Wirtschaft & Strategie

Online-Modehandel zwischen Kreislaufversprechen und Retourenrealität

Seit Mitte Juli 2026 dürfen Großunternehmen unverkaufte Kleidung nicht mehr vernichten. Gleichzeitig müssen die EU-Mitgliedstaaten bis Juni 2027 eine erweiterte Herstellerverantwortung für Textilien umsetzen. Für den Online-Modehandel mit seinen hohen Retourenquoten wird die Regulierung zur Strukturfrage.

04.09.2026

Online-Modehandel zwischen Kreislaufversprechen und Retourenrealität

Die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) hat am 19. Juli 2026 eine neue Phase erreicht: Das Vernichtungsverbot für unverkaufte Textilien, Bekleidungsaccessoires und Schuhe gilt nun für Großunternehmen. Die Europäische Kommission schätzt, dass in Europa bisher zwischen 4 und 9 Prozent aller Textilien vernichtet werden, bevor sie jemals getragen wurden – das entspricht jährlich rund 5,6 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen.

Für den Online-Modehandel trifft die Regelung einen strukturellen Nerv. Deutschland verzeichnet im Fashion-E-Commerce Retourenquoten von bis zu 50 Prozent, wie aktuelle Branchendaten zeigen. Was zurückkommt, muss nun aufbereitet, weiterverkauft oder dem Recycling zugeführt werden – Vernichtung ist keine Option mehr. Das klingt nach Kreislaufwirtschaft, wirft aber eine unbequeme Frage auf: Löst Secondhand das Überproduktionsproblem, oder verlagert es nur den Zeitpunkt der Entsorgung?

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Zalando etwa hat in die Recyclingunternehmen Circ, Ambercycle und Infinited Fiber Company investiert, betreibt eine Pre-owned-Plattform und will bis 2033 in seinen Eigenmarken vollständig auf konventionelle Baumwolle und neuwertige Polyesterfasern verzichten. „Wir unterstützen die Einführung von Ökodesign-Anforderungen, die darauf abzielen, die Umweltbelastungen von Bekleidung zu verringern“, heißt es auf der Nachhaltigkeitsseite des Unternehmens. Das Engagement ist substanziell – aber es adressiert die Outputseite, nicht die Inputseite. Solange das Geschäftsmodell auf Auswahl durch Überangebot basiert, bleibt die Frage offen, ob Recyclinginvestitionen die Materialströme tatsächlich reduzieren oder ob sie ein wachsendes Volumen lediglich sauberer entsorgen.

Die zweite regulatorische Welle verschärft das Problem. Die EU-Textilstrategie sieht eine erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) für Textilien vor, die bis Juni 2027 national umgesetzt werden muss. Plattformen wie Zalando sind dabei in einer Doppelrolle: als Marktplatz für Drittmarken nicht unmittelbar EPR-pflichtig, über die Eigenmarken aber sehr wohl. Wie die Ökomodulation – also die Differenzierung der EPR-Gebühren nach Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit – konkret ausgestaltet wird, entscheidet darüber, ob nachhaltigere Produktdesigns tatsächlich einen Kostenvorteil bekommen.

Parallel dazu rückt der Digitale Produktpass näher. Er soll Verbrauchern und Behörden Transparenz über Materialzusammensetzung, Herkunft und Recyclingfähigkeit geben. Für Plattformen mit Tausenden von Markenpartnern ist das eine Dateninfrastruktur-Aufgabe, die weit über das eigene Sortiment hinausgeht. Ob die Modeindustrie diese Transparenz als Chance begreift oder als bürokratische Last behandelt, wird sich in den nächsten 18 Monaten zeigen.

Klar ist: Die Regulierung zwingt den Online-Modehandel, sein Verhältnis zum eigenen Volumen zu klären. Recycling und Secondhand sind Teile der Antwort – aber ohne eine ehrliche Debatte über Überproduktion, Retourenlogistik und die Grenzen des Plattformmodells bleibt die Kreislaufwirtschaft in der Mode ein Versprechen mit offenem Ausgang.

Quelle: UD
 

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