitt rund 155 Euro weniger pro Monat als Beschäftigte in nichtgrünen Berufen mit vergleichbaren Qualifikationen. Sie arbeiten seltener in unbefristeten Vollzeitstellen. Ein Vorteil zeigt sich bei den Arbeitszeiten: Schicht-, Nacht- oder Wochenendarbeit ist in grünen Jobs seltener. Doch dieser Vorteil verteilt sich nicht gleichmäßig. Das zentrale Problem: Das Qualitätsgefälle trifft vor allem gering qualifizierte Beschäftigte – etwa in der Abfallwirtschaft, im Gartenbau oder in der Umweltpflege. Sie haben nicht nur niedrigere Löhne, sondern auch weniger Beschäftigungssicherheit als gering qualifizierte Arbeitnehmer in konventionellen Sektoren. Hochqualifizierte grüne Beschäftigte hingegen – Energieingenieure und Umweltberater – schneiden oft besser ab als ihre nichtgrünen Pendants.

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Die Studie identifiziert vier Typen von grünen Jobs: gut bezahlte stabile Stellen im öffentlichen Dienst und in Großunternehmen (22 Prozent), durchschnittlich stabile Vollzeitarbeit bei kommunalen Einrichtungen (61 Prozent), atypische Einstiegsarbeitsverhältnisse mit niedrigen Löhnen (10 Prozent) und prekäre Teilzeitbeschäftigung ohne Qualifizierungszugang (7 Prozent). „Grüne Jobs sind keine guten Jobs per se“, schlussfolgern die Autoren. „Ob ein grüner Job ein guter Job wird, hängt vom institutionellen Kontext, dem Arbeitgebertyp, dem Sektor und der gesellschaftlichen Bewertung von Umweltarbeit ab.“

Für die Politik leiten die Forscher klare Empfehlungen ab: Fördermittel für grüne Beschäftigung sollten an Mindeststandards für Jobqualität geknüpft werden, kollektive Tarifverhandlungen in grünen Sektoren gestärkt, grüne Qualifikationen durch anerkannte Abschlüsse aufgewertet und Weiterbildung gezielt auf gering qualifizierte Beschäftigte ausgerichtet werden. Ohne solche Maßnahmen droht die Energiewende sozialpolitisch zu kippen – so wie in Frankreich die Gelbwesten-Proteste zeigten, dass Klimapolitik, die Geringverdienende überproportional belastet, auf Widerstand stößt.

Quelle: UD
 

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