20 Jahre Seearbeitsübereinkommen: ILO beklagt 449 Tote und massive Datenlücken
Zum 20. Jahrestag des Seearbeitsübereinkommens MLC, 2006 hat die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) erstmals offizielle globale Daten zu Todesfällen auf See vorgelegt. 66 Länder meldeten für das Jahr 2024 insgesamt 449 tote Seeleute – mehrheitlich durch Krankheit, gefolgt von Arbeitsunfällen, Mann-über-Bord-Fällen und Suiziden. Der Datensatz offenbart erhebliche Lücken in der globalen Berichterstattung.
20.07.2026
Das Seearbeitsübereinkommen aus dem Jahr 2006 gilt als Grundgesetz für die rund zwei Millionen Seeleute weltweit. Es etabliert Mindeststandards für menschenwürdige Arbeit, Sicherheit an Bord und den Schutz der Beschäftigten, die rund 90 Prozent des Welthandels über die Meere transportieren. Zwei Jahrzehnte nach seiner Verabschiedung hat die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) erstmals einen offiziellen globalen Datensatz zu Todesfällen auf See vorgelegt – mit ernüchternden Ergebnissen.
Krankheit als Haupttodesursache
Für das Jahr 2024 meldeten 66 Länder insgesamt 449 Todesfälle von Seeleuten. Mit 245 Fällen entfällt der größte Anteil auf gesundheitsbedingte Todesursachen, vor allem plötzliche Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Ereignisse. „Eingeschränkter Zugang zu sofortiger medizinischer Versorgung auf See sowie Verzögerungen bei Evakuierungen können Gesundheitsrisiken verschärfen“, schreibt Valentina Stoevska, leitende Statistikerin der ILO, in einer Analyse für das ILOSTAT-Blog.
Arbeitsunfälle waren mit 86 Fällen die zweithäufigste Todesursache. Sie ereignen sich überwiegend bei Bordoperationen wie Ladungsumschlag, Wartungsarbeiten und Festmachvorgängen oder durch Stürze. Hinzu kommen 36 Mann-über-Bord-Fälle sowie 26 dokumentierte Suizide. Dreizehn Todesfälle entfallen auf sonstige Ursachen, 14 weitere werden noch untersucht. Mehr als 98 Prozent der Verstorbenen waren Männer – ein Spiegelbild der Geschlechterverteilung in der Branche.
Psychische Gesundheit als blinder Fleck
Besorgniserregend wertet die ILO insbesondere die Zahlen zu Mann-über-Bord-Fällen und Suiziden. Sie verweisen auf Fragen der Sicherheitsverfahren, vor allem aber auf Übermüdung, psychische Belastung und psychosoziale Risiken – Themen, die in den vergangenen Jahren zunehmend in den Fokus rücken. Beim Personal niedrigerer Ränge, das 44 Prozent der erfassten Todesfälle ausmachte, lag der Anteil sowohl der Arbeitsunfälle als auch der Suizide deutlich höher als bei Offizieren und anderen Rängen.
Knapp die Hälfte der Verstorbenen war im Deckbereich tätig, rund ein Drittel in der Maschinenabteilung und etwa zehn Prozent im Catering. Während Arbeitsunfälle besonders das Deckpersonal trafen, dominierten in der Maschinenabteilung gesundheitsbedingte Todesfälle. 85 Prozent der Verstorbenen waren 30 Jahre oder älter; jüngere Seeleute starben überproportional häufig durch Arbeitsunfälle oder gingen über Bord. Über 30 Prozent der Todesfälle ereigneten sich auf Massengutfrachtern, rund 60 Prozent auf großen und sehr großen Schiffen, etwa 60 Prozent traten auf See ein und 20 Prozent in Häfen.
Lücken im globalen Meldesystem
Trotz des Fortschritts durch das im Rahmen der MLC eingerichteten globalen Sterberegister bleibt die Datenlage fragmentiert. Von 74 angefragten Ländern lieferten 66 verwertbare Angaben. Doch nur 83 Prozent dieser Staaten erfassen Todesfälle durch Arbeitsunfälle, 76 Prozent gesundheitsbedingte Todesfälle, 71 Prozent Mann-über-Bord-Fälle und lediglich 59 Prozent Suizide. Ohne flächendeckende Erfassung gerade der Suizide drohen psychosoziale Belastungen statistisch zu verschwinden – und damit auch politischer Handlungsdruck.
Erhebliche Unterschiede bestehen zudem bei den Erfassungszeiträumen. Während die meisten Länder nur Todesfälle erfassen, die noch am Tag des Unfalls eintreten, zählen andere Staaten auch Folgetodesfälle bis zu einem Jahr nach dem ursprünglichen Vorfall – sofern ein kausaler Zusammenhang nachweisbar ist. Solche methodischen Differenzen erschweren internationale Vergleiche und führen tendenziell zu einer Unterschätzung der tatsächlichen Sterblichkeit auf See.
Datenqualität als Voraussetzung für Reformen
Aus Sicht der ILO ist die Verbesserung nationaler Meldesysteme keine rein technische Übung, sondern Voraussetzung für wirksame Prävention. Die Organisation fordert eine Ausweitung der Länderbeteiligung, standardisierte Definitionen und eine engere Kooperation der nationalen Behörden. Eine umfassende statistische Grundlage sei „ein notwendiger Schritt hin zu sichereren und gesünderen Arbeitsbedingungen für Seeleute weltweit“, so der Bericht.
Für die maritime Wirtschaft – und damit indirekt für nahezu jede globale Lieferkette – ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe: Die Standards der MLC, 2006 müssen lückenlos umgesetzt, ihre Wirksamkeit endlich auf belastbare Daten gestellt werden. Solange Seeleute aus über 40 Prozent der Meldestaaten ohne Suizid-Erfassung zur See fahren, bleibt die soziale Dimension des Welthandels ein statistischer Graubereich.