Klima & Umwelt

Pipeline-Konzern verspricht „Umweltschutz“ – Bilanz aus Tennessee zeichnet ein anderes Bild

In Chatham County regt sich Widerstand gegen eine 45 Kilometer lange Erdgas-Pipeline des kanadischen Energiekonzerns Enbridge. Das Unternehmen wirbt mit einer „erprobten Sicherheitsbilanz“. Doch die US-Energieregulierungsbehörde dokumentiert bei einem Schwesterprojekt in Tennessee binnen sieben Monaten zwölf Verstöße – darunter zerstörte Feuchtgebiete, Bohrschlamm-Austritte und einen behördlichen Baustopp wegen einer gefährdeten Muschelart.

28.07.2026

Pipeline-Konzern verspricht „Umweltschutz“ – Bilanz aus Tennessee zeichnet ein anderes Bild

In der Kleinstadt Pittsboro stand Mitte Juni eine 85-jährige Witwe vor einem Podium mit Vertretern von Enbridge Gas und kündigte Gegenwehr an: „Normalerweise bin ich ein höflicher Mensch, aber Sie bringen das Schlechteste in mir zum Vorschein. Ich werde bis zum Tod gegen Sie kämpfen.“ Hunderte Anwohner waren zu zwei vom Unternehmen veranstalteten Bürgerversammlungen erschienen, um ihren Widerstand gegen eine geplante Erdgas-Pipeline auszudrücken. Die 28 Meilen (rund 45 Kilometer) lange Trasse soll von Siler City nach Moncure führen. Baubeginn könnte bereits im Herbst 2027 sein, die Inbetriebnahme ist für das Frühjahr 2028 vorgesehen. Über die Vorgänge berichtet Inside Climate News in einer ausführlichen Recherche von Lisa Sorg.

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Die Selbstauskunft des Konzerns

In offiziellen Projektunterlagen schreibt Enbridge, das Unternehmen verfüge über eine „erprobte Sicherheitsbilanz“ und sei der „verantwortungsvollen Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen“ verpflichtet. Man wähle Trassen, die potenzielle Umweltauswirkungen reduzierten, und halte „alle Genehmigungsauflagen“ ein. Konzernsprecher Michael Barnes erklärte gegenüber Inside Climate News: „Wir bleiben dem Schutz von Menschen und Umwelt während der Errichtung dieses wichtigen Energieprojekts verpflichtet.“

Was die FERC-Akten in Tennessee zeigen

Die Realität auf einer Schwesterbaustelle widerspricht der Selbstdarstellung. Die Enbridge-Tochter East Tennessee Natural Gas baut im Bundesstaat Tennessee derzeit die 196 Kilometer lange Ridgeline-Pipeline, die das künftige Erdgaskraftwerk Kingston der Tennessee Valley Authority versorgen soll. Bemerkenswert: Das Kingston-Kraftwerk verfeuert bislang Kohle und wurde 2008 durch einen der größten Umweltunfälle der US-Energiegeschichte bekannt, als rund 3,8 Milliarden Liter Kohleasche-Schlamm in die Flüsse Clinch und Emory austraten.

Nach Unterlagen der US-Regulierungsbehörde Federal Energy Regulatory Commission (FERC) haben die Bauarbeiten beim Ridgeline-Projekt binnen sieben Monaten ein Dutzend Compliance-Verstöße produziert. Bauauftragnehmer fuhren mit schwerem Gerät durch Bachbetten und außerhalb ausgewiesener Verkehrskorridore, beschädigten Feuchtgebiete und Bäche und betraten Privatgrundstücke ohne Erlaubnis. Beim horizontalen Bohren unter Gewässern traten zudem mehr als 3.000 Gallonen (rund 11.400 Liter) Bohrschlamm aus – ein im Branchenjargon als „inadvertent return“ bezeichneter Vorfall. Nach Starkregen versagten die Erosionskontrollen wiederholt; verschlammtes Wasser gelangte aus großen Pfützen in den Little Emory River.

Der schwerwiegende Vorfall am Emory River

Den bislang gravierendsten Verstoß registrierte die Behörde am 20. Mai 2026. An jenem Tag erschienen vom Bund beauftragte Biologen an einem Abschnitt des Emory River, um vor dem Bau einer Brücke für Baumaschinen eine Bestandsaufnahme bedrohter Muschelarten vorzunehmen und Individuen umzusiedeln. Doch die Pipeline-Auftragnehmer hatten die Brücke bereits errichtet. Damit verletzten sie laut FERC den Habitat-Schutz gefährdeter Arten und eine rechtsverbindliche Vereinbarung mit dem U.S. Fish and Wildlife Service. Ende Mai verhängte FERC einen Baustopp und forderte umfangreiche Dokumentation an.

Das Unternehmen führte den Vorfall in einem Schreiben an die Behörde von Mitte Juni auf „eine Kommunikations- und Auslegungslücke bei den Anforderungen“ zurück. Mitarbeiter seien nachgeschult, zusätzliche Beschilderung und Zäune installiert und ein Kommunikationsplan eingeführt worden. Brisant ist jedoch das Eingeständnis im selben Schreiben: Eine interne Überprüfung weiterer sensibler Bauabschnitte habe ergeben, dass im Februar „eine ähnliche Situation“ am Hurricane Creek aufgetreten sei. Die Untersuchung dieses zweiten Vorfalls dauert an. Konzernsprecher Barnes sagte, das Unternehmen kooperiere mit den zuständigen Bundes- und Landesbehörden und habe „angemessene Schritte“ eingeleitet, um weitere Auswirkungen zu vermeiden.

