Moorwende mit Milliarden: Deutschlands ehrgeiziger Anlauf gegen den Torfbrand
Bundesumweltminister Carsten Schneider stellt 1,75 Milliarden Euro für die Wiedervernässung trockengelegter Moore bereit. 90 Prozent der einstigen Moorfläche liegt noch immer trocken – und emittiert jährlich mehr als 50 Millionen Tonnen Kohlendioxid.
09.06.2026
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat ein neues Förderprogramm zur Wiedervernässung trockengelegter Moore vorgestellt. Mit 1,75 Milliarden Euro aus dem Transformations- und Klimafonds sollen bis 2029 rund 90.000 Hektar ehemaliger Moorböden wieder einen natürlichen Wasserstand bekommen. Schneider sprach von einer „historischen Trendwende“ – das Programm werde den „größten Beitrag“ zur Wiederherstellung von Natur leisten, den Deutschland seit Jahrzehnten gesehen habe. Der Anspruch ist groß, die Lücke zur Wirklichkeit auch.
Moore sind in Deutschland seit Jahrhunderten systematisch entwässert worden, um landwirtschaftliche Nutzflächen zu gewinnen. Heute liegen nach Angaben des Thünen-Instituts noch immer 90 Prozent der einstigen Moorfläche trockengelegt, intakte nasse Moore gibt es nur auf rund 100.000 Hektar. Die ökologischen und klimatischen Konsequenzen sind erheblich: Entwässerte Moore setzen jährlich mehr als 50 Millionen Tonnen Kohlendioxid frei, was laut Klimareporter sieben Prozent der deutschen Gesamtemissionen entspricht – ein Anteil, der relativ gestiegen ist, weil der Rest der Wirtschaft seinen Treibhausgasausstoß zumindest teilweise gesenkt hat. Intakte Moore hingegen binden Kohlenstoff und können langfristig zu Kohlendioxid-Senken werden.
Das neue Programm setzt finanzielle Anreize, wo bisherige Appelle scheiterten. Bodeneigentümer können künftig für den Wertverlust ihrer Flächen entschädigt werden, landwirtschaftliche Ertragsverluste lassen sich ebenfalls ausgleichen. Zuschüsse bis zu 100 Prozent sind möglich. Das Prinzip der Freiwilligkeit bleibt gewahrt, wie Schneider betonte. Bislang war genau dieser finanzielle Ausgleich der fehlende Hebel: Wer sein Moor vernässen wollte, verlor die agrarische Nutzbarkeit, ohne dafür kompensiert zu werden. Ein Großteil der 1,75 Milliarden – nämlich 1,3 Milliarden Euro – musste dabei vorab beihilferechtlich von der Europäischen Union genehmigt werden.
Neben dem Klimaargument wirbt das Ministerium gezielt mit dem Nutzen für den regionalen Wasserhaushalt. Moore können Extremregen puffern, Dürreperioden überbrücken und Grundwasservorräte auffüllen. „Moore und Feuchtgebiete können wieder die Wasserspeicher und Kühlanlagen fürs Klima werden“, sagte Schneider. Besonders relevant ist ein weiterer Punkt: Viele Moorböden verlieren kontinuierlich Kohlenstoff und werden langfristig für die Landwirtschaft unbrauchbar. „Landwirtschaft auf trockenen Moorböden wird mit der Zeit immer schwieriger und irgendwann unmöglich“, warnte der Minister. Einige Moorländer sollen bereits Listen erstellen, welche Flächen demnächst aus der Bewirtschaftung fallen.
Ein Schwerpunkt des Programms ist die Förderung der sogenannten Paludikultur – Landwirtschaft auf vernässten Böden. Dort lassen sich Faserpflanzen, Schilf oder Seggen anbauen, aus denen sich Papier, Bau- und Dämmstoffe herstellen lassen. Auch Moor-Photovoltaik wird gefördert, allerdings nur der Vernässungsanteil, nicht die Solartechnik. Sabine Wichmann vom Greifswalder Moorzentrum lobte das Milliarden-Programm als „mehrfachen Paradigmenwechsel“: Zwar hätten Forschungsprojekte gezeigt, wie Paludikultur funktioniert, doch bisher habe die Skalierung gefehlt. Die neue Richtlinie biete erstmals gezielte Unterstützung, damit Erfahrungen aus Pilotflächen in die Praxis überführt werden könnten. Starten soll das Programm mit mehreren Großprojekten ab 5.000 Hektar in sogenannten Leuchtturmregionen.
Beim Klimaschutz bleibt der Effekt des Programms allerdings begrenzt. Das Bundesumweltministerium errechnet eine jährliche Einsparung von 2,25 Millionen Tonnen Kohlendioxid bis 2030 – verglichen mit den mehr als 50 Millionen Tonnen, die trocken liegende Moore jährlich emittieren, ein bescheidener Beitrag. Der Wissenschaftliche Beirat für Natürlichen Klimaschutz (WBNK), dem Gremium aus Wissenschaftlern für natürlichen Klimaschutz unter dem Vorsitz des Vegetationsökologen Matthias Drösler, empfiehlt, bis 2045 rund 80 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Moorflächen wiederzuvernässen. Das entspräche etwa einer Million Hektar und würde jährliche Kosten von rund einer Milliarde Euro erfordern. Das aktuelle Programm ist auf 1,75 Milliarden Euro bis 2029 begrenzt – ein erster, aber weitreichender Schritt.
Hinzu kommt eine physische Grenze: Ein erheblicher Teil der entwässerten Moorböden hat sich bereits in sogenannte Moorfolgeböden verwandelt, bei denen der Torfkörper so stark zerstört ist, dass eine Wiedervernässung nicht mehr in jedem Fall ein funktionsfähiges Moor entstehen lässt. Was zu lange trocken lag, lässt sich nicht vollständig reparieren. Das neue Förderprogramm ist ein überfälliger Schritt. Ob er groß genug ist, um die klimapolitisch relevante Moorfläche in dem Tempo wiederherzustellen, das die Wissenschaft für nötig hält, bleibt offen.