Privatgärten werden zur Biodiversitäts-Insel – Landwirtschaft bleibt im Pestizid-Hoch
Rund 93 Prozent der Privathaushalte mit Garten verzichten ganz oder weitgehend auf Pestizide und synthetische Dünger – das zeigt eine neue Auswertung der Förderbank KfW aus dem Energiewende-Barometer. Auf 7.000 Quadratkilometern Gartenfläche wächst ein Biodiversitäts-Reservoir. Die Landwirtschaft hingegen verbraucht weiter rund 29.000 Tonnen Pestizid-Wirkstoffe jährlich.
24.07.2026
Der eigene Garten ist für viele Menschen nicht mehr der kurzgeschorene Rasen mit makellosem Rosenbeet. Eine aktuelle Auswertung der Förderbank KfW, veröffentlicht zum „Tag des Gartens“, belegt einen deutlichen Bewusstseinswandel: 82 Prozent der Gartenbesitzer stellen Nisthilfen, Futterstellen oder Insektenhotels auf, 79 Prozent pflanzen gezielt Gewächse, die Vögeln und Insekten Nahrung bieten, 81 Prozent achten darauf, keine invasiven Arten anzusiedeln.
17,2 Millionen Gärten, knapp zwei Prozent der Bundesfläche
Rund 60 Prozent aller Haushalte in Deutschland verfügen über einen eigenen Garten, insgesamt sind es 17,2 Millionen Privatgärten. Ihre Gesamtfläche von rund 7.000 Quadratkilometern entspricht knapp zwei Prozent des Bundesgebiets – fast dem Achtfachen Berlins. Auf dem Land sind Gärten deutlich häufiger als in den Großstädten: In Kommunen bis 5.000 Einwohnern haben mehr als drei Viertel der Haushalte einen Garten, in Großstädten mit mehr als 500.000 Bewohnern noch 41 Prozent.
Bewusstseinswandel im Zehn-Jahres-Vergleich
Den Wandel macht die KfW im Vergleich zu einer EU-Erhebung von 2015 sichtbar. Damals erklärten 78 Prozent der deutschen Haushalte mit Garten oder Balkon, auf Pestizide zu verzichten; inzwischen sind es 89 Prozent. Der Anteil mit Nisthilfen stieg von 51 auf 66 Prozent, jener mit vogelfreundlicher Pflanzenauswahl von 41 auf 74 Prozent. Dass die Zahlen auf Selbstauskünften beruhen, schränkt die Aussagekraft ein – die Tendenz aber ist eindeutig. Gestützt wird sie durch eine Regelverschärfung von 2021: Auf öffentlich genutzten Flächen wie Parks, Spielplätzen und Schulhöfen sind viele Herbizide nicht mehr zugelassen; im Privatgarten dürfen nur ausdrücklich dafür freigegebene Mittel angewendet werden.
„Biodiversität ist ein harter ökonomischer Faktor“
KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher ordnet die Ergebnisse positiv ein – das Engagement vieler Gartenbesitzer könne ein wichtiges Puzzlestück für den Erhalt der biologischen Vielfalt sein. „Biodiversität ist ein harter ökonomischer Faktor“, betont Schumacher. Intakte Ökosysteme lieferten dauerhaft Nahrung, Trinkwasser, Medizin und fruchtbare Böden und böten Schutz vor Hitze und Überschwemmungen. Genau diese ökonomische Argumentation gewinnt an Gewicht, da ESG-Berichte zunehmend monetäre Naturkapital-Bewertungen einfordern.
Kontrastbild Landwirtschaft
Im scharfen Gegensatz dazu steht der gewerbliche Pflanzenschutz. Nach Daten des Umweltbundesamtes wurden 2024 in Deutschland rund 87.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel verkauft, davon knapp 29.000 Tonnen reine Pestizid-Wirkstoffe. Ein Trend zur Reduktion ist nicht erkennbar. Besonders auffällig: Der Absatz des umstrittenen Totalherbizids Glyphosat stieg gegenüber dem Vorjahr um rund 75 Prozent.
Die Bundesregierung hatte angekündigt, die mit Pflanzenschutzmitteln verbundenen Risiken bis 2030 deutlich zu senken. Auf EU-Ebene war zudem eine verbindliche Halbierung vorgesehen – der entsprechende Verordnungsentwurf wurde nach Protesten von Agrarverbänden und mehreren Mitgliedsstaaten jedoch zurückgezogen. Eine einheitliche europäische Reduktionspflicht fehlt damit bis heute.
Fazit: Private Vorhut, gewerblicher Rückstand
Pestizide gelten neben Lebensraumverlust, intensiver Landwirtschaft und Klimawandel als zentraler Treiber des Insekten- und Vogelschwunds. Die KfW-Zahlen zeigen, dass im privaten Bereich Bewegung herrscht. Eine flächenwirksame Trendwende erfordert jedoch auch die Agrarseite – und damit politische Antworten, die über das gepflegte Beet hinausreichen.