NGO fordert Aussetzung – Behörde reagiert nicht

Die Naturschutzorganisation Southern Environmental Law Center (SELC) hatte FERC bereits Mitte Mai aufgefordert, die Bauarbeiten am gesamten Projekt auszusetzen. „Bereits dokumentierte Beeinträchtigungen können langfristige negative Auswirkungen auf die lokale Umwelt haben“, argumentierte die Organisation. Eine Antwort der Behörde sei bis dato ausgeblieben, erklärte eine SELC-Sprecherin. Eine Woche später folgte der schwerwiegende Verstoß am Emory River.

North Carolina: Trassenführung durch biologischen Hotspot

Der nun in North Carolina geplante Trassenkorridor durchschneidet das Einzugsgebiet des Rocky River, das von Experten als „global bedeutsamer Hotspot aquatischer Biodiversität“ eingestuft wird. Allein in diesem Teilbecken sind nach Daten der Wildlife-Behörde 200 Fundorte bekannt, an denen gefährdete, bedrohte oder anderweitig besorgniserregende Arten leben. „Es gilt als global bedeutsamer Hotspot aquatischer Diversität“, schrieb der pensionierte Biologe John Alderman in einem Schreiben an den demokratischen Gouverneur Josh Stein.

Anwohner befürchten neben Eingriffen in Wälder, Feuchtgebiete und Flüsse auch eine Trassierung über einen historischen afroamerikanischen Friedhof sowie Enteignungen durch das Recht der Wegeführung („eminent domain“). Alderman kartierte die potenziell betroffenen Grundstücke – seines eingeschlossen – und kommt zu dem Schluss, dass Eigentümer mit bereits bestehenden Stromtrassen-Dienstbarkeiten bis zu 40 Prozent ihres Landes verlieren könnten, falls Enbridge die neue Leitung daneben baut. „Für Menschen, die nur wenige Hektar besitzen, ist die Stromleitungs-Dienstbarkeit eine echte Belastung“, so Alderman.

Der Fall Tim Sweeney – ein Großgrundbesitzer bietet eine Alternative

Eine besondere Wendung erhält der Streit durch das Engagement von Tim Sweeney, Gründer und CEO des Spielentwicklers Epic Games („Fortnite“) und Milliardär. Sweeney ist als Naturschützer bekannt; er hat zehntausende Hektar Land in North Carolina an gemeinnützige Träger und an die US-Bundesnaturschutzbehörde übertragen und hält im Chatham County mehr als 270 Grundstücke unter Naturschutz. Bei den Bürgerversammlungen wiesen Anwohner darauf hin, dass die von Enbridge favorisierte Trasse Sweeneys Ländereien umgehe. Sweeney selbst stellt jedoch klar, dass er einer Trassenführung nicht ausweichen will, sondern eine ökologisch sinnvollere Variante vorschlägt: „Ich bin gerne bereit, Wegerechte über mein Land im Chatham County entlang des großen Hochspannungs-Übertragungskorridors zur Verfügung zu stellen, der mehrere Meilen durch mein Schutzgebiet führt“, schrieb er Inside Climate News. „Das erscheint mir aus mehreren Gründen eine ideale Route.“

Konzernsprecherin Persida Montanez wies dies zurück. Enbridge prüfe zwar grundsätzlich eine Bündelung mit bestehenden Wegerechten, halte dies hier aber nicht für praktikabel. Eine vollständige Führung entlang der Stromtrasse hätte „mehr Grundeigentümer betroffen und zusätzliche ökologisch sensible Bereiche gestört, die anderenfalls nicht beeinträchtigt würden“. Eigene Wegerechte besitze das Unternehmen in der Region zudem nicht.

Reputationsrisiko für die Industrie

Der Fall ist über North Carolina hinaus relevant. Er zeigt exemplarisch, wie weit eine konzerneigene Nachhaltigkeitskommunikation und die regulatorisch dokumentierte Praxis auseinanderklaffen können. Für ESG-orientierte Investoren ist die Diskrepanz zwischen verbalisiertem Selbstverständnis („committed to being a good steward of natural resources“) und einer behördlich erfassten Verstoßliste eine klassische Materialitätsfrage – sowohl mit Blick auf Reputations- und Litigation-Risiken als auch auf die Wirksamkeit interner Compliance-Strukturen. Die Erklärung von Enbridge, der schwerwiegendste Verstoß sei einer „Kommunikations- und Auslegungslücke“ geschuldet, dürfte aufmerksamen Aufsichtsräten und Versicherern keine beruhigende Lektüre sein.

Wie sich die Verfahrenslage in den USA entwickelt, hängt nun auch davon ab, wie FERC mit dem SELC-Antrag auf weitergehende Aussetzung umgeht und ob aus den Verstößen in Tennessee Konsequenzen für die Genehmigungspraxis in North Carolina folgen. Die Bürgerinitiativen in Chatham County haben unterdessen bereits angekündigt, ihre Argumente in die Anhörungen einzubringen.

Quelle: UD
 

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