Klima & Umwelt

Venedigs Flutschutz funktioniert – aber zerstört die Lagune

Seit 2020 hat das MOSE-Barrieresystem Venedig 154-mal vor Überflutungen bewahrt. Doch der steigende Meeresspiegel zwingt die Stadt, den Schutzwall immer öfter hochzufahren – mit verheerenden Folgen fürs Ökosystem. Plan B wird bereits gesucht.

16.06.2026

Venedigs Flutschutz funktioniert – aber zerstört die Lagune

Sechs Jahrzehnte nach der Katastrophenflut von 1966 und nach einem Jahrzehnt Bauzeit hat Venedig mit dem MOSE-System endlich einen funktionierenden Hochwasserschutz. 7 Milliarden Euro, 78 bewegliche Tore an drei Laguneneingängen, 154 abgewendete Überflutungen seit der Inbetriebnahme 2020. Und doch sucht die Stadt schon jetzt nach einem Plan B. Der Meeresspiegel steigt schneller als die Ingenieure berechnet hatten – und das System, das Venedig retten soll, könnte seine Lagune zerstören.

Giovanni Zarotti, technischer Direktor des MOSE, beschreibt einen kulturellen Wandel in der Stadt: „Die Venezianer nehmen MOSE als selbstverständlich hin. Viele besitzen keine Gummistiefel mehr. Stell dir vor: Wenn du heute sechs Jahre alt bist, hast du das Geräusch der Flutsirenen noch nie gehört.“ Der letzte schwere Hochwassereinsatz war 2019, als 80 Prozent der Stadt unter 187 Zentimeter Wasser versanken. Seitdem schützt das System. Doch seine eigene Nutzungshäufigkeit wird zum Problem: Allein Euro Weekly News dokumentierte 30 Aktivierungen des Systems innerhalb von 23 Tagen zwischen Januar und Februar 2026 – ein absoluter Rekord. Jede Aktivierung kostet über 200.000 Euro.

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Alvise Papa, Leiter von Venedigs Tidenmessungszentrum Centro Maree, warnte bereits im Februar: „In etwa 30 Jahren müssen wir die Barrieren vielleicht täglich schließen.“ Das jährliche Mittelwasser in der Lagune ist auf durchschnittlich 68 Zentimeter gestiegen, gegenüber rund 24 Zentimeter in früheren Jahren. Nature Italy zeigt, dass Tidenüberschreitungen über 110 Zentimeter, dem MOSE-Aktivierungsgrenzwert, in den vergangenen neun Jahren 76-mal vorkamen – gegenüber nur 30-mal im Zeitraum von 1870 bis 1949.

Das ökologische Problem ist fundamental. Wenn die Barrieren geschlossen sind, unterbricht das den natürlichen Tidenaustausch zwischen der Lagune und der Adria. Wasser und Sediment zirkulieren nicht mehr. Algen wuchern, ihr Abbau entzieht dem Wasser Sauerstoff, Fisch- und Meereslebewesen sterben. Salzwiesen, die auf regelmäßige Überflutungen angewiesen sind, um vertikal mit dem Meeresspiegel Schritt zu halten, verlieren ihre Überlebensgrundlage. Die Lagune verwandelt sich, wie Wissenschaftler formulieren, in einen schmutzigen Teich.

Andrea Rinaldo, Leiter des wissenschaftlichen Komitees der neu gegründeten Lagune-Behörde, benennt das Dilemma präzise: „Bei einem Meter mehr Meeresspiegel müsste man die MOSE-Barrieren im Schnitt 200-mal pro Jahr schließen – was bedeutet, dass sie praktisch immer geschlossen wären. Wenn das passiert, verliert die Lagune ihren Charakter als Übergangsraum.“ Rinaldo betont zugleich, dass MOSE selbst nicht schlecht konstruiert sei – es sei als zukunftsorientiertes Projekt geplant worden. Doch die erwartete Zukunft sei Jahrzehnte früher als vorhergesagt eingetroffen. Ein Meter Meeresspiegel mehr – Projektionen zeigen, dass dies bis Jahrhundertende möglich ist – sei, so Rinaldo, „der Todesnagel für die Stadt“.

Rinaldo fordert deshalb einen radikalen, multidisziplinären Ansatz für die Suche nach einem Plan B: einen globalen Ideenwettbewerb, an dem Experten aus Kunst, Wirtschaft, Geschichte und Wissenschaft teilnehmen. Ausgewählte Gruppen sollen ein Jahr lang mit Fördermitteln Vorschläge entwickeln, die vielversprechendsten werden den Stadtbehörden zur Umsetzung übergeben. Venedig solle als Testlabor für Klimaanpassungsstrategien dienen, die weltweit relevant sind. Das Problem sei, so Rinaldo, mit Wissenschaft und Ingenieurskunst allein nicht zu lösen.

Venedigs Dilemma ist ein Vorgriff auf das, was zahllose Küstenstädte weltweit erwartet. Eine Infrastruktur, die als dauerhafte Lösung gedacht war, erweist sich innerhalb weniger Jahre als unzulänglich – nicht weil sie schlecht gebaut wurde, sondern weil der Klimawandel schneller voranschreitet als Ingenieursprojektionen. Das MOSE-System hat Venedig bislang gerettet. Wie lange es das noch kann, hängt von einem Wettlauf ab, den niemand mit Sicherheit vorhersagen kann: Steigt der Meeresspiegel schneller oder langsam genug, um eine neue Lösung zu entwickeln? The Guardian berichtete, dass die Stadt keine Zeit habe zu warten. „Wir können nicht warten“, sagen die Verantwortlichen bereits jetzt.

Quelle: UD
 

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