Texas: Wie Tausende marode Ölquellen Grundstücksbesitzer belasten
In West Texas tropfen Zehntausende Ölquellen vor sich hin, zu schwach für Profit, zu teuer zum Schließen. Das Regulierungsversagen kostet Landbesitzer Nerven, Boden und Gesundheit – und den texanischen Steuerzahler Milliarden.
01.06.2026
Jackie Chesnutt, pensionierte Ingenieurin, hat die Dokumente parat: undichte Tanks, ausgetretenes Öl, Fotos von rostenden Anlagen auf ihren 375 Hektar bei San Angelo. Seit Jahren kämpft sie gegen die fünf Ölquellen auf ihrem Ranch, die kaum mehr als ein paar Barrel pro Monat fördern und ihr nach eigener Einschätzung mehr kosten als sie einbringen. Die Regulierungsbehörde hat nicht eingegriffen. Das Unternehmen CORE Petro fördert weiter. Chesnutts Fall ist kein Einzelfall – er ist das Gesicht eines strukturellen Problems, das Texas seit Jahrzehnten vor sich herschiebt.
Rund zwei Drittel aller aktiven Ölquellen in Texas – etwa 99.000 – fördern laut dem staatlichen Regulierer, der Texas Railroad Commission, weniger als zehn Barrel Öl täglich. Viele dieser Quellen bleiben aktiv, obwohl sie kaum rentabel sind, denn das Stilllegen kostet: Eine Quelle ordnungsgemäß zu verplomben bedeutet laut Texas Tribune im Durchschnitt inzwischen 57.000 Dollar, in komplizierten Fällen deutlich mehr. Lieber hält man die Mindestförderung aufrecht und schiebt die Frage auf. Damit das Gesetz erfüllt ist, muss eine Quelle in Texas mindestens fünf Barrel in drei aufeinanderfolgenden Monaten oder ein Barrel über zwölf aufeinanderfolgende Monate fördern.
CORE Petros Mitinhaberin Cassie Ohlhausen benennt das Dilemma unumwunden: „Wir sitzen zwischen Hammer und Amboss. Wir können es uns finanziell nicht leisten, eine Reihe von Ölquellen zu verplomben. Nicht deshalb sind wir in diesem Geschäft.“ Gleichzeitig räumt sie ein: „Wir wissen, dass wir Löcher besitzen, die nie rentabel sein werden.“ Die Behörde Railroad Commission hat CORE Petro bislang nicht gebüßt. Auf Fragen zu den konkreten Quellen auf Chesnutts Grundstück antwortete die Behörde lediglich mit dem knappen Statement ihres Sprechers Bryce Dubee: „Die Quellen auf dem Pachtland produzieren alle.“ Chesnutt bezweifelt das und hat den Strom zu den Anlagen abgestellt – woraufhin CORE Petro sie des Gesetzesbruchs bezichtigt.
Was auf Chesnutts Ranch passiert, ist eine Miniaturausgabe des größeren Versagens. Texas hat über 159.000 inaktive Quellen, und wenn ein Betreiber pleitegeht, ohne zu verplomben, werden diese zu sogenannten Waisenquellen. Der Rückstand an solchen „orphan wells“ hat laut Inside Climate News einen Rekordstand von über 11.000 erreicht. Die Organisation Commission Shift, die sich für eine Reform der Öl- und Gasregulierung einsetzt, hielt schon 2022 fest, Unternehmen dürften nicht in der Lage sein, „auf unbestimmte Zeit einen Teelöffel Rohöl oder einen Kubikfuß Gas zu fördern, nur um die Stilllegungskosten zu umgehen.“
Das Methan, das lecke Quellen in die Atmosphäre abgeben, ist klimaschädlich; Schwefelwasserstoff kann in hohen Konzentrationen tödlich wirken. Grundwasser wird durch austretendes Öl, Bohrflüssigkeiten und Chemikalien wie Benzol und Arsen bedroht. Auf der Ranch des westtexanischen Rinderzüchters Schuyler Wight brach 2023 eine seit Jahrzehnten vergessene, undokumentierte Quelle auf und spie salziges Wasser in großen Mengen aus – das Verplomben kostete den Staat 2,5 Millionen Dollar, wie Inside Climate News berichtete. Wight war froh, nicht zahlen zu müssen, bleibt aber besorgt: „Ich mache mir mehr Sorgen um den Rest der Region.“
Texas hat reagiert, aber zögerlich. Die Legislature bewilligte 2025 eine einmalige Zusatzfinanzierung von 100 Millionen Dollar für das staatliche Verplombungsprogramm – die größte Einmalzahlung in der Geschichte des Programms. Ziel ist es, 1.700 Quellen pro Jahr zu schließen, was rund 20 Prozent des bekannten Rückstands entspräche. Dazu kommen Bundesgelder aus dem Infrastructure Investment and Jobs Act der Biden-Ära. Ein neues Gesetz aus dem Jahr 2025, Senate Bill 1150, verpflichtet außerdem zur Schließung von Quellen, die älter als 25 Jahre und seit mindestens 15 Jahren inaktiv sind. Aber selbst diese Maßnahmen kratzen laut Inside Climate News nur an der Oberfläche: Der Rückstand wächst schneller, als er abgebaut wird.
Virginia Palacios, Direktorin von Commission Shift, fasst das Systemversagen prägnant zusammen: „Jede Grenzquelle wird irgendwann zu einer inaktiven Quelle. Und viele inaktive Quellen werden zu Waisenquellen. Es gibt keinen Grund, warum die Öffentlichkeit das Risiko tragen sollte.“ Jackie Chesnutt auf ihrer Ranch in Tom Green County, umgeben von Ziegen, Schafen und verrostenden Ölanlagen, kämpft mittlerweile nicht mehr nur gegen Lärm und Geruch. Sie kämpft gegen ein Regulierungssystem, das Unternehmen erlaubt, die Konsequenzen ihres Wirtschaftens auf die Allgemeinheit und auf Grundstücksbesitzer wie sie abzuwälzen.