Wirtschaft & Strategie

87 Prozent Recyclingquote: Warum die Bauwirtschaft trotzdem weit von echter Kreislaufwirtschaft entfernt ist

Deutschland verwertet einen Großteil seiner Bauabfälle. Doch hohe Recyclingquoten bedeuten nicht automatisch, dass wertvolle Rohstoffe im Kreislauf bleiben. Gerade bei Beton zeigt sich die Lücke zwischen statistischer Verwertung und tatsächlicher Kreislaufwirtschaft. Um sie zu schließen, braucht die Bauindustrie neben technischen Lösungen vor allem neue wirtschaftliche Anreize und Marktstrukturen.

28.10.2026

87 Prozent Recyclingquote: Warum die Bauwirtschaft trotzdem weit von echter Kreislaufwirtschaft entfernt ist

Ein Gastbeitrag von Fabio Meggle, S&B Strategy

Deutschland gilt beim Recycling von Bauabfällen als vergleichsweise fortgeschritten. Rund 87 Prozent werden stofflich verwertet. Angesichts der enormen Materialmengen klingt das nach einem Erfolg. Doch die Quote verdeckt ein grundlegendes Problem: Ein Großteil der zurückgewonnenen Baustoffe gelangt nicht in seinen ursprünglichen Produktkreislauf zurück.

Eine Analyse vonS&B Strategy zeigt, dass lediglich rund 19 Prozent der Bauabfälle gleichwertig recycelt werden. Der überwiegende Teil findet Verwendung in Anwendungen mit geringeren Qualitätsanforderungen, etwa als Unterbau im Straßenbau oder zur Verfüllung. Dieses sogenannte Downcycling reduziert Abfallmengen und schont Deponiekapazitäten. Es ersetzt jedoch nicht automatisch die Gewinnung neuer Rohstoffe für hochwertige Bauprodukte. Doch wie viele Rohstoffe bleiben tatsächlich im Kreislauf?

Beton zeigt die Grenzen des bisherigen Recyclings

Besonders deutlich wird diese Herausforderung beim Baustoff Beton. Er gehört zu den meistverwendeten Materialien im Hoch- und Infrastrukturbau und verursacht entsprechend große Abfallmengen. Die S&B-Analyse beziffert das jährliche Aufkommen an Betonabfällen auf rund 24,7 Millionen Tonnen. Dennoch werden bislang nur etwa zwei Prozent gleichwertig recycelt.

Dabei ist die Herstellung von Recyclingbeton technisch möglich. Aufbereiteter Betonbruch ersetzt als rezyklierte Gesteinskörnung einen Teil des Kieses oder gebrochenen Natursteins in neuen Betonmischungen. Dadurch sinkt der Bedarf an natürlichen Rohstoffen.

Allerdings bedeutet Recyclingbeton nicht automatisch klimafreundlicheren Beton. Ein wesentlicher Teil der CO₂-Emissionen entsteht bei der Zementherstellung. Der Austausch natürlicher Gesteinskörnungen verändert diesen Emissionsblock zunächst nicht. Auch Energiebedarf und Transportwege der Aufbereitung beeinflussen die Umweltbilanz.

Der ökologische Nutzen hängt deshalb von der konkreten Herstellung und den regionalen Bedingungen ab. Ressourcenschonung und CO₂-Reduktion sind eng miteinander verbunden, aber nicht gleichzusetzen. Eine wirksame Kreislaufwirtschaft muss beide Aspekte berücksichtigen.

Anzeige

Warum Recyclingbeton wirtschaftlich im Nachteil ist

Trotz seines Potenzials bleibt Recyclingbeton im Markt bislang eine Ausnahme. Ein wesentlicher Grund sind die Kosten. Nach Berechnungen von S&B Strategy liegt der Preis durchschnittlich zwei bis sechs Prozent über dem konventionellen Beton.

Die Mehrkosten entstehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Betonbruch muss getrennt erfasst, sortiert und aufbereitet werden. Hinzu kommen Qualitätssicherung, Zertifizierung und Transport. Besonders die regionale Verfügbarkeit beeinflusst den Preis: Wo geeignete Recyclinganlagen fehlen oder große Entfernungen zwischen Abbruchstandort, Aufbereitung und Betonwerk liegen, steigen die Kosten.

Damit entsteht ein wirtschaftliches Spannungsfeld. Solange Recyclingbeton teurer und regional nur eingeschränkt verfügbar ist, bleibt die Nachfrage gering. Gleichzeitig erschwert die unsichere Nachfrage Investitionen in zusätzliche Aufbereitungskapazitäten.

Technischer Fortschritt allein durchbricht diesen Zusammenhang nicht. Entscheidend ist ein Marktumfeld, in dem sich die Herstellung und Verwendung hochwertiger Recyclingbaustoffe wirtschaftlich lohnen.

