Ozean-Gipfel: Afrika übernimmt die Bühne
Erstmals tagte die Our Ocean Conference auf afrikanischem Boden: Im kenianischen Mombasa brachten mehr als 5.000 Delegierte aus über 100 Ländern 320 freiwillige Zusagen mit einem mobilisierten Finanzvolumen von 6,4 Milliarden US-Dollar auf den Weg. Im Fokus standen Meeresschutzgebiete auf hoher See, eine Pause beim Tiefseebergbau und mehr Transparenz in der Fischerei. Afrikanische Staaten übernahmen dabei eine prägende Rolle.
17.07.2026
Drei Tage lang verhandelten Regierungsvertreter, Wissenschaftler und Vertreter der Zivilgesellschaft in Mombasa im Juni über die Zukunft der Weltmeere. Die 11. Auflage der Our Ocean Conference (OOC) markierte einen geografischen Wendepunkt: Zum ersten Mal seit ihrer Gründung 2014 fand der Gipfel südlich der Sahara statt. Beobachter sprachen von einer „bedeutenden Führungsrolle“ afrikanischer Staaten, insbesondere bei den Themen Fischereitransparenz, Tiefseebergbau und Hochsee-Schutzgebiete.
Vom Versprechen zur Umsetzung
Der ehemalige US-Außenminister John Kerry, der die Konferenzreihe einst initiiert hatte, fand in der Eröffnungsrede deutliche Worte. Es sei nun an der Zeit, „von Zusagen zur Umsetzung“ zu kommen, mahnte Kerry. Diese Forderung gewinnt vor dem Hintergrund einer aktuellen Bilanz an Gewicht: Eine Analyse des World Resources Institute, das seit 2025 das Sekretariat der Konferenz beherbergt, zeigt, dass von 2.618 Zusagen der ersten zehn Konferenzjahre rund 1.130 vollständig umgesetzt und 1.005 weitere in Bearbeitung sind. Mehr als ein Viertel der diesjährigen Verpflichtungen entfiel auf den Bereich „nachhaltige blaue Wirtschaft“.
Meeresschutzgebiete: Quantität trifft auf Implementierungslücke
Marine Protected Areas (MPAs) zählen zu den sechs Säulen der Konferenz. Eine im Juni 2026 veröffentlichte unabhängige Bewertung kommt zu dem Schluss, dass mehr als ein Drittel aller weltweiten Meeresschutzgebiete – insgesamt über 10 Millionen Quadratkilometer – auf Ankündigungen der OOC zurückgehen. In Mombasa wurden weitere Designationen vermeldet: Chile rief im Juan-Fernández-Archipel zwei neue Schutzgebiete mit zusammen rund 337.000 Quadratkilometern ins Leben, der Azoren-Meerespark soll auf 287.000 Quadratkilometer ausgedehnt werden und wäre damit das größte Schutzgebietsnetz im Nordatlantik.
Doch Quantität ersetzt nicht Qualität. Eine in Mombasa vorgestellte Studie des Smithsonian Tropical Research Institute attestiert „mindestens der Hälfte der bestehenden MPAs“, dass sie nicht implementiert oder operativ unwirksam seien. Nur 3,5 Prozent der Weltmeere stünden tatsächlich unter umfassendem Schutz. Ana Spalding, Direktorin der Resilienz-Initiative des Instituts, betonte gegenüber Carbon Brief, dass MPAs nicht nur an Biodiversitäts-Indikatoren gemessen werden dürften, sondern auch die Belange der vom Meer abhängigen Gemeinschaften berücksichtigen müssten: „Es muss einen Mittelweg zwischen beidem geben.“
High Seas Treaty: Countdown bis zur COP1
Das Hochsee-Abkommen (BBNJ-Agreement) ist Mitte Januar 2026 in Kraft getreten. Bis zur Konferenz in Mombasa hatten 90 Staaten ratifiziert, zuletzt die Komoren. Die erste Vertragsstaatenkonferenz (COP1) steht im Januar 2027 in New York an – und dort werden Grundsatzentscheidungen über Verfahrensregeln und Nebenorgane fallen. Rebecca Hubbard, Direktorin der High Seas Alliance, drängt auf Tempo: „Wir hoffen, dass weit über 100 Länder bis zur COP1 Vertragspartei sein werden, damit sie am Entscheidungstisch sitzen.“ Mehr Informationen zum Vertragswerk bietet das UN-Sekretariat zum BBNJ-Abkommen.
Ein konkretes Beispiel für die Umsetzung lieferten Südafrika und die EU am Rande des Gipfels: Sie kündigten an, ein Hochsee-Schutzgebiet zwischen zwei bestehenden Schutzzonen im subantarktischen Raum vorzuschlagen – eines davon südafrikanisch, eines französisch. Zusätzlich verständigten sich Senegal, Mauretanien, Gambia und Guinea-Bissau auf „mindestens zwei“ grenzüberschreitende Schutzgebiete in Westafrika.
