Klima & Umwelt

Kommende Klimakonferenz legt Fokus auf Elektrizität

Wenn im November die COP31 im türkischen Antalya eröffnet wird, steht ein Ziel im Zentrum: Elektrifizierung. Der designierte türkische COP-Präsident Murat Kurum und der australische Chef-Verhandler Chris Bowen wollen den Anteil der Elektrizität am globalen Endenergieverbrauch bis 2035 von aktuell rund 20 auf 35 Prozent heben. Die Formel „35 by 35“ wird zur inhaltlichen Klammer des Gipfels. Anlass ist die anhaltende Energiepreiskrise durch den Hormus-Konflikt.

03.09.2026

Kommende Klimakonferenz legt Fokus auf Elektrizität

Der aktuelle Anteil der Elektrizität am globalen Endenergieverbrauch liegt bei rund 20 Prozent, unter dem Netto-Null-Szenario der IEA wären laut Argus Media bis 2030 bereits mehr als 27 Prozent nötig. Um bis 2035 auf 35 Prozent zu kommen, müssten Fahrzeuge, Gebäude und Industrieanwendungen konsequent umgestellt werden. Der türkische Umweltminister Kurum ordnet das im Kontext der Ölpreiskrise ein: „Der jüngste Krieg im Golf hat Energiediversifizierung – insbesondere den Übergang zu Erneuerbaren und Elektrifizierung – zu einer globalen Top-Priorität gemacht, weil dies der sicherste und sauberste Weg ist, Bürger weltweit vor volatilen Energiepreisen zu schützen.“

Für Kurum ist die Ansage auch ein Instrument der Klimadiplomatie in einer fragmentierten Welt. „In einer Zeit realer Fragmentierung der internationalen Beziehungen brauchen wir ein einziges, gemeinsames Ziel, um Regierungen, Unternehmen und Investoren hinter einer gemeinsamen Benchmark auszurichten und ein klares Marktsignal zu senden.“ Bei den UN-Zwischenverhandlungen im Juni in Bonn sei die Reaktion „außerordentlich positiv“ gewesen. EU, Großbritannien, Kanada sowie die brasilianische COP30- und die äthiopische COP32-Präsidentschaft hätten das Ziel begrüßt.

Zurück geht das Ziel auf ein Interview des designierten COP31-Präsidenten Murat Kurum mit Simon Evans für Carbon Brief von Mitte Juli 2026. Kurum, der auch türkischer Umwelt-, Stadtplanungs- und Klimaminister ist, verweist auf die technische Basis: „Das Ziel ‚35 by 35‘ ist in technischen Daten begründet und basiert auf einer Analyse der Internationalen Energieagentur (IEA) und der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) darüber, was nötig ist, um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens in Reichweite zu halten. Das Niveau war keine politische Wahl. Es spiegelt vielmehr wider, was Wissenschaft und Energiemodellierung als erforderlich benennen.“

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Belege für die wirtschaftliche Akzeptanz führt Kurum aus einer Erhebung der We Mean Business Coalition an: 90 Prozent der befragten Unternehmen erwarten, dass ihre Betriebe bis 2035 weitgehend elektrifiziert sein werden. 88 Prozent gehen davon aus, dass Elektrifizierung ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken wird. Die COP31-Präsidentschaft verbindet das Elektrifizierungsziel mit zwei weiteren Leitmarken: einer Halbierung des Abfallwachstums bis 2035 und einer Senkung der Energieintensität von Gebäuden um mindestens ein Viertel – der Gebäudesektor verursacht rund 37 Prozent der Treibhausgasemissionen.

Der australische Verhandlungsführer Chris Bowen ordnet das Ziel in einem Bericht von Climate Home News ein. Er wolle einen Kurs führen, der darauf abziele, „alles zu elektrifizieren, was elektrifiziert werden kann, und dafür zu sorgen, dass so viel dieses Stroms wie möglich aus erneuerbaren Quellen kommt“. Elektrifizierung sei „der Schlüssel zur Abkehr von fossilen Brennstoffen“. Beim Kopenhagener Klima-Ministerial im Mai hatte er festgehalten: „Höhere Ölpreise setzen alle unsere Bürger von Suva bis Sydney bis Stockholm unter Druck. Niemand kann die Sonne sanktionieren, niemand kann den Wind blockieren.“

Kritische Stimmen mahnen zur Vorsicht. Duygu Kutluay, Kampagnenleiterin bei Beyond Fossil Fuels, wies gegenüber Beobachtern in Bonn darauf hin, dass Elektrifizierung nur dann Klimanutzen bringe, „wenn der Strom aus Erneuerbaren kommt, nicht aus fossilen Brennstoffen“. Clémence Dubois, Kampagnenmanagerin bei 350.org, ergänzte, Elektrifizierung und Energiegerechtigkeit müssten durch eine Windfall-Steuer auf Übergewinne fossiler Unternehmen finanziert werden. Zudem fehle im Kernprogramm der COP31 bislang ein zentrales Element: Klimafinanzierung. Ob „35 by 35“ zum Beschleuniger wird oder ohne bindende Umsetzung bleibt, zeigt sich zwischen dem 9. und 21. November 2026 in Antalya.

Quelle: UD
 

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