UNEP plant den Weg über 1,5 Grad hinaus
Das UN-Umweltprogramm UNEP hat mit „Limiting Overshoot“ einen Bericht vorgelegt, der das 1,5-Grad-Ziel neu justiert: Die Erde wird die Marke laut UNEP in den kommenden Jahren reißen, mit rund 75 Prozent Wahrscheinlichkeit schon im Schnitt der Jahre 2026 bis 2030. Im Zentrum steht nicht mehr die Verhinderung, sondern wie kurz und flach die Überschreitung ausfällt.
10.09.2026
Bislang war die Erzählung klar umrissen: alles daransetzen, die Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten. Der Anfang September veröffentlichte UNEP-Bericht „Limiting Overshoot“ verschiebt diesen Rahmen. Bei aktuell rund 1,4 Grad Erwärmung verbleibt der Welt nach UNEP-Rechnung noch ein CO₂-Budget von etwa 130 Milliarden Tonnen für eine 50-Prozent-Chance, 1,5 Grad zu halten – bei jährlich rund 40 Milliarden Tonnen CO₂ aus fossilen Quellen und Industrie ist das Budget in etwa drei Jahren aufgebraucht. Selbst bei sofortigem Erreichen von Netto-Null in etwas mehr als sechs Jahren ließe sich die Marke laut Bericht nicht mehr sicher halten.
Die Bandbreite der Szenarien bleibt groß: von 1,8 Grad Spitzenerwärmung, wenn alle nationalen Klimapläne konsequent umgesetzt werden, bis zu 2,6 Grad – mit einer Spanne von 1,9 bis 3,6 Grad bis zum Jahr 2100 – beim Fortschreiben der aktuellen Politik. UN-Generalsekretär António Guterres formulierte den neuen Anspruch so: „Wir müssen die Überschreitung der 1,5 Grad so klein und so kurz wie möglich halten.“ UNEP-Exekutivdirektorin Inger Andersen warnte, die Klimafolgen würden „schneller zuschlagen, härter treffen und länger andauern – mit mehr Menschenleben und tieferen Verwerfungen“. Deutlicher wurde Debra Roberts, Ko-Vorsitzende der IPCC-Arbeitsgruppe II: „Die Spielregeln ändern sich jetzt. Bisherige Ansätze erfüllen ihren Zweck nicht mehr.“
Der Bericht rechnet vor, warum Verzögerung teuer wird: Jede fünf Jahre späteres Handeln erhöhen die Spitzentemperatur um etwa 0,1 Grad, seit 2015 haben rund 400 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen die tiefstmögliche erreichbare Erwärmung bereits um 0,2 Grad angehoben. Gleichzeitig bleibt CO₂-Entnahme ein Nadelöhr: Aufforstung bindet aktuell rund 2,2 Milliarden Tonnen CO₂ jährlich, würde aber bei diesem Tempo rund 100 Jahre benötigen, um die globale Temperatur um 0,1 Grad zu senken. Direct Air Capture kommt bislang auf weniger als 0,1 Prozent der Entnahmemenge, und auch die unterirdische Speicherkapazität ist mit rund 1.500 Milliarden Tonnen endlich. Niklas Höhne vom NewClimate Institute brachte die Konsequenz für heutige Investitionen auf den Punkt: Das CO₂ aus jedem neu verkauften Verbrennungsmotor werde „irgendwann wieder aus der Atmosphäre entfernt werden müssen“. Kritischer äußerte sich Bill Hare von Climate Analytics: Der Bericht behandle den eigentlich notwendigen Ausstieg aus fossilen Energieträgern zu nachlässig, obwohl er selbst Nahe-Null-Pfade für möglich hält.
Für Deutschland zog Bundesumweltminister Carsten Schneider einen Dreiklang aus dem Bericht: zuerst Emissionen vermeiden, weil das am günstigsten sei, dann natürliche Senken wie Wälder, Moore und Böden stärken, und parallel technische CO₂-Entnahme hochfahren. Verbindliche Ziele für technische Entnahme sollen künftig ins Klimaschutzgesetz einfließen, das Klimaschutzprogramm 2030 ist mit jährlich 8 Milliarden Euro hinterlegt und soll zusätzlich 25 Millionen Tonnen CO₂ einsparen. International hält der Bericht fest, dass erneuerbare Energien bis 2030 auf 60 bis 70 Prozent der globalen Stromerzeugung kommen müssten und dass wirkungsstarke Maßnahmen bis 2035 rechnerisch bis zu 41 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalent jährlich einsparen könnten, rund die Hälfte davon zu Kosten unter 20 US-Dollar pro Tonne. Die weltweiten Klimaschutzinvestitionen liegen aktuell drei- bis sechsmal unter dem, was für den 2030er-Pfad nötig wäre – in Deutschland bezifferte der Bericht die Klimaschäden zwischen 2000 und 2021 auf 145 Milliarden Euro, mit einer Projektion von 280 bis 900 Milliarden Euro bis 2050.
Quelle: UD
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