Öffentliche Beschaffung als Hebel für die Kreislaufwirtschaft

Die öffentliche Hand nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Bund, Länder und Kommunen zählen zu den wichtigsten Auftraggebern der Bauwirtschaft. Über Ausschreibungen beeinflussen sie, welche Materialien nachgefragt und welche Investitionen wirtschaftlich attraktiv werden.

Werden geeignete Recyclingbaustoffe systematisch in der öffentlichen Beschaffung berücksichtigt, entsteht eine verlässlichere Nachfrage. Das verbessert die Planungssicherheit für Baustoffhersteller und Recyclingunternehmen und erleichtert Investitionen in neue Technologien und Kapazitäten.

Gleichzeitig braucht die Branche klare technische und regulatorische Rahmenbedingungen. Einheitliche Qualitätsanforderungen schaffen Vertrauen und erleichtern den Einsatz von Sekundärrohstoffen. Dabei dürfen Sicherheit und Materialqualität nicht hinter Recyclingzielen zurückstehen.

Die Regulierung muss Anreize schaffen, hochwertige Materialien möglichst lange in gleichwertigen Anwendungen zu halten und nicht nur höhere Verwertungsquoten vorgeben.

Aus Abfallströmen müssen Rohstoffkreisläufe werden

Neben der Regulierung verändert sich auch die Organisation der Branche. Bislang arbeiten Abbruchunternehmen, Recyclingbetriebe, Baustoffhersteller und Bauunternehmen häufig in getrennten Wertschöpfungsstufen. Für geschlossene Materialkreisläufe müssen sie enger zusammenarbeiten.

Denn hochwertiges Recycling beginnt bereits beim Rückbau. Je sortenreiner die Materialien erfasst werden, desto besser lassen sie sich anschließend aufbereiten. Recyclinganlagen benötigen wiederum kontinuierliche Materialmengen, während Betonhersteller auf gleichbleibende Qualität und zuverlässige Lieferungen angewiesen sind.

Regionale Partnerschaften und langfristige Liefervereinbarungen verbessern diese Abstimmung. Auch die Integration von Recyclingkapazitäten in bestehende Baustoffunternehmen gewinnt an Bedeutung. Die S&B-Analyse dokumentiert bereits mehrere Übernahmen und Kooperationen, mit denen große Hersteller ihren Zugang zu mineralischen Sekundärrohstoffen ausbauen.

Damit entwickelt sich Baustoffrecycling von einer Entsorgungsaufgabe zu einer strategischen Frage der Rohstoffversorgung.

Die Recyclingquote allein reicht nicht

Die Bauwirtschaft steht nicht vor der Aufgabe, möglichst viel Material irgendeiner Verwertung zuzuführen. Entscheidend ist, wie hochwertig die Wiederverwendung ausfällt und wie viele Primärrohstoffe dadurch tatsächlich ersetzt werden.

Recyclingbeton verdeutlicht sowohl das Potenzial als auch die Grenzen der bisherigen Kreislaufwirtschaft. Die technischen Grundlagen sind vorhanden, doch wirtschaftliche Nachteile, regionale Unterschiede und fragmentierte Wertschöpfungsketten bremsen den breiten Einsatz.

Für den nächsten Entwicklungsschritt braucht es deshalb eine verlässliche Nachfrage, gezielte Investitionen und eine engere Zusammenarbeit entlang der gesamten Bauwirtschaft.

Der Erfolg der Kreislaufwirtschaft bemisst sich nicht allein daran, wie viel Abfall verwertet wird. Viel wichtiger ist, wie viel davon wieder zu einem hochwertigen Rohstoff wird. Erst wenn sich dieser Anspruch wirtschaftlich durchsetzt, wird aus einer hohen Recyclingquote eine funktionierende Kreislaufwirtschaft.

© Fabio Meggle, S&B Strategy GmbH

Fabio Meggle ist Senior Manager bei der S&B Strategy GmbH mit Sitz in München. Er verfügt über mehrjährige Projekterfahrung in der strategischen Unternehmensberatung, unter anderem bei PwC in Deutschland. Sein Fokus liegt auf der Entwicklung und Umsetzung von Unternehmensstrategien in der Bau- und Infrastrukturbranche.

Quelle: UD/cp

Redaktioneller Hinweis zur Transparenz: In unserer redaktionellen Arbeit nutzen wir KI-gestützte Werkzeuge – unter anderem für Recherche, Texterstellung, Lektorat, SEO-Optimierung, Zusammenfassungen, Übersetzungen und Social-Media-Beiträge. Die redaktionelle Verantwortung für alle Inhalte liegt bei UmweltDialog. Bei eingereichten Gastbeiträgen kann KI ebenfalls zum Einsatz gekommen sein.

 

Related Posts

Newsletter

Unsere Verantwortung/Mitgliedschaften

Logo
Serverlabel
The Global Compact
Englisch
Gold Community
Caring for Climate

© macondo publishing GmbH
  Alle Rechte vorbehalten.

 
Lasche