Tiefseebergbau: Afrika eröffnet die Front
Obwohl der Tiefseebergbau offiziell nicht zur Hauptagenda zählte, setzte er thematisch starke Akzente. Rashid Sumaila von der University of British Columbia stellte bei einem Empfang der Deep Sea Conservation Coalition die seiner Ansicht nach entscheidende Frage in den Raum: „Es geht nicht darum, ob die Mineralien vorhanden sind, sondern ob ihr Abbau einen netto-positiven Effekt hat.“ Eine seriöse Bewertung erfordere eine „möglichst breite und inklusive“ Kosten-Nutzen-Analyse.
Politisch markierte Malawi den Durchbruch. Außenminister George Chaponda erklärte als erster afrikanischer Vertreter die Unterstützung seines Landes für eine „precautionary pause“ beim Tiefseebergbau in internationalen Gewässern. Damit ist Malawi das 41. Land weltweit, das einen Moratoriums-Ansatz unterstützt. Chaponda nahm dabei Bezug auf die Binnenlage seines Landes: „An meine Mitstaaten ohne Meereszugang: Die Geografie schmälert unseren Anteil am Ozean nicht.“ Im Verlauf der Woche schlossen sich Kenia und Madagaskar an. David Willima, Afrika-Verantwortlicher der DSCC, ordnete ein: „Die Führungsstärke, die Malawi, Kenia und Madagaskar zeigen, sendet ein wichtiges Signal, dass afrikanische Nationen vortreten, um die Tiefsee zu verteidigen.“
Korallenriffe: Vier neue Unterzeichner für klimaresiliente Riffe
In Nizza hatten 2025 elf Länder die Hochrangige Verpflichtung zum Schutz „klimaresilienter“ Korallenriffe gestartet – jener Riffe, die nach wissenschaftlicher Einschätzung die besten Überlebenschancen im Klimawandel haben. In Mombasa kamen vier weitere Unterzeichner hinzu: die Komoren, die Dominikanische Republik, Kenia und das Vereinigte Königreich. Bis zur COP31 in der Türkei im November 2026 soll die Zahl auf 31 wachsen – damit wären 80 Prozent der weltweiten Korallenbedeckung erfasst.
Eine begleitend vorgestellte Studie kartierte mehr als 165.000 Quadratkilometer Riffflächen in 70 Ländern, denen die besten Überlebensaussichten zugeschrieben werden. Emily Darling, Direktorin für Korallenriff-Schutz bei der Wildlife Conservation Society und Mitautorin der Studie, erläuterte: „Der Klimawandel ist nicht eine einzige Decke, die über die Ozeane gelegt wird. Es gibt Inseln der Resilienz, und es geht darum, diese Orte zu finden und sie gegen die lokalen Belastungen abzusichern.“ Norwegen kündigte eine Zuwendung von 20 Millionen NOK (rund 2 Millionen US-Dollar) an den Global Fund for Coral Reefs an.
Mombasa-Erklärung: Transparenz gegen illegale Fischerei
Als zentrales politisches Ergebnis gilt die Mombasa-Erklärung zur Bekämpfung illegaler, nicht gemeldeter und unregulierter Fischerei (IUU). 16 Regierungen, davon acht aus Afrika, verpflichteten sich auf die Prinzipien der Global Charter for Fisheries Transparency – darunter Transparenz bei Eigentümerstrukturen, gestärkte Überwachung der Fangtätigkeiten und Open-Access-Daten. Die ghanaische Fischereiministerin Emelia Arthur unterstrich die Tragweite: „Fischerei ist Ernährung. Fischerei ist Ernährungssicherheit. Fischerei ist Lebensgrundlage. Fischerei ist nationale Sicherheit.“
Die EU stellte über ihr Forschungsprogramm Horizon Europe 46 Millionen Euro für Fischereiarbeit bereit, davon 32 Millionen Euro für adaptive Co-Management-Strategien und 14 Millionen Euro für Forschung an wandernden Fischarten. Kenia selbst meldete neun Fischerei-Zusagen, darunter die Ausbildung spezialisierter Compliance-Beamter gegen IUU-Fischerei und die Entwicklung von Managementplänen für sämtliche kommerziellen Fischereien.
Begleitend zum Gipfel veröffentlichte die FAO ihren Bericht „State of World Fisheries and Aquaculture“. Demnach erreichte die globale Produktion 2024 mit 235 Millionen Tonnen Fisch und Algen einen Rekordwert. Zugleich gelten mehr als ein Drittel der weltweiten Meeresfischbestände als überfischt – mit ausgeprägten regionalen Unterschieden.
Fazit: Politische Symbolik trifft auf Vollzugsdruck
Mombasa hat gezeigt, dass die Our Ocean Conference als Mobilisierungsplattform funktioniert – politisch wie finanziell. Sechs Milliarden US-Dollar an mobilisierten Mitteln, eine wegweisende Erklärung zur Fischereitransparenz und das deutliche Signal afrikanischer Staaten gegen einen unregulierten Tiefseebergbau sind belastbare Zwischenergebnisse. Offen bleibt, wie viel davon in den kommenden Monaten in messbare Umsetzung übersetzt wird. Die nächsten Prüfsteine stehen bereits im Kalender: Im Januar 2027 entscheidet die BBNJ-COP1 in New York über die operative Architektur des Hochsee-Abkommens, im November 2026 wird die Klimakonferenz COP31 in der Türkei zeigen, wie ernst es den Staaten mit dem Schutz klimaresilienter Riffe wird.