„Starwashing“: Das neue Weltraumrennen hat ein Umweltproblem
Tech-Milliardäre versprechen, dass der Weltraum die Lösungen für die Probleme der Erde bereithält – Rechenzentren in der Umlaufbahn, Spiegel für Solarenergie nach Sonnenuntergang, Rohstoffabbau auf Asteroiden. Doch die wachsende private Raumfahrtindustrie verursacht selbst erhebliche Umweltschäden, die hinter optimistischen Narrativen verschwinden. Für dieses Phänomen gibt es einen neuen Begriff: „Starwashing“.
14.09.2026
Der von der Weltraumforscherin Melissa E. Yingling in einem Beitrag für The Conversation geprägte Begriff spielt auf „Greenwashing“ an – Unternehmen lenken mit kleinen nachhaltigen Investitionen von der Verschmutzung ab, die ihr Kerngeschäft verursacht. Raumfahrtunternehmen appellierten an ein „kosmisches Staunen“ und machten Versprechen zum Nutzen der Menschheit, während sie gleichzeitig ihre Umweltbilanz schönten, schreibt Grist-Autorin Kate Yoder. Blue Origin etwa erkläre seine Mission als „die Erde wiederherzustellen und zu erhalten“, während das Unternehmen Raketen und Mondlandegeräte ins All schicke. Die kalifornische Firma Reflect Orbital wolle 50.000 Spiegel in die Umlaufbahn bringen, um „Sonnenlicht auf Abruf“ zu liefern, und verspreche „reichlich Energie“ und „einen gesünderen Planeten“.
Gregers Andersen, Postdoktorand an der University of Southern Denmark und Autor eines Buchs über überzogene Technikversprechen beim Klimaschutz, sieht das kritisch: „Das Problem ist natürlich, dass es die Aufmerksamkeit davon ablenkt, die Probleme hier auf der Erde tatsächlich zu lösen. Und ich denke, das ist es, was mit dem Begriff ‚Starwashing‘ auch gemeint ist.“ Die wachsende Raumfahrtindustrie verursache Umweltschäden auf mehreren Ebenen. Raketentriebwerke emittieren Ruß in die Stratosphäre, wo er die Ozonschicht schädigen kann, die vor ultravioletter Strahlung schützt. Sie setzen zudem Wasserdampf frei, der von der Erde abgestrahlte Wärme absorbiert und den Treibhauseffekt verstärkt. Beim Verglühen von Satelliten entstehe Aluminiumoxidstaub, der zur Erwärmung beitragen, Sonnenlicht streuen und die atmosphärische Zirkulation verändern könne.
Hinzu kommen der Verlust des dunklen Nachthimmels durch reflektierende Satelliten, Schäden an Wildtierhabitaten rund um Startplätze und die enormen Treibhausgasemissionen bei Bau und Start der Satelliten selbst. Die wachsende Menge an „Weltraumschrott“ weckt Sorgen, dass Metallkollisionen eine zerstörerische Trümmerschicht erzeugen könnten. Anfang August schlug ein Teil einer abgeworfenen SpaceX-Rakete mit 8.700 Kilometern pro Stunde unkontrolliert auf dem Mond ein und riss einen neuen Krater.
Magali Delmas, Professorin für Management an der UCLA, vergleicht die Euphorie um die Raumfahrt mit dem Goldrausch: „Sie sahen nur das Positive – sie sahen nicht die negativen Auswirkungen des Bergbaus auf die Umwelt. Dieser Optimismus spielt einige der Herausforderungen wirklich herunter.“ Gleichwohl räumt sie ein, dass nicht alle Versprechen der Raumfahrtunternehmen substanzlos seien: Methan-Detektionssatelliten etwa hätten in den vergangenen Jahren Lecks bei Öl- und Gasoperationen aufgedeckt, die weit über die gemeldeten Werte hinausgingen. Andersen kontert mit einem grundlegenden Einwand: „Ich denke, das gemeinsame menschliche Projekt sollte sein, eine nachhaltige Zivilisation innerhalb der planetaren Grenzen zu schaffen. Und die Narrative, die sie präsentieren, bringen uns von dieser Mission ab.“
Quelle: UD
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