Wenn saubere Chemie nicht belohnt wird: Der Fall Domo Leuna
Die Insolvenz von Domo in Leuna legt ein strukturelles Problem der EU-Klimapolitik bloß: Europäische Hersteller vermeiden Lachgasemissionen vorbildlich – doch der Emissionshandel honoriert das nicht. Die Produktion wandert zu schmutzigeren Standorten ab.
26.05.2026
Ende Dezember meldeten drei deutsche Tochterunternehmen des belgischen Domo-Konzerns Insolvenz an, darunter Domo Caproleuna im Chemiepark Leuna. Der Betrieb wird vorerst weitergehen: Die Chemiepark-Betreibergesellschaft Infraleuna und das Unternehmen Leuna-Harze haben die Caprolactam-Fabrik zum 1. April 2026 übernommen. Doch die strukturellen Probleme, die Domo in die Insolvenz getrieben haben, bleiben ungelöst – und sie haben direkte Konsequenzen für den Klimaschutz.
Caprolactam ist ein Vorprodukt für Polyamid-6 und Nylonfasern, also ein Massenkunststoff. Bei seiner Herstellung entsteht je nach Verfahren Distickstoffmonoxid (N₂O), bekannt als Lachgas. Das Gas ist dramatisch klimaschädlich: Eine Tonne N₂O heizt die Atmosphäre rund 270-mal stärker auf als eine Tonne Kohlendioxid. Kleine Mengen reichen aus, um die Klimabilanz einer ganzen Produktion zu verhageln. Wie Klimareporter ausführt, vermeiden europäische Caprolactam-Hersteller wie Domo in Leuna diese Emissionen jedoch bereits seit Jahren fast vollständig – entweder durch emissionsarme Verfahren oder durch nachgeschaltete Abgasbehandlung. Das Umweltbundesamt führt aber in den deutschen Klimaberichten schlicht keine Lachgasemissionen aus der Caprolactamproduktion auf, weil keine anfallen.
Das Problem liegt nicht in der Technik, sondern in der Regulierung. Lachgasemissionen aus der Produktion von Salpetersäure und Adipinsäure sind im EU-Emissionshandel erfasst und müssen durch Zertifikate abgedeckt werden. Caprolactam hingegen fiel bei der Aufnahme durch das Raster – die EU berücksichtigte seinerzeit nur die größten Emissionsquellen, und Caprolactam produzierenden Anlagen gab es zu wenige. Hersteller wie Domo müssen also keine Zertifikate für Emissionen kaufen, die sie gar nicht erzeugen. Das klingt folgerichtig, hat aber eine paradoxe Konsequenz: Ihre Emissionsvermeidung wird ökonomisch nicht belohnt.
Währenddessen werden europäische Fabriken reihenweise stillgelegt. BASF schloss seine Caprolactam-Anlage in Ludwigshafen 2023, Fibrant in den Niederlanden folgte 2025. Domo ist damit der letzte verbliebene Hersteller in Deutschland. Die freigewordene Nachfrage wird vor allem von Produzenten in den USA und China bedient – und aus deren Klimaberichten geht hervor, dass dort deutlich höhere Lachgasemissionen anfallen. Eine klimafreundliche Produktion in Europa, die mangels Marktanreiz nicht wettbewerbsfähig gehalten werden kann, wird durch eine klimaschädlichere anderswo ersetzt. Der Nettoverlust für das Klima ist real.
Eine naheliegende Lösung wäre die Aufnahme von Caprolactam in den Emissionshandel und den geplanten Kohlendioxid-Grenzausgleichsmechanismus CBAM. Letzterer würde die entscheidende Wirkung entfalten: Importeure mit hohen Lachgasemissionen müssten für diese zahlen, klimafreundliche Hersteller wie Domo würden einen echten Wettbewerbsvorteil erhalten. Doch der CBAM befindet sich noch in einer frühen Phase. Eine Aufnahme komplexer Weiterverarbeitungsprodukte wie Caprolactam ist frühestens in einigen Jahren realistisch, und um Umgehung zu verhindern, müssten auch nachgelagerte Produkte wie Polyamid-6 einbezogen werden. Das erhöht die Komplexität weiter.
China hat 2025 einen Aktionsplan zur Kontrolle von Lachgasemissionen in der Industrie angekündigt. Das könnte den europäischen Wettbewerbsvorteil mittelfristig relativieren, da chinesische Produzenten ihre Emissionen mit denselben technischen Mitteln kostengünstig reduzieren könnten. Einen Gewissheitsanspruch hat also auch die CBAM-Lösung nicht. Was bleibt, ist das grundsätzliche Muster: Wer in Europa freiwillig sauber produziert, ohne dafür im Markt belohnt zu werden, verliert am Ende gegen Konkurrenten, die es nicht tun.
Langfristig stellt sich zudem die Frage, ob Caprolactam überhaupt fossilfrei hergestellt werden kann. Die Produktion benötigt Ammoniak, das in Leuna von den Stickstoffwerken Piesteritz bezogen wird, wo Erdgas zu Wasserstoff und weiter zu Ammoniak umgewandelt wird. Grüner Wasserstoff aus Elektrolyse wäre eine Alternative, ein Elektrolyseur existiert in Leuna bereits bei Linde – doch die Ammoniaksynthese fehlt noch. Das zweite Hauptvorprodukt Phenol wird aus Benzol, also einem Erdölprodukt, gewonnen. Hier sind grüne Alternativen deutlich schwieriger zu finden. Die Übernahme der Anlage durch die neue Leuna Polyamid GmbH gibt dem Standort eine Chance. Ob sie reicht, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die EU-Klimapolitik bald die Lücke schließt, die Domo in die Insolvenz mitgetrieben